Bloss raus aus dem Krieg

Bei den US-Veteranen wächst die Kritik an den bewaffneten Einsätzen im Ausland. Präsident Trump hat viele von ihnen ermutigt – aber auch enttäuscht.

US-Soldaten bei einem Marschhalt während einer Patrouille in der afghanischen Provinz Kunar. Foto: Carlos Barria (Reuters)

US-Soldaten bei einem Marschhalt während einer Patrouille in der afghanischen Provinz Kunar. Foto: Carlos Barria (Reuters)

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Kyle Bibby war 15 Jahre alt, als islamistische Terroristen am 11. September 2001 mehrere Flugzeuge entführten und in die Türme des World Trade Center flogen. Er erinnert sich an die Angst, die ihn damals packte und nie mehr losliess. Die Angst, dass es solche Anschläge immer wieder geben würde. Die Angst, dass es beim nächsten Mal auch seine Familie und Freunde treffen könnte. Als Bibby 17 war, meldete er sich zum Militär. «Das war mein Weg, diese Angst unter Kontrolle zu bekommen», sagt er.

Er durchlief die Offiziersschule der Marine und wurde 2010 nach Afghanistan geschickt, wo die USA und ihre Verbündeten nach 9/11 eingerückt waren, um die Taliban-Regierung zu stürzen. Doch was Bibby dort antraf, war nicht das, was er erwartet hatte.


«Wir waren bessere Streifenpolizisten», erinnert sich Veteran Kyle Bibby. Foto: PD

Obwohl seine Einheit in der Unruheprovinz Helmand stationiert war, blieb sie von schweren Kämpfen verschont. Das Problem, das er und seine Kameraden hatten, war eher ein anderes: Langeweile. «Wir waren bessere Streifenpolizisten», sagt er, «und wir waren Besatzer. Wir kamen in unseren Helikoptern herangeflogen, bis auf die Zähne bewaffnet, und fragten die Leute, ob sie in ihrem Dorf nicht gerne eine Schule hätten.»

Zur gleichen Zeit, als Bibby in Afghanistan diente, töteten US-Spezialkräfte in Pakistan Osama Bin Laden, den Drahtzieher der Anschläge vom 11. September. «Ich war sicher, dass unser Einsatz bald vorbei sein würde. Ein Jahr noch, dann würden wir alle aus Afghanistan raus sein.»

Es kam anders. Viele Veteranen nennen den Einsatz in Afghanistan den «Forever War», den endlosen Krieg. Es gibt dort mittlerweile US-Soldaten, die am 11. September 2001 noch gar nicht geboren waren. Auf jeden Fall ist der Krieg der längste in der Geschichte der USA.

Am heutigen Veterans Day wird der Soldaten, die dort dienten, gedacht. Ihnen und allen anderen, die einmal die Uniform der Streitkräfte trugen. Es wird Reden geben, Gottesdienste und Paraden. In den Läden erhalten Veteranen Sonderrabatte, in den Restaurants kostenlose Mahlzeiten, so wie jeden 11. November. Und doch wird es für viele von ihnen kein gewöhnlicher Veterans Day sein. Für den Tag danach sind in Washington Proteste angekündigt – von den Veteranen selbst. Sie wollen daran erinnern, dass der Krieg in Afghanistan noch immer andauert.

Jeden Tag 20 Suizide

Einer von ihnen ist Dan McKnight. Er diente 13 Jahre als Soldat bei den Streitkräften, darunter mehr als ein Jahr in Afghanistan. Der Einsatz dort verfolgte ihn auch noch, als er längst zurück im Bundesstaat Idaho war. «Ich war stets in Alarmbereitschaft, hatte immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmte», sagt er. Vor seinem Haus warteten jeweils die Nachbarskinder auf den Bus, der sie zur Schule bringt. Eines Morgens sah McKnight vom Fenster aus einen Rucksack, der vor seinem Haus lag. Er gehörte einem der Schulkinder, das ihn vergessen hatte, doch das war McKnight in diesem Moment nicht klar. Plötzlich war er in seinem Kopf nicht mehr in Idaho, sondern zurück in Afghanistan – und der Rucksack war eine Sprengfalle am Strassenrand. Er geriet in Panik. «Es dauerte Stunden, bis ich mich wieder beruhigt hatte», sagt er.

Heute führt McKnight eine kleine Organisation mit dem Namen Bring Our Troops Home, Holt unsere Truppen nach Hause. Das sei nicht nur sein Wunsch, sondern der Wunsch vieler Veteranen. Laut einer Umfrage des Pew-Instituts vom Juli finden mittlerweile 64 Prozent der Veteranen, dass sich der Krieg im Irak nicht gelohnt habe. 58 Prozent sagen dasselbe über den Kampf in Afghanistan. «Es sind unsere Soldaten, die den Preis dafür bezahlen», sagt McKnight.

Im Militär gelte der Grundsatz: Wir lassen niemanden zurück. «Doch in Wahrheit haben wir schon viel zu viele Leute zurückgelassen.» Er meint damit die 7000 US-Soldaten, die seit 2001 im sogenannten Krieg gegen den Terror gefallen sind. Er meint die Zehntausenden Soldaten, die verletzt und traumatisiert zurückgekehrt sind. Und er meint die rund 20 Veteranen, die sich jeden Tag das Leben nehmen.

«Trump ist der erste Präsident, der in Bezug auf diese Kriege den richtigen Instinkt hat, er ist unsere Hoffnung.»Dan McKnight, ehemaliger Afghanistan-Kämpfer

Für Dienstag, den Tag nach dem Veterans Day, hat McKnight in Washington eine Kundgebung von Veteranen organisiert. Sie werden vor den Kongress ziehen, um für ein Ende der bewaffneten Einsätze im Ausland zu demonstrieren. Auch einige hochrangige frühere Militärs werden Ansprachen halten, darunter Don Bolduc, ein ehemaliger Brigadegeneral, der insgesamt 66 Monate in Afghanistan stationiert war. Viele dieser Leute sind Anhänger von Donald Trump, auch McKnight unterstützt ihn. «Trump ist der erste Präsident, der in Bezug auf diese Kriege den richtigen Instinkt hat. Er ist unsere beste Hoffnung, dass wir damit aufhören, den Weltpolizisten zu geben.»

Trumps Versprechen, keine Kriege mehr führen zu wollen, hat ihm 2016 viele Wähler gebracht. Besonders in ärmeren Gegenden, die viele Kriegsopfer zu beklagen haben, schnitt der Präsident gut ab. Doch obschon Trump seinem Unmut über die US-Einsätze im Nahen Osten regelmässig Luft macht, ist seine bisherige Bilanz in diesem Bereich dünn.

Die «New York Times» hat kürzlich vorgerechnet, dass bei Trumps Amtsantritt 10'000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert waren. Heute sind es wieder 13'000, und die Friedensverhandlungen mit den Taliban, die zu einem Rückzug hätten führen sollen, sind geplatzt. Auch im Persischen Golf haben die USA ihre militärische Präsenz als Reaktion auf iranische Provokationen ausgebaut und zusätzliche 14'500 Soldaten entsendet.

Rückzug – aber wie?

Selbst in Syrien, wo Trump mit dem überhasteten Rückzug von Truppen aus dem Norden des Landes den Weg für einen türkischen Angriff auf die Kurden frei machte, werden nach der Schätzung der «Times» ungefähr gleich viele Soldaten sein wie zuvor – nur stehen sie dann bei den Ölfeldern an der Grenze zum Irak. Und schliesslich überstimmte der Präsident auch einen Beschluss des Kongresses, mit dem eine Mehrheit aus beiden Parteien gefordert hatte, die US-Beteiligung am Jemenkrieg zu beenden. Der Präsident sei eben eine «Wildcard», sagt McKnight. Wenigstens habe er die USA nicht in einen neuen Krieg geführt, etwa gegen den Iran.

Doch andere Veteranen trauen Trump nicht. «Er hat nur leere Versprechen gemacht», sagt Perry O’Brien. Er diente 2003 als Sanitäter in Afghanistan, heute ist er Aktivist bei Common Defense, einer Organisation von 20'000 Veteranen, die politisch links stehen. Auch O’Brien wünscht sich ein baldiges Ende der US-Einsätze in Nahost. Doch die Art und Weise des Abzugs in Syrien sei falsch gewesen. Trump habe die kurdischen Verbündeten verraten und ein Chaos angerichtet, das nun Gegnern eines US-Rückzugs als Munition diene. «Es muss möglich sein, unser Engagement auf verantwortliche Weise zu beenden», sagt O’Brien.

Veteran Dan McKnight leidet bis heute unter den Folgen des Krieges. Foto: PD

In ihrer Meinung über Trump mögen die Veteranen gespalten sein, doch ihre verschiedenen Organisationen von links und rechts eint ein Ziel: Der Kongress soll seine Zustimmung, die er nach 9/11 zu den bewaffneten Einsätzen gegeben hat, zurückziehen. Dazu bearbeiten sie Abgeordnete aus beiden Parteien. Um die Republikaner kümmert sich die Gruppe Concerned Veterans for America, die zum einflussreichen Netzwerk der Koch-Familie gehört. Common Defense hat dagegen einige demokratische Präsidentschaftskandidaten dazu gebracht, sich zu einem «vernünftigen und zeitnahen» Ende der Einsätze zu bekennen. Unter ihnen sind Elizabeth Warren, Bernie Sanders und Cory Booker.

All dies ist neu. Noch vor wenigen Jahren hätten sich nicht viele ehemalige Soldaten kritisch über die Einsätze geäussert, sagt der Konservative Dan McKnight. Entweder man stellte sich uneingeschränkt hinter die Truppen – oder man galt als unpatriotisch. Das sei vorbei. «Jeder sieht, was für ein Schlamassel die Gegenden immer noch sind, in denen wir nun schon seit so vielen Jahren sind.» Doch was ist, wenn das Schlamassel nach einem Abzug der Vereinigten Staaten noch grösser wird? Wer sorgt dann für Ordnung und Stabilität? Für McKnight ist die Antwort klar. Amerikanische Soldaten hätten nun lange genug versucht, Länder zu befrieden, in denen sie nicht willkommen waren: «Sollen es nun andere tun.»


Podcast «USA: Entscheidung 2020»

Hören Sie sich die neuste Folge des Podcasts «Entscheidung 2020» mit USA-Korrespondent Alan Cassidy und Philipp Loser auch auf Spotify oder auf iTunes an.


Erstellt: 10.11.2019, 18:16 Uhr

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