So radikal hat das Smartphone unser Leben verändert

In einer Dekade errang das Smartphone die Weltherrschaft. Was Sie über ein atemberaubendes Jahrzehnt wissen müssen. Und was die mobile Zukunft verspricht.

Das Smartphone als stärkste Waffe: Hunderttausende organisieren sich in Hongkong über Messenger-Apps und zeigen ihre Solidarität mit den Inhaftierten Foto: Lam Yik Fei/«The New York Times»/R/Redux/Laif

Das Smartphone als stärkste Waffe: Hunderttausende organisieren sich in Hongkong über Messenger-Apps und zeigen ihre Solidarität mit den Inhaftierten Foto: Lam Yik Fei/«The New York Times»/R/Redux/Laif

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Es ist der 17. Dezember 2010, und der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi kann nicht mehr. Über Monate hat ihn die Polizei schikaniert, seinen Stand immer wieder geschlossen und am Ende auch noch seine Waage beschlagnahmt.

Vor der Präfektur von Sidi Bouzid, seiner Heimatstadt, schüttet sich der 26-jährige Familienvater ­Benzin über den Kopf. Und zündet sich an. Ein Volksaufstand erschüttert Tune­sien, die Menschen verbünden sich – nicht im Untergrund, sondern übers Mobil­telefon und die sozialen Medien. Einen Monat später flieht Diktator Ben Ali in der Präsidentenmaschine ausser Landes.

Twitter-Revolution: Per Social Media und Handys organisieren sich im Maghreb die Unzufriedenen trotz Zensur – so beginnt 2010 der Arabische Frühling. Foto: AP

Knapp zehn Jahre später, in diesen Wochen kurz vor Ende des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, schlägt die Weltgeschichte einen Bogen.

Der Homo sapiens krümmt sich, das Handy in der Hand

Dieses Mal probt das Volk in Hongkong die Revolution. Seine stärkste Waffe: wiederum das Mobiltelefon. Hunderttausende Menschen verabreden sich über Messenger-Dienste wie Telegram, versenden Flyer über die Bluetooth-App Bridgefy oder streamen auf Facebook in Echtzeit die erbarmungslose Härte der Polizei.

Politik, Wirtschaft, Kultur, Alltag: Noch nie in der Geschichte hat eine neue Technologie dermassen rasant und total die Welt verändert. Weder die Atomkraft noch die Gentechnik. 2010 benutzten 350 Millionen Menschen ein Smartphone, heute sind es 3,5 Milliarden, zehnmal mehr. Und wenn man einer US-Umfrage glauben will, ist für ein Drittel dieser Menschen der smarte Begleiter im Bett wichtiger als der Partner.

Dieses coole Stück Hightech verbindet und trennt uns zugleich. Mit der Tinder-App mögen einige die grosse Liebe finden, andere schnellen Sex. Doch dieselben Geräte lassen den Homo sapiens, der seinen Blick nicht mehr lösen kann vom Handyscreen in der Hand, in gekrümmter Haltung und autistisch durch die Welt gehen.

Swipend zur nächsten Affäre oder zur grossen Liebe: Die auf GPS basierende Dating-App Tinder verkuppelt Millionen. 2012 kam die Applikation auf den Markt. Foto: Getty Images

Alles konsumieren wir on the go. News und Games, Musik, Literatur, Videos – alles ist mobil verfügbar. Genauso wie Shoppen, Flüge buchen, Zahlungen erledigen oder Yogakurse. Und zügig SBB-Sparbillette kaufen, das geht am besten mit der App. Zu welch absurdem Verhalten die elektronischen Begleiter uns führen können, wissen auch diejenigen, die mit dem Uber-Fahrer nur deshalb sprechen, weil der sie dann als angenehmen Fahrgast ratet.

Willkommen in der Bewertungsdiktatur, die in den Zehnerjahren regiert. Der Beliebtheitsgrad als Wert eines Menschen, das ist das Erfolgsgeheimnis von Instagram, dem sozialen Netzwerk der Dekade.

Youtube verursacht mehr als ein Drittel des mobilen Datenverkehrs

Auf Instagram gibt es keine Wut-­Emojis und Daumen, die nach unten zeigen wie bei Facebook. Nur Menschen, die schöngefärbte Selfies posten und sich mit Nettigkeit übertrumpfen – allein, um selber möglichst viele Likes zu kriegen. Auf dem Wohlfühl-Netzwerk inszenieren Nobodys Momente, in denen das Leben gut zu ihnen war, während die sogenannten Influencer ein Business daraus machen. Als Model, Make-up-Artist oder Besitzer eines besonders herzigen Hundes.

Die Mobil-Revolution stellt nicht bloss Märkte, sondern auch Kulturtechniken und soziale Konzepte auf den Kopf. Der deutsche Influencer Rezo löste mit seiner Hochgeschwindigkeitsrede «Die Zerstörung der CDU», publiziert Mitte dieses Jahres auf Youtube, ein politisches Erdbeben aus. Etablierte ­Politiker wussten nicht, wie ihnen geschah, und lancierten eigene Youtube-Kommentatoren, allerdings vergeblich. Nebenbei bemerkt: Youtube sorgte 2018 für ein Drittel des globalen Mobil-Traffics.

Politischer Influencer: Der deutsche Youtuber Rezo veröffentlicht 2018 eine Abrechnung mit der CDU und erreicht Millionen Leute. Die Reaktion der Partei endet in einem kommunikativen Desaster. Foto: Getty Images

Die digitale Annexion unserer Lebensbereiche hat sich nochmals beschleunigt. Kaum findet man sich auf einem Gerät oder in einer App zurecht, wird eine neue, bessere Technologie lanciert.

Dieses Tempo schaffen nicht mehr alle. Alte Eliten werden zu Zaungästen des Fortschritts, das Mobil-Paradigma führt zu einer Neuhierarchisierung der Werte. Zum Beispiel in der Kultur: Das Genre der Fernsehserie ist zum Lieblingskind des Feuilletons aufgestiegen, der Mentor dieser Karriere ist der US-Streaming-Dienst Netflix.

Massgeschneiderte Serien, Filme und Musik zu jeder Zeit: Nicht nur unser Seh- und Hörverhalten haben die Streaming-Dienste verändert, sondern auch die Inhalte. Bei Spotify zählt ein Song erst als gespielt, wenn der User ihn mehr als 30 Sekunden lang angehört hat. Also platzieren die Komponisten prägende Elemente eines Stücks bereits am Anfang, das instrumentale Intro verschwindet zunehmend. 40 Millionen Songs lagern heute auf den Spotify-Servern. «Überfluss!», rufen die Kulturpessimisten. Dabei: Ist dieses Alles-für-alle nicht eine wahr gewordene Utopie?

Die Geräte kennen uns besser als wir uns selbst

Cyberspace, Informationsflut oder Handy-Abhängigkeit: Einverstanden, in weniger ausgeprägter Form gab es diese Phänomene schon in den Nullerjahren. Und dass wir uns mit elektronisch verbreiteter Unterhaltung zu Tode amüsieren würden, davor warnten medienkritische Geister schon in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Was aber neu ist in den Zehnerjahren und definierend für die Dekade: Die technologische Entwicklung verwandelt Mobiltelefone in hochsensible Messgeräte mit scharfen Augen, empfindlichen Ohren und einem hervorragenden Gleichgewichtssinn. Bis zu einem Dutzend Sensoren sind in aktuellen Modellen verbaut: Thermometer, Beschleunigungssensor, GPS-Modul, Mikrofon, Gyroskop, Kamera sind nur die wichtigsten Messwerkzeuge, die unentwegt Daten sammeln.

Täglich generieren wir ungeheure Datenmengen – Big Data ist ein Schlüsselwort der Dekade. Foto: Screenshot

Runtastic weiss, wie fit ich bin. Yazio notiert meinen Kalorienverbrauch. Und der Ava-Fruchtbarkeitstracker kennt den idealen Tag, um ein Baby zu zeugen. Immer mehr Menschen protokollieren mit solchen Handy-Apps ihre Aktivität und ihre Körperdaten, um diese Informationen mit Tracking-Programmen auszuwerten. Das Ziel: die Selbstoptimierung, das bessere Ich.

Monopole, monströse Gewinne – kollabiert der Kapitalismus?

Auf der Ebene des Individuums mag man diese Selbstüberwachung als Macke oder Neurose belächeln. Es sind jedoch mittlerweile Milliarden Smartphones online, die ihre Träger verfolgen, deren Umgebung ausloten und damit den Planeten und seine Population vermessen. An diesen Punkt hat uns die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts geführt. Was genau dies für uns alle bedeutet, wo dies alles hinführen wird – das kann man leider nicht googeln.

Sicher indessen ist: Die immensen Big-Data-Mengen – ihre Grösse verdoppelt sich alle zwei Jahre – werden verwertet. Sie sind oft ein Gewinn für die Wissenschaft, etwa die erwähnten Gesundheitsdaten. Davon profitieren alle. Aber gilt dies auch dann, wenn eine Krankenkasse in den Infotopf greift, um Prämien zu personalisieren? Der Datenschützer meinte unlängst: Nein. Und pfiff die Helsana-Manager zurück, die solches im Schilde führten.

Rund 40-mal in 24 Stunden fragt Googles Betriebssystem Android ein Smartphone nach Daten ab. Den Standortverlauf, die Suchanfragen, die Umgebungstemperatur etwa. Mittlerweile können Nutzer das Rumschnüffeln verbieten – aber, mal ehrlich, wer von uns weiss, wie das funktionieren soll?

Dank ihr wird Android cool: Rosie Huntington-Whiteley machte 2011 erstmals Werbung für das Betriebssystem von Google. Foto: Getty Images

Der Silicon-Valley-Komplex saugt den Datenstrom ab, um Produkte zu entwickeln, zu verbessern, zu personalisieren. Digitalunternehmen wie Facebook, Apple, Amazon und Google häuften auf diese Weise in den Zehnerjahren einen monströsen Reichtum an. Sie schaffen in Schlüsselmärkten Quasimonopole, Wirtschaftstheoretiker befürchten, der wettbewerbs­getriebene Kapitalismus könnte darob kollabieren.

Wenn die Politik gegen diese Entwicklung Bedenken anmeldet oder gar entschlossen dagegen antreten will, dann macht sie eine traurige Figur. So auch die EU-Parlamentarier, die 2018 nach dem Datenskandal um Cambridge Analytica den Facebook-Boss Mark Zuckerberg nach Brüssel zitierten. Die Befragung sollte eine Sternstunde des Europa-Parlamentes werden, das war der Plan. Stattdessen geriet sie zum Desaster. Die Abgeordneten hatten von der Materie schlicht keine Ahnung, sie versuchten bloss, sich wichtig zu machen. Die Szene war elend, aber sinnbildlich für die Inkompetenz der Politik im Schlüsselthema der Zehnerjahre.

Datenskandal: Handelte Facebook mit Userdaten? Mark Zuckerberg muss 2018 vor den US-­Kongress. In Nöte kommt er nicht, die Materie ist für Politiker zu komplex. Foto: Getty Images

Wer den endgültigen Beweis dafür sucht, dass die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts als «Mobiles Jahrzehnt» in die Geschichte eingehen werden, der sei auf das global umkämpfte Megaprojekt 5G verwiesen. China ist entschlossen, die Vorherrschaft in dieser Technologie nicht den USA, nicht dem Silicon Valley zu überlassen. Denn der neue Mobilfunkstandard wird die Telekommunikation revolutionieren. 5G ist schneller. 5G kann grössere Datenmengen verarbeiten. 5G, das ist eine Art Ferrari im Datenverkehr.

Was wir auch lernten: Den richtigen Umgang mit Nacktbildern

Ganz offensichtlich ist es nicht mehr möglich, die Smartphones einfach in eine Ecke zu schmeissen.

Es wäre ohnehin eine schlechte Idee. Denn die von der Mobil-Hightech vorangetriebene Chronik der Zehnerjahre ist auch das Protokoll einer erstaunlichen Anpassungsleistung. Bei allen Problemen und Gefahren ist es den Menschen bislang gelungen, die neue Technologie einigermassen erfolgreich in ihr Leben zu integrieren.

Heute versendet niemand mehr Sexbilder über den öffentlichen Mikrobloggingdienst Twitter, und zuversichtlich macht auch ein Blick auf die Jugend der Zehnerjahre. Digitalkritiker und Kulturskeptiker gefallen sich zwar darin, ein oft schon karikierendes Bild von den Heranwachsenden zu zeichnen: apathische Smartphone-Süchtige, fortwährend auf Youtube, Instagram, Tiktok, aber nicht im richtigen Leben, mit 16 pornosüchtig, dissozial.

In Tat und Wahrheit weiss diese Generation in der Regel kompetenter mit den neuen Technologien umzugehen als die Erwachsenen und findet sich besser zurecht in der Digitalwelt. Auch das ist ein Merkmal dieses aussergewöhnlichen Jahrzehnts: dass die junge Generation zur Lehrerin ihrer Eltern wird.

Die ganze Timeline der Zehnerjahre finden Sie hier.



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Erstellt: 17.11.2019, 07:11 Uhr

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