Sondereinsatz gegen den Müll

Rund 120 Freiwillige haben die Limmat nach Abfall abgesucht. Eine Aktion, die sich lohnt. Unter anderem zogen die Taucher 64 Velos und Tausende Glasflaschen aus dem Wasser.

Komiker Beat Schlatter (2. von links) packt mit an. Er ist Botschafter für sauberes Wasser. Foto: Urs Jaudas

Komiker Beat Schlatter (2. von links) packt mit an. Er ist Botschafter für sauberes Wasser. Foto: Urs Jaudas

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Es blubbert neben dem Weidling, der etwas unterhalb des Drahtschmidlistegs in der Limmat treibt. Der Kopf eines Tauchers erscheint. Er schnaubt, spuckt das Mundstück aus, keucht: «Nehmt das mal, das ist schwer.» Zwei Männer im flachen Ruderboot packen zu, ziehen erst eine Baustellenlampe aus dem Fluss, dann eine triefende Sporttasche, die wohl einst grün war. Der Taucher verschnauft kurz, anschliessend schnappt er sich einen Plastikkorb, steckt das Mundstück wieder ein und verschwindet im zwölf Grad kalten Wasser.

Willkommen an der Limmatputzete. Alle drei Jahre findet sie statt, immer im November nach dem Züri-Fäscht. Das sei die ­beste Zeit für die Aktion, erklärt Christian Spaltenstein, Mediensprecher der Stadtpolizei: «Um diese Jahreszeit ist das Wasser weniger trüb.» Ausserdem ­fahren die Limmatschiffe nicht mehr.

Die Reinigungsaktion lohnt sich, jedes Jahr ziehen die rund 180 Beteiligten – 50 bis 60 Taucher und etwa 120 Helfer – mehrere Tonnen Abfall aus dem Fluss. Velos, Einkaufswägeli, Verkehrsschilder und vor allem ­unzählige Glasflaschen. «Das ist eine halbe Altglassammlung da unten», sagt ein Taucher kopfschüttelnd.

Kampf gegen die Strömung

Auch verrückte Sachen kommen mitunter zum Vorschein. Vor drei Jahren erregte die Trommel einer Waschmaschine Aufsehen, vor sechs Jahren eine ­Lichtmaschine und eine Pump-Action-Waffe. Waffenfunde kämen immer mal wieder vor, sagt Spaltenstein. Das ist mit ein Grund, warum die Stadtpolizei bei der Limmatputzete mitmacht. Der andere sind Portemonnaies und Wertsachen, bei denen die Polizei allfällige Spuren sichert und versucht, die Besitzer zu ermitteln. Auch die grüne Sporttasche wird ein Fall für die Polizei.

Weil es in den letzten Tagen viel geregnet hat, ist die Strömung für die Taucher am oberen Limit, es ist ein ständiger Kampf, um nicht abgetrieben zu werden. Die Körbe voller Flaschen machen die Sache noch schwieriger, erklärt Taucher Daniel Bernhard: «Die sind wie ein Segel, das zieht dich richtig runter.» Sein ­Kollege – aus Sicherheitsgründen sind Taucher und Taucherinnen immer zu zweit unterwegs – ­musste deswegen ein Verkehrsschild und zwei Veloräder wieder loslassen. Schwere Gegenstände bergen die Taucher nicht selbst, sondern befestigen Seile daran; die Helfer in den Booten oder an Land ziehen sie dann heraus.

Was da nicht alles zum Vorschein kommt. Die Limmatputzete birgt Kuriositäten. Foto: Urs Jaudas

Organisiert wird die Limmatputzete von der Stadt Zürich zusammen mit dem Schweizer Un­terwasser-Sport-Verband, dem Pontonier-Sportverein, den Limmatfischern und dem Limmatclub. Mit von der Partie ist heuer auch Komiker Beat Schlatter, als Botschafter für sauberes Wasser packt er auf einem Boot eine Zeit lang mit an.

Traditionellerweise helfen auch Gymnasiasten der Kantonsschule Enge. Sie sind erstaunt, was alles zum Vorschein kommt. «Ich hätte gedacht, dass die ­Leute heutzutage wissen, was sie anrichten, wenn sie Abfall ins Wasser schmeissen», sagt einer der Jugendlichen.

Polizei kommt nicht nach

Schön wäre es. Eigentlich reinigen die Angestellten von Entsorgung + Recycling der Stadt Zürich sowie die Wasserschutzpolizei Seeufer und Fliessgewässer regelmässig. «Doch ohne die grosse Putzete geht es in der Limmat nicht, wir kämen nicht nach», sagt Polizeisprecher Spaltenstein. Es liegt schlicht zu viel da unten. Nicht dass die Zürcherinnen und Zürcher besonders viel Güsel in ihren Fluss werfen würden – aber die Limmat hat wenig Strömung, sodass der Abfall anders als zum Beispiel im Rhein liegen bleibt.

Die Bilanz des Tages: über 50 Kubikmeter Müll, unter anderem 64 Velos, 15 Einkaufswagen, 1 Blechofen, 1 Kinderwagen, 1 Staub­sauger, 3 Gartentische, 4 Gehkrücken, 1 Duschkopf, ­einige Radabdeckungen, 1 Waffe sowie Munition – und 6 E-Scooter. Das sind weniger als befürchtet. Aber dafür gibt es eine Erklärung: Die Wasserschutzpolizei holt die Trotti jeweils sofort aus dem Wasser, wenn sie eine Meldung erhält, weil die Akkus auslaufen und die Limmat mit gefährlichen Chemikalien verschmutzen könnten.

Erstellt: 10.11.2019, 21:48 Uhr

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