Speeddating mit Kane, Amüsieren mit Klopp

Zu Besuch bei Tottenham, dem Club der verrückten Fussballbauten, und in Liverpool, wo die Vorfreude auf den Champions-League-Final die Stadt prägt.

Setzt zum Sprint an: Tottenhams Stürmerstar Harry Kane fühlt sich bereit für den Final in der Königsklasse gegen Liverpool.

Setzt zum Sprint an: Tottenhams Stürmerstar Harry Kane fühlt sich bereit für den Final in der Königsklasse gegen Liverpool. Bild: Tim Ireland/Keystone

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Der Rasen ist saftig grün und keinen Millimeter zu lang, die Blumen blühen, die Hecken werden von Gärtnern in Clubkleidern wasserwaagegerecht gestutzt. «Welcome to the Tottenham Hotspur Training Center» steht auf dem Schild beim Eingang. Wer es passiert, ist privilegiert – Fans haben keinen Zutritt. Entlang geht es der Strasse, gesäumt in gleichmässigem Abstand von Bäumen, über 150 hat der Club setzen lassen, dazu Tausende von Pflanzen und Blumen, es gibt einen Obst- und Gemüsegarten. Der Ort ist eine Oase der Ruhe, nur das Rauschen der nahen Autobahn dringt hinüber.

Dass der Zweck dieser Einrichtung ist, Fussballern bestmögliche Bedingungen zu bieten, daran erinnern die 15 Rasenplätze, die über das 30 Hektaren grosse Gelände verteilt sind. Auf einem trainiert an diesem Vormittag eine Jugendmannschaft Tottenhams, ansonsten sind beim Gang zum Hauptgebäude nur Sicherheitskräfte und Gärtner zu sehen, einer mäht den Rasen eines kleinen Golfplatzes. Vernunft scheint bei der Planung nicht der Vater des Gedankens gewesen zu sein. Der für rund 60 Millionen Franken erbaute Hotspur Way ist eine Stätte des Luxus und Überflusses.

Es ist Montag, der Anfang einer grossen Woche im englischen Fussball. Am Nachmittag spielt Aston Villa im Playoff um den Aufstieg in die höchste Liga im Londoner Wembley gegen Derby County, am Mittwoch stehen sich in Baku im Europa-League-Final die Londoner Clubs Arsenal und Chelsea gegenüber. Und am Samstag folgt der krönende Abschluss: der Champions-League-Final zwischen Tottenham und Liverpool in Madrid.

Der etwas andere englische Grossclub

Der Besuch bei den Finalteilnehmern beginnt in London, dieser Weltstadt mit 8,8 Millionen Einwohnern, die so gross ist und so viel bietet, dass sie trotz 13 Proficlubs in den höchsten drei Ligen nie nur vom Fussball vereinnahmt wird. Mit U-Bahn und Zug führt die Fahrt aus dem Zentrum in den Norden, vorbei am neuen Stadion der Tottenham Hotspurs, das für über eine Milliarde Franken erbaut und im April eröffnet worden ist, wie ein riesiges UFO aus den tristen Backsteinsiedlungen Tottenhams ragt.

«Welcome to the Tottenham Hotspur Training Center»: Wer es betreten darf, ist privilegiert – Fans haben keinen Zutritt. (Bild: Dominic Wuillemin)

Der Club trainiert in Enfield, am Rand Greater Londons, Glanz und Hektik der Grossstadt sind fern. Es hat viel Grün und wenig Autos, in der Nähe des Trainingszentrums wirbt eine Beiz mit Biergarten. Tottenham hat zum Medientag geladen, Liverpool wird es tags darauf tun. Auf dem Programm stehen Pressekonferenzen, ein öffentliches Training sowie Einzelinterviews. Für einmal wird Eintritt in eine Welt gewährt, die sonst durch hohe Zäune und Mauern gegen Blicke von aussen geschützt ist.

Seit 2012 trainiert Tottenham hier, es war das erste grosse Bauprojekt des Clubs, das zweite ist das Stadion. Tottenhams Wachstumsstrategie fusst auf Steinen, nicht Beinen, aus Spargründen haben die Spurs diese Saison keinen einzigen Spieler verpflichtet. Das macht Tottenham zu einer Ausnahme in einer Liga, deren 20 Clubs 2018/2019 fast 2 Milliarden Franken für Transfers ausgegeben haben.

Die Eingangskontrollen sind strikt: Genauso exakt werden die Pflanzen auf der Anlage gepflegt – typisch englisch eben. (Bild: Dominic Wuillemin)

Der «Boss» und seine «Helden»

Der Mann, der Tottenham dennoch ins grösste Spiel des Clubfussballs geführt hat, schlendert an diesem Vormittag übers Gelände, grüsst das Sicherheitspersonal, das ihn «Boss» nennt. Später, an der Medienkonferenz, sagt Mauricio Pochettino: «Es ist unglaublich, welche Entwicklung der Verein vollzogen hat.»

Am Montag sind genau fünf Jahre vergangen, seit er zu Tottenhams Manager ernannt worden ist, nur in der ersten Saison hat der Argentinier die Spurs nicht in die Top 4 geführt. Der letzte Ligatitel ist bald 60 Jahre her, der letzte internationale Triumph liegt 35 Jahre zurück, im Final der Königsklasse stand der Club noch nie. Nun könnte dieses Spiel die Spurs auf ein neues Niveau heben, das Eindringen in die Pha­lanx der grössten europäischen Clubs ermöglichen. Als der Finaleinzug in Amsterdam auf dramatische Weise gelang, wurde ihr Trainer von den Emotionen überwältigt: Pochettino in Tränen auf dem Rasen kniend – es ist eines der stärksten Bilder dieser Saison.

«Sie alle sind Helden.»Tottenham-Coach Mauricio Pochettino

Die Qualitäten des früheren Nationalspielers sind während der Medienkonferenz hörbar. Er redet klug, empathisch und bildhaft, man erhält einen Eindruck, wie es ihm gelungen ist, sein Team gleich mehrmals vor dem anscheinend sicheren Ausscheiden zu bewahren. Einmal findet er, während er in Richtung der Wand des vollen Raumes zeigt, dass sich in Madrid für das Mannschaftsfoto vor dem Anpfiff nicht nur die Spieler der Startformation, sondern alle 23 sollten aufstellen dürfen. «Denn ohne den Einsatz von jedem Einzelnen wären wir nun nicht im Final. Sie alle sind Helden. Und haben es verdient, eine Erinnerung in Form dieses Fotos daheim an die Wand hängen zu können.»

Hoffen auf den Hoffnungsträger

Pochettino kann vom Kollektiv reden, wie er will, einer seiner Spieler ragt doch heraus. Es ist Stürmer Harry Kane, der sich Anfang April so schwer am Fussgelenk verletzte, dass seine Saison beendet schien. Nun sagt er vor dem grössten Spiel seiner Karriere: «Ich fühle mich bereit.»

Video: Die Tottenham-Spieler beim Training

Einmaliger Einblick: Auf einem der 15 Rasenplätze bereiten sich die Spurs auf den CL-Final gegen Liverpool vor. (Video: Tamedia/Dominic Wuillemin)

Die Aktivitäten haben sich in die Halle neben dem Hauptgebäude verlagert, auf dem Indoor-Kunstrasen ist eine Interviewzone eingerichtet. Es ist stickig und heiss, durch das Glasdach brennt die Sonne. Begleitet von Betreuern, die stets die Zeit im Auge behalten, werden die Spieler zu Journalisten hinter den Absperrungen gelotst, ein paar Antworten später werden sie zur nächsten Gruppe geführt.

Es geht zu und her wie beim Speeddating, und der Begehrteste ist Kane, der sich trotz der Aufmerksamkeit, die ihm als Captain des englischen Nationalteams zuteil wird, eine erfrischende Normalität bewahrt hat. Der 25-Jährige erzählt, wie er das Viertelfinal-Rückspiel zu Hause mit seinem Vater und Freunden geschaut habe. Und wie ein Kollege aus Frust aus dem Raum gestürmt sei, als Raheem Sterling in der 93. Minute vermeintlich das Weiterkommen der Citizens besiegelt hatte, ehe der Treffer nach Konsultation des Videobeweises aberkannt wurde. Er redet vom Rückspiel in Amsterdam, über die einzigartigen Emotionen nach Lucas Mouras 3:2 in letzter Sekunde. Er sagt: «Wir haben einen aussergewöhnlichen Spirit.»

«Es ist crazy.»Spurs-Verteidiger Jan Vertonghen

Der Weg in den Final, samt komplizierter Gruppenphase, ist am Montag oft Thema. Von «Destiny» ist dann bei den Journalisten die Rede, vom Schicksal. Als er gefragt wird, wann er gedacht habe, dass etwas Spezielles geschehe, sagt der belgische Verteidiger Jan Vertonghen, dieses Gefühl habe er ein Dut­zend ­Mal gehabt. «Es ist crazy.»

Die Bewohner Liverpools lassen nichts unversucht

Via den Bahnhof Euston, in dem am Montagabend bierselige Aston-Villa-Fans den Aufstieg feiern und mit einer Strassenmusikerin Oasis’ «Wonderwall» anstimmen, geht es mit dem Zug drei Stunden in den Nordwesten nach Liverpool. Der Dienstag ist durchaus freundlich für diese Gegend und Jahreszeit, die Sonne findet immer wieder den Weg an den hetzenden Wolken vorbei.

Dass ein grosses Spiel bevorsteht, ist in der Stadt am Mersey mit ihren 500'000 Einwohnern greifbar, Clubflaggen hängen an Fenstersimsen, bei vorbeifahrenden Autos flattern Fähnchen im Wind. Es ist ein Kontrast zu Tottenham, wo nichts auf den Final hindeutete und ein Mitarbeiter im riesigen Fanshop im Bauch des neuen Stadions sich freimütig als Fan von Manchester United bekannte.

Auch Terry O’Shaughnessy bereitet sich auf das grosse Endspiel vor: In Liverpool hängen die Einwohner fast an jeder Ecke die Clubflaggen auf. (Bild: Dominic Wuillemin)

Terry O’Shaughnessy steht in kurzen Hosen und im weissen ärmellosen Shirt auf der Leiter, er befestigt gerade eines der vielen Fanutensilien, die sein kleines Reihenhaus schmücken. Die Bewohner des Penmann Crescent in Halewood, einem Vorort Liverpools, pflegen dies schon seit längerem vor grossen Spielen zu tun, das hat sie zum Thema bei Lokalmedien gemacht. Es sieht aus wie beim Karneval, rot-weisse Girlanden kreuzen die Strasse. Nur ein Haus ist nicht dekoriert, es gehört einem Fan des Stadtrivalen Everton.

Aber diesmal, so sagt Terry, hätten ihre Bemühungen ein neues Level erreicht. Später will er noch eine Lichtanlage installieren, die das Clubwappen nachts an die Häuser projiziert. Er sieht aus wie ein pensionierter Preisboxer, aber er ist freundlich und zugänglich wie die meisten Menschen, mit denen man in Liverpool ins Gespräch kommt. Zum Abschied sagt der Fan, man solle die Bilder der geschmückten Häuser den Spielern zeigen, dies sei der Motivation sicher dienlich.

Klopp und die sechsverlorenen Finals

Die Spieler befinden sich in Melwood, dem Trainingszentrum des FC Liverpool, das mitten in einem Wohnquartier liegt – umgeben von einer grauen Mauer mit Stacheldraht. Melwood wurde Anfang dieses Jahrhunderts saniert, bald soll der Umzug in ein neues, grösseres Trainingszentrum erfolgen.

Klopp spricht leidenschaftlich, blumig und ausschweifend.

Drinnen läuft die Medienkonferenz mit Trainer Jürgen Klopp, die aus Platzgründen gleich in die Halle mit Indoor-Platz verlegt wurde. Der 51-Jährige sitzt in Bluejeans oben auf dem Podest, sein Auftritt ist nie dozierend, er spricht leidenschaftlich, blumig und ausschweifend. Als er gefragt wird, ob das erneute Erreichen des Finals nach dem 4:0-Sieg im Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona der grösste Moment seiner Karriere gewesen sei, antwortet er: Nein, dies sei der Aufstieg 2004 mit Mainz in die Bundesliga gewesen. Es ist ein typischer Klopp, man hat ihn oft genug reden gehört, und doch schafft er es immer wieder, zu überraschen und zu unterhalten.

Liverpool hat sich unter Klopp zu einem europäischen Spitzenteam entwickelt, aber was vergessen geht: Bis auf den unbedeutenden League Cup 2012 gewann der Club im letzten Jahrzehnt keine einzige Trophäe. Klopp unterlag gar bei seinen letzten sechs Finalteilnahmen – zuletzt im Endspiel der Königsklasse 2018 gegen Real Madrid.

Der Coach der Reds steht unter Druck: Der Club gewann im letzten Jahrzehnt keine bedeutende Trophäe, nun soll Jürgen Klopp ihn zum Champions-League-Pokal führen. (Bild: Reuters/Craig Brough)

Das kann den Druck erhöhen, der auf Liverpool und seinem Trainer lastet, doch der Deutsche versucht gar nicht erst, diesem Narrativ zu widersprechen, er redet von der besten Mannschaft, mit der er je in einem Final gestanden sei. Und fügt an, ein Endspiel zu verlieren, sei wie Medizin. «Als Kind habe ich gelernt, dass gute Medizin beschissen schmecken muss. Ein verlorener Final ist eine Extramotivation, aus heutiger Sicht ist es gar nicht schlecht, sind wir letztes Jahr unterlegen.»

Andy Hunter berichtet für den «Guardian» und den «Observer» über den FC Liverpool, er glaubt, eine erneute Niederlage würde an der Zuneigung der Fans für Klopp nichts ändern, aber sie könnte zumindest Zweifel säen, ob er der richtige Trainer für solche Partien sei. Hunter findet, dass der Optimismus rund um den Club grösser ist als im letzten Jahr. Er sagt: «Letztes Jahr war man glücklich, im Final zu stehen. Jetzt zählt nur der Sieg.»

Shaqiris Vorfreude nach dem Krafttanken in der Schweiz

90 Minuten später steht Klopp mit seinem Team auf dem Rasen, der so grün leuchtet, als wäre mit Farbe nachgeholfen worden. Xherdan Shaqiri schiesst gleich zu Beginn einer Übung zwei Tore und jubelt mit ausgestreckten Armen, die Kameras der Fotografen rattern, Medienschaffende, fast der ganzen Platzseite entlang aufgestellt, sprechen Ansagen in die Kameras.

Es ist eine lockere Einheit, Klopp beobachtet, das Training leiten seine Assistenten – insgesamt 8 Betreuer und 20 Spieler sind dabei. Nach einer Stunde ist es vorbei, der Zeitplan ist mit der Uefa genau festgelegt worden, die Interviews mit den Akteuren stehen nun an. Shaqiri meldet: «Wir können nicht erwarten, dass es endlich losgeht.»

Der Schweizer wird von den Journalisten belagert: Schliesslich hat Xherdan Shaqiri schon einmal die Champions League mit Bayern gewonnen. (Bild: Dominic Wuillemin)

Das letzte Meisterschaftsspiel wird am Finaltag drei Wochen her sein, es ist eine ungewöhnlich lange Zeit. Klopp hat seinem Team deshalb gleich nach der letzten Partie fünf Tage freigegeben, Shaqiri war in der Schweiz bei seinen Eltern. «Kraft tanken», nennt er es. Während der 27-Jährige spricht, mähen sechs Mitarbeiter schon wieder den Rasen, auf dem kurz zuvor trainiert wurde.

Video: Rasenpflege im Kollektiv

Da ist ein Rasenmäher definitiv zu wenig: Auf dem Trainingsgelände von Liverpool werden die Plätze gleich mit mehreren Maschinen gekürzt. (Video: Tamedia/Dominic Wuillemin)

Neben Stürmer Daniel Sturridge ist Shaqiri der Einzige im Team, der die Champions League gewonnen hat. 2013 war das, als der Nationalspieler in der K.-o.-Phase bei Bayern München gerade einmal während zweier Minuten gespielt hatte. Nun hat er zwar eine unbefriedigende Rückrunde mit wenig Einsätzen hinter sich, aber da ist eben auch die Gewissheit, beim grossen Sieg gegen Barcelona in der Startelf gestanden und das 3:0 vorbereitet zu haben. «Das macht diesen Erfolg für mich umso spezieller», sagt der Offensivakteur. Im Final dürfte er sich aber wieder mit der Ersatzrolle begnügen müssen, bis auf Mittelfeldspieler Naby Keita scheinen alle Spieler mittun zu können.

«Natürlich ist es eines der grössten Spiele meiner Karriere»Liverpool-Angreifer Xherdan Shaqiri

Shaqiri kann ein sperriger Gesprächspartner sein, aber nun, da es um den Final geht, werden seine Gesichtszüge weich, glänzen seine Augen. «Natürlich ist es eines der grössten Spiele meiner Karriere», sagt er.

Die Bitte von Fan Terry O’Shaughnessy, die Bilder der geschmückten Strasse den Spielern zu zeigen, mag gut gemeint gewesen sein, Motivation aber benötigen diese nicht.

Erstellt: 31.05.2019, 18:31 Uhr

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