Südamerikas grosse Wut

Die Unruhen in Chile, Ecuador, Bolivien und Kolumbien haben eine gemeinsame Wurzel.

Viele treibt die Angst vor der Armut auf die Strassen. Ein Demonstrant in Santiago de Chile. (26.11.19) Foto: Elvis Gonzalez (EPA)

Viele treibt die Angst vor der Armut auf die Strassen. Ein Demonstrant in Santiago de Chile. (26.11.19) Foto: Elvis Gonzalez (EPA)

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Am erstaunlichsten an den Unruhen in Südamerika ist, dass sie nicht schon früher ausgebrochen sind. Denn nirgendwo sonst ist eine der wichtigsten Ursachen für die weltweit auftretenden Phänomene Populismus, Polarisierung und Wutbürgertum so einschneidend wie dort: Der Gegensatz zwischen urbanen, globalisierungsfreudigen Eliten und den Angehörigen des strampelnden Prekariats aus der unteren Mittelschicht und dem Heer der Armen.

Ein Leben in verbarrikadierten Enklaven des Luxus, mit Privatschulen und exzellenter medizinischer Versorgung, Chauffeuren, Leibwächtern und Haushaltshilfen auf der einen Seite. Eine Existenz in ständiger Ungewissheit auf der anderen.

Die Verachtung, mit der Südamerikas Oberschicht die von dort unten behandelt, ist längst in der Literatur und in Filmen zum Thema geworden. Verschärft wird die Polarisierung dadurch, dass sie in vielen Ländern auch ethnisch geprägt ist: oben Weisse mit europäischen Wurzeln, unten Indigene oder Nachkommen afrikanischer Sklaven. Wie himmelweit sich Südamerikas Reiche von der Alltagsrealität entfernt haben, illustriert ein Satz des chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera, Unternehmer und Multimillionär. Sein Land sei eine «Oase der Stabilität», behauptete er. Wenige Tage später brach der grosse Sturm über ihn herein.

Als ab 2011 die Weltmarktpreise für Erdöl, Soja, Kupfer, Eisenerz und weitere Rohstoffe sanken, fielen Millionen in die Armut zurück. 

Die konkreten Auslöser der Volksaufstände sind scheinbar geringfügig, eine Preiserhöhung der Metrotickets in Chile, teureres Benzin in Ecuador. Oder sie rühren an die Grundfesten der Demokratie wie in Bolivien, wo der mittlerweile zurückgetretene Präsident Evo Morales im grössenwahnsinnigen Glauben an seine Unersetzbarkeit den Volkswillen missachtet hatte. Der Zorn richtet sich gegen marktliberale Regierungschefs wie den Kolumbianer Iván Duque, gegen einen Sozialisten wie Morales, gegen einen ehemaligen Linken wie den Ecuadorianer Lenín Moreno. Die Wut kennt keine Ideologie, aber sie hat eine gemeinsame Wurzel.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends milderte der Rohstoffboom Lateinamerikas ökonomische und soziale Gegensätze. Zwischen 2004 und 2008 wuchsen die Volkswirtschaften durchschnittlich um 5,5 Prozent pro Jahr, 2012 lebten noch halb so viele Personen in Armut wie zehn Jahre zuvor. Linke Regierungen gaben viel Geld für Sozialprogramme aus, und auch im rechts regierten Kolumbien schwand das Elend. Als ab 2011 die Weltmarktpreise für Erdöl, Soja, Kupfer, Eisenerz und weitere Rohstoffe sanken, fielen Millionen in die Armut zurück. Millionen andere treibt seither die Angst um, auch sie könnte dieses Schicksal ereilen.

Der Optimismus der goldenen Nullerjahre ist Enttäuschung und Argwohn gewichen. Was viele vor kurzem noch als mehr oder weniger unvermeidliche Übel hinzunehmen gewillt waren, halten sie nun für unerträglich: Die Korruptheit der politischen und ökonomischen Eliten, die Arroganz der Mächtigen, die Unverfrorenheit, mit der Staatspräsidenten an der Verfassung herumschrauben, um ihre Macht zu verewigen.

Es gibt wenig Grund zu Optimismus.

Das Ende des Booms schärft den Blick auf alles, was die Regierungen versäumt haben: in die Infrastruktur zu investieren. Die Abhängigkeit von Rohstoffen zu mindern. Die staatlichen Institutionen zu stärken. Das Gesundheitswesen zu verbessern oder das miserable öffentliche Schulsystem, das die ökonomische Ungleichheit in der Region mit der weltweit ohnehin ungerechtesten Verteilung des Reichtums von Generation zu Generation fortschreibt.

Die wachsende Frustration schlägt immer schneller und heftiger in gewalttätige Wut um. 2019 ist Südamerika wirtschaftlich kaum gewachsen, und auch die Prognosen für die kommenden Jahre sind ernüchternd. Es gibt keine Figur und keine politische Kraft, denen man zutrauen würde, die fatale, auf den Kolonialismus zurückreichende Abhängigkeit von Rohstoffen zu durchbrechen. Umfragen zufolge zerfällt das Vertrauen in Regierungen, Parlamente, Justiz und Polizei, und die Zufriedenheit mit der Demokratie hat sich binnen zehn Jahren von 44 auf 24 Prozent verringert.

Es gibt wenig Grund zu Optimismus. Am ehesten stimmt einen die Entschlossenheit zuversichtlich, mit der ein wachsender Teil der Bevölkerung die Arroganz der Macht zurückweist. Aber solange dies bedeutet, dass ein rechter Populist durch einen linken ersetzt wird, oder umgekehrt, ist noch nichts gewonnen.

Erstellt: 26.11.2019, 20:51 Uhr

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