Und noch ein Weihnachtsmarkt

Auf dem Münsterhof eröffnet ein neuer Weihnachtsmarkt. Der hätte schon letztes Jahr stattfinden sollen.

38 Holzhäuschen und drei weisse Zelte: Der Weihnachtsmarkt auf dem Münsterhof bleibt überschaubar. Foto: Andrea Zahler

38 Holzhäuschen und drei weisse Zelte: Der Weihnachtsmarkt auf dem Münsterhof bleibt überschaubar. Foto: Andrea Zahler

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Funkelnde Lichter, wärmender Glühwein, gemütliches Schlendern: Weihnachtsmärkte wirken romantisch, sind für die Macher aber alles andere (und für die Besucher oft ebenfalls, aber das ist eine andere Geschichte). Bewilligungen, Sicherheitskonzepte, Bestimmungen – und Konzepte, die auf dem Papier toll klingen und schön aussehen, in der Realität aber nicht umsetzbar sind: Auf diesem Boden der Realität ist letztes Jahr auch die Vereinigung der Zürcher Spezialgeschäfte (VZS) gelandet.

Sie erhielt Anfang 2018 den Zuschlag für den von der Stadt ausgeschriebenen Weihnachtsmarkt auf dem Münsterhof. Kupferfarbene Verkaufsboxen und Kristallkugeln als Lichterhimmel hatte die Vereinigung geplant. Weil dieses Konzept aber nicht umsetzbar war – zu aufwendig und zu teuer – fand letztes Jahr auf dem Münsterhof kein Weihnachtsmarkt statt.

Das ist dieses Jahr anders. Hinter der grossen Tanne auf dem Platz stehen Andreas Zimmerli-Landolt, Präsident der VZS, und Peter Knup. Sie sind Mitglieder des Organisationskomitees – und Geldgeber. Denn für den neuen Markt haben sie gemeinsam mit dem VZS und drei weiteren Partnern eine Aktiengesellschaft gegründet. «Das war nur schon aus versicherungstechnischer Sicht notwendig», sagt Knup. Hinzu ­kämen die finanziellen Investitionen, die ein solches Projekt mit sich bringt – von den Planungskosten bis zur Finanzierung der Verkaufshäuschen.

10'000 Franken für 33 Tage

Um die Marktstände zu ver­mieten, habe es teils viel Überzeugungskraft gebraucht, sagt Zimmerli-Landolt: «Die Anbieter wollen natürlich zuerst sehen, wie ein Markt aussieht und wie er läuft.» Hinzu kommt, dass in der Vorweihnachtszeit viele Geschäfte stark ausgelastet sind. Neben Zeit braucht die Teilnahme an einem Markt auch zusätzliches Personal, das neben der Standmiete Geld kostet. «Gewinn und Verlust sind bei einem Weihnachtsmarkt nahe beieinander», sagt Zimmerli-Landolt. Das ­Motto des Marktes lautet «Von Zürich für Zürich», weshalb auf dem Münsterhof neben bekannten Zürcher Labels wie Soeder (Seifen), DillySocks (Socken) und Landolt-Arbenz (Schreibwaren) auch kleinere wie Schreif (Taschen), Frère Shark (Mützen) und Urbany’s (Smartphone-Hüllen) anzutreffen sind.

OK-Mitglied Andreas Zimmerli-Landolt. Foto: Andrea Zahler

Die Standgebühren vorweihnächtlicher Märkte sind teils ­horrend, in der Bahnhofshalle betrugen die Mieten letztes Jahr mehrere Tausend Franken pro Woche. Auf dem Münsterhof ­kostet ein Stand in den ersten zehn Tagen 2000 Franken, wer die ganze Marktdauer von 33 Tagen bleiben will, zahlt 10'000 Franken. Ab einem Umsatz von 10'000 Franken kommen 10 bis 12 Prozent Umsatzabgabe hinzu.

Tannen zu verschenken

Natürlich sei das nicht wenig, aber im Vergleich zu sonstigen Retail-Margen immer noch tief, sagt Zimmerli-Landolt. Mit einem grossen Gewinn rechnen die Veranstalter aber nicht, die Einnahmen sollen primär den ­finanziellen Aufwand decken.

Neben den 38 Holzständen – gefertigt im Aargau – und drei weissen Zelten stehen 70 kleine Tannen. In Zeiten der häufigen Nachhaltigkeitsdiskussionen wirkt diese Masse an gefällten Bäumen irritierend. Doch die Macher haben sich etwas überlegt: «Wir verschenken die Uetli­berg-Tannen. Die Besucher können sich am Eröffnungstag eine aussuchen, sie am 24. Dezember gratis holen und als Christbaum bei sich in die Stube stellen», sagt Zimmerli-Landolt.

Auch beim Geschirr haben sich die Veranstalter Gedanken gemacht: Die Teller sind auf Rohrzuckerbasis hergestellt und biologisch abbaubar, der Glühwein wird in richtigen, wiederverwendbaren Tassen mit Depot ausgeschenkt. Denn auch wenn der neue Weihnachtsmarkt explizit ein Geschenkemarkt und kein Food-Festival sein will – zu dem viele Weihnachtsmärkte verkommen zu sein scheinen –, ohne Glühwein geht es natürlich nicht.

Mit dem grossen Weihnachtsdorf beim Bellevue und Märkten im Niederdorf, auf dem Werdmühleplatz, an der Bahnhofstrasse und im Hauptbahnhof hat der kleine Münsterhofmarkt viel Konkurrenz – auch wenn das die Macher nicht so sehen. Landolt-Zimmerli ist gar der Überzeugung, dass es Platz für noch einen Weihnachtsmarkt gäbe, «wenn er ein eigenes Profil in einem eigenen Gebiet hat».

Erstellt: 20.11.2019, 22:34 Uhr

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