Unscheinbare Dinge beleben die Städte

Kiosk, Telefonzelle, Haltestelle: Der renommierte Stadtwissenschaftler und Architekt Vittorio Magnago Lampugnani richtet seinen Blick auf die kleinen Objekte im öffentlichen Raum.

Der Mobilfunk setzt ihr zu: Verlassene Telefonzelle am Zürcher Seebecken. Foto: Urs Jaudas

Der Mobilfunk setzt ihr zu: Verlassene Telefonzelle am Zürcher Seebecken. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Spricht man von Architektur, sind meist die grossen Bauwerke in den Metropolen gemeint: Museen und Fussballstadien, Konzerthäuser und Flughäfen. Dagegen haben es kleinere und kleine Bauten schwer, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – obwohl sie für die Mehrzahl der Bewohner und Bewohnerinnen mitunter eine grössere Rolle spielen und deren Alltag stärker prägen als die Prestigetempel. Mit diesen «bedeutsamen Belanglosigkeiten» beschäftigt sich nun Vittorio Magnago Lampu­gnani, emeritierter Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich, in einem lesenswerten Buch.

«Selbst so unscheinbar anmutende städtische Gegenstände wie Schachtdeckel erweisen sich bei näherem Hinschauen als ergiebige Geschichtenspeicher.» Dass der 1951 in Rom geborene Lampugnani nicht nur Theoretiker, sondern auch Architekt ist, wird vor allem dann deutlich, wenn es um Materialien geht. «Als Material für die Abdeckungen setzte sich rasch Gusseisen gegenüber Holz und Stein durch, teilweise auch Gussstahl, seltener Aluminium.» Während der beiden Weltkriege sei allerdings Betonguss bevorzugt worden. Denn das Eisen, so der Autor, wurde für die Rüstungsindustrie benötigt. Um die schweren Metallmassen rollen zu können, seien die meisten Gullydeckel rund gewesen.

Moderne Beichtstühle

Der attraktiv gestaltete Band enthält 22 Essays, von denen etliche bereits im «Magazin» erschienen sind: Die Spannbreite reicht vom Brunnen bis zur Stadtuhr, vom Strassenschild bis zur öffentlichen Toilette, vom Metroeingang bis zum Kiosk. Manche dieser Objekte sind aus der Zeit gefallen, etwa die Telefonzelle, deren Ende mit der Entwicklung des Mobilfunks eingeläutet wurde.

«Die Telefonhäuschen werden als Einrichtungen der Fernsprechkommunikation verschwinden, doch auf unseren Strassen und Plätzen wird ihre leicht fremde und doch ver­-traute Präsenz, die von ihnen suggerierte Illusion von kleinen Zufluchten fehlen.» Darum bezeichnete man sie auch als moderne Beichtstühle. In der Schweiz wurde die erste Telefonzelle 1889 in der neu errichteten Fraumünsterpost in Zürich installiert – zehn Jahre nachdem in New Haven, Connectitut, diese Weltneuheit erstmals in Betrieb genommen worden war.

Kiosk leitet sich, so informiert der Verfasser, vom mittelpersischen «kusk» ab und ­bedeutet so viel wie Ecke oder Winkel. Foto: Nicole Pont

Ähnlich wie der Telefonzelle wird es im digitalen Zeitalter wohl auch dem Zeitungskiosk ­ergehen – jenem Häuschen, an dem sich bis in die jüngste Vergangenheit Menschentrauben bildeten, wenn die Welt für Schlagzeilen sorgte. Da der öffentliche Raum als Treffpunkt zunehmend an Bedeutung verliert, werden auch die «Kleinen Dinge im Stadtraum», so der Untertitel des Buchs, seltener.

Der Kiosk, der 1857 auf den Grands Boulevards in Paris Premiere feierte, war «auffällig ­genug gestaltet, um von weithin sichtbar im Stadtraum zu wirken, ohne ihn jedoch zu beeinträchtigen». Er war eine Art urbaner Leuchtturm, an dem sich Neugierige und Passanten mit Nachrichten und Informationen aus aller Welt versorgten. Das Wort Kiosk übrigens leitet sich, so informiert der Verfasser, vom mittelpersischen «kusk» ab und ­bedeutet so viel wie Ecke oder Winkel, aber auch Pavillon oder Gartenhaus.

Städtebauliche Akzente

Da der Autor von 1994 bis 2016 an der ETH lehrte, kommt die Limmatstadt in seinen Analysen und Betrachtungen ausführlich vor, etwa im Kapitel über die Tramhaltestelle. «Einen Höhepunkt erreichte die Architektur der Haltestellen in der Strassenbahnstadt par excellence, Zürich. Die erste Tramwartehalle entstand 1899 auf dem gerade fertig bebauten Paradeplatz.»

Es folgten der Heimplatz, der Kreuzplatz und 1938/1939 die vom Stadtbaumeister Hermann Herter zusammen mit dem Ingenieur Fritz Stüssi erbaute Haltestelle am Bellevue. Ihnen attestiert Vittorio Magnago Lampu­gnani, nicht nur Unterstände für die Fahrgäste zu bieten, sondern auch und vor allem städtebauliche Akzente der jeweiligen Freiräume zu bilden.

Aufgrund von städtebaulichen Akzenten könne man erkennen, um welche Metropole es sich handelt. Foto: Reto Oeschger

Ebenfalls Bestnoten erhalten die Schweizer Städte für die ­Gestaltung ihrer Brunnen. Ob in Bern, Basel oder Zürich, wo es über 1000 Brunnenanlagen gibt, «etwa alle 100 Meter einen» – überall tragen deren Form und Design bis heute wesentlich zur Attraktivität einer Stadt bei.

Jedem der 22 Objekte sind einige Seiten gewidmet, reich bebildert mit historischen Schwarzweissfotografien. Der Autor erweist sich als leidenschaftlicher Flaneur, der sich die europäischen Metropolen mit aufmerksamem Blick fürs Detail erwandert hat. Die kurzen Texte setzen mit architekturgeschichtlichen, manchmal auch etymologischen Ausführungen zu den Begriffen ein und schliessen mit Einschätzungen zur Ästhetik oder zum Nutzen der Dinge.

Wer eine Fotografie irgend­einer europäischen Stadt aufmerksam betrachtet, so verspricht es Vittorio Magnago Lampugnani, kann aufgrund von solchen Details erkennen, um welche Metropole es sich handelt. Wie sehen die Strassen­laternen aus? Wie verspielt sind die Metroeingänge gestaltet? Wie massiv sind die Poller?

Bis man es allerdings zu solcher Meisterschaft bringen wird wie der Autor, braucht es sicherlich einige Zeit – das Buch jedenfalls ist eine Einladung, sich wieder vermehrt um die unscheinbaren, jedoch kulturhistorisch bedeutsamen Dinge zu kümmern, die wir im Alltag leichthin übersehen.

Erstellt: 15.11.2019, 18:12 Uhr

Vittorio Magnago Lampugnani

Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum

Klaus-Wagenbach-Verlag, Berlin 2019. 192 S., zahlreiche Abbildungen. ca. 46 Fr.

Artikel zum Thema

Ein goldenes Jahrzehnt: Die besten Schweizer Bücher 2009–2019

Essay Die jüngste Zeit ist für die hiesige Literatur ein einziger Höhenflug. Die Gründe – und die Bestenliste. Mehr...

640 Seiten Wut

In ihrem grandiosen neuen Buch legt Sibylle Berg Spreng-Sätze in eine Zukunft künstlicher Intelligenz. Mehr...

Die beste aller Welten, optimiert

Manchmal führt intellektuelle Brillanz halt auch nur in die Lebenskatastrophe. Das zeigt «Kraft», die virtuose Gelehrtensatire von Jonas Lüscher. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...