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Vertrau dem Markt!

Die Welt versinkt im Chaos. Wird der Kapitalismus am Ende alles richten?

Vater und Tochter

Vater: Was ist, meine Süsse?

Tochter: Nichts...

Vater: Doch, sag. Ich seh doch, dass etwas ist.

Tochter: Nein, es ist nur... ich hab Bauchschmerzen.

Vater: Soll ich dir einen Kamillentee machen?

Tochter: Nein, es ist mehr... Es ist mehr wie eine Angst.

Vater: Angst?

Tochter: Ich kann es nicht erklären.

Vater: Wovor hast du Angst?

Tochter: Ich weiss nicht...

Vater: Du brauchst keine Angst zu haben. Es ist doch alles gut.

Tochter: Aber ich hab sie.

Vater: Wovor?

Tochter: Vor... Vor der Welt. Was wird alles kommen, Papa? Diese Kriege, warum hören die nie auf? Die Klimakatastrophe. Die Meere. Die Morde. Warum wird alles zerstört? Wieso gehen Menschen so grausam miteinander um? Weshalb ist alles so ungerecht?

Vater: Ach Süsse, komm in meine Arme. Komm. Es wird alles gut.

Tochter: Wird es nicht, nein.

Vater: Ich mache mir überhaupt keine Sorgen um unsere Zukunft.

Tochter: Nicht?

Vater: Nein. Ich vertraue. Ich habe ein ganz starkes Marktvertrauen.

Tochter: Marktvertrauen?

Vater: Der Markt wird alles richten, Liebes. Du musst dir keine Sorgen machen.

Tochter: Welcher Markt?

Vater: Der freiheitliche Kapitalismus. Wir können ihm vertrauen. Er bringt alles wieder ins Gleichgewicht.

Tochter: Ah ja?

Vater: Ja, sieh zum Beispiel den Klimawandel. Das ist tatsächlich ein Problem. Aber der Markt löst dieses Problem, indem er den Wettbewerb anfeuert, die Forscher zu Höchstleistungen anspornt, und schon bald wird es eine technische Erfindung gegen den Klimawandel geben.

Tochter: Meinst du?

Vater: Aber sicher. Schau, seit der freie Markt sich entfalten durfte, geht es den Menschen deutlich besser. Sie sind gesünder, reicher, fröhlicher als vor hundert Jahren.

Tochter: Stimmt.

Vater: Der Markt wird immer auf unsere Bedürfnisse eingehen.

Tochter: Daran glaubst du?

Vater: Ganz fest.

Tochter: Ich würde auch gern daran glauben. Aber wenn der liebe Kapitalismus wirklich lieb ist, warum passiert so viel Böses auf der Welt?

Vater: Weil die meisten Länder den freiheitlichen Kapitalismus noch nicht entdeckt haben, deswegen geht es ihnen schlecht. Aber er breitet sich aus, und er wird uns alle retten.

Tochter: Sicher?

Vater: Wir brauchen Geduld und müssen fest an ihn glauben.

Tochter: Ja.

Vater: Und wir müssen ihn beschützen vor all den Ungläubigen und vor dem Staat, der mit Regulierungen und Verboten den Markt kaputtmacht. Dafür kämpfe ich.

Tochter: Wow.

Vater: Der freiheitliche Kapitalismus macht aus jedem Menschen den bestmöglichen.

Tochter: Auch aus mir?

Vater: Er wird dich stark, intelligent, kämpferisch und anspruchsvoll machen.

Tochter: Wow.

Vater: Ja.

Tochter: Danke Papa, jetzt geht es mir schon besser.

Vater: Gut, mein Spatz.

Tochter: Papa?

Vater: Ja.

Tochter: Ich hab jetzt richtig Lust bekommen, rauszugehen in die Stadt und den Markt anzukurbeln.

Vater: Ah ja?

Tochter: Ja. Darf ich ein neues Handy?

Vater: Aber... Nein, die Regel ist, dass es nur alle drei Jahre ein neues Handy gibt.

Tochter: Jetzt führ dich doch nicht auf wie ein überregulierter Staat!

Tochter geht.

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