Badran befeuert die Spekulationen ums SP-Präsidium

Favoritin Flavia Wasserfallen erhält Konkurrenz. Jacqueline Badran könnte bei der Levrat-Nachfolge zur Party-Crasherin werden.

Eine Frau oder eine Doppelspitze: Nach Christian Levrat hat ein Mann allein kaum Chancen aufs SP-Präsidium. Jacqueline Badran wohl hingegen schon. Foto: Keystone

Eine Frau oder eine Doppelspitze: Nach Christian Levrat hat ein Mann allein kaum Chancen aufs SP-Präsidium. Jacqueline Badran wohl hingegen schon. Foto: Keystone

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Plötzlich geht es schnell. Eben erst wurden Franziska Roth und Gabriela Suter in den Nationalrat gewählt, jetzt zeigen sie schon Interesse am SP-Präsidium. «Das ist ein spannendes und attraktives Amt, wenngleich der Job nicht einfach ist», sagt Suter. Als Aargauer Kantonalpräsidentin habe sie viel Erfahrung darin, wie man eine Partei führe. Deshalb überlegt sich Suter eine Kandidatur. Erste Gespräche haben stattgefunden. Ähnlich tönt es bei Roth, der Solothurner SP-Chefin.

Ohne Erfahrung in Bern gleich die zweitgrösste Partei im Land übernehmen? Roth räumt ein, sie sei nicht die «Topfavoritin». Doch sie traue sich diesen Job zu. «Ich kann jetzt nicht einfach Nein sagen. Für mich war immer klar, dass ich nach einem Wechsel in den Nationalrat auch Verantwortung übernehmen will.»

Alle Kandidaten und Kandidatinnen im Überblick.

Kaum hat SP-Langzeitpräsident Christian Levrat seinen Rücktritt angekündigt, bringen sich potenzielle Nachfolgerinnen in Position. Ob es eine der Kantonalpräsidentinnen an die Spitze schaffen wird, ist zwar fraglich. Doch eines haben sie schon jetzt erreicht: Sie setzen die arrivierten Genossinnen, die noch zögern, unter Druck. Diese müssen sich jetzt ernsthaft fragen, ob sie sich diesen Spitzenjob tatsächlich von einer Aussenseiterin wegschnappen lassen wollen.

Allen voran gilt das für Flavia Wasserfallen. Die Bernerin ist die Favoritin: Als 40-jährige Frau aus der Deutschschweiz verkörpert sie die gewünschte Veränderung an der Parteispitze. Als Nationalrätin und ehemalige Generalsekretärin ist sie zudem im Bundeshaus und in der Partei bestens vernetzt. Wasserfallen sagt, sie habe erste Gespräche geführt. Doch gleich bewerben will sie sich dann doch nicht. Vorerst ist Zurückhaltung geboten.

Unverhohlenes Interesse der jungen linken Garde

Gegenüber der Kandidatur Wasserfallen zeichnet sich indes ein linkes Powerplay ab. Gleich zuhauf melden Vertreterinnen und Vertreter des linken und des gewerkschaftlichen Flügels ihre Ambitionen an – oder lassen mindestens Spekulationen darüber aufkommen. Am klarsten positioniert hat sich die St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi: Gewerkschafterin und Sozialpolitikerin. Ob die Partei, die sich gerne erneuern möchte, ausgerechnet ihre 55-jährige Vizepräsidentin zur Chefin machen will, ist alles andere als gesagt.

Neben ihr zeigen Vertreterinnen einer jungen linken Garde unverhohlen Interesse. Die Zürcher Nationalrätin Mattea Meyer hat sich seit einiger Zeit mit dezidierten sozialpolitischen Thesen profiliert und überlegt sich jetzt eine Kandidatur. Auch Nationalrätin Min Li Marti gibt sich entschieden links, sie ist allerdings nicht die klassische Wirtschafts- und Sozialpolitikerin, sondern betont vor allem gesellschaftliche Themen. Die Solothurnerin Franziska Roth politisiert ebenfalls am linken Rand. Und dann ist da auch noch Cédric Wermuth. Der ehemalige Juso-Chef wäre der Mann des linken Flügels. Weil es in der SP aber eigentlich beschlossene Sache ist, dass nach Levrat eine Frau an die Spitze muss, käme er höchstens in einem Co-Präsidium mit einer Frau infrage – wäre dann aber ein aussichtsreicher Kandidat.

Yvonne Feri hält wenig von Flügelkandidaten

Nachdem die Juso schon vor Levrats Rücktritt eine linke Spitze forderte, verschärfen jetzt auch etablierte Parteilinke den Druck. Nationalrat und ebenfalls Ex-Juso-Chef Fabian Molina fordert als Erster in der Partei ein klar linkes Präsidium. Dabei bringt er nicht nur gleich sich selbst als Kandidaten ins Spiel, sondern schlägt auch vor, die Partei könnte eine Frau zur Fraktionschefin machen, um einen Mann an die Parteispitze wählen zu können. Das würde auch für Wermuth den Weg vereinfachen.

Der rechte Reformflügel hat sich derweil schon aus dem Rennen genommen. Der Zürcher Ständerat Daniel Jositsch schliesst eine eigene Kandidatur aus. Mit dem Walliser Nationalrat Mathias Reynard bietet sich zwar ein eher rechts ausgerichteter SP-Mann für ein Co-Präsidium an. Er gehört aber nicht zur Reformplattform und hat kaum Chancen. Die Aargauer Reform-Sozialdemokratin Yvonne Feri hält Flügelkandidaten generell für falsch: «Klare Vertretungen der Parteiflügel, Parteilinke und Reformplattform, sehe ich nicht als Präsidentin oder Präsident.»

Das könnte eine Chance für Jacqueline Badran sein. Partei-Doy­en Rudolf Strahm hat sie gestern in den Tamedia-Zeitungen bereits lanciert. Zwar ist sie inhaltlich oft nicht eindeutig zu verorten und gilt manchen in der Partei als zu unberechenbar und unstet in ihren Auftritten. Bei den Nationalratswahlen in Zürich räumte sie aber ab und hätte wohl das Zeug, eine populäre Chefin zu werden. Badran sagt, sie habe sich noch nicht vertieft Gedanken gemacht. «Und wenn, entscheiden wir in der Partei gemeinsam innerhalb der interessierten Kreise, was das Beste für Partei und Land ist.» Desinteresse tönt anders. Badran ist auf bestem Weg, bei der Levrat-Nachfolge zur Party-Crasherin für die Linke zu werden.



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Erstellt: 16.11.2019, 23:32 Uhr

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