Diese Schlüsselfiguren müssen Antworten liefern

Wie geht es für Petkovic, Shaqiri und Xhaka weiter? Und welche Rolle spielen die Jungen nun in der Nationalmannschaft?

Yann Sommer und Granit Xhaka sprechen sich für eine Zukunft mit Vladimir Petkovic aus. (Video: E. Tedesco)

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Der Gewinner: Vladimir Petkovic

Qualifikation für die EM 2016: Ja. Qualifikation für die WM 2018: Ja. Qualifikation für das Final Four der Nations League 2019: Ja. Qualifikation für die EM im nächsten Sommer: Ja.

Sportlich gesehen, gibt es nichts an Vladimir Petkovic auszusetzen. Achtelfinals haben vor ihm auch schon Schweizer Legenden und Welttrainer verloren. Petkovic hat alle Turniere erreicht, er hat den besten Punkteschnitt aller Schweizer Nationaltrainer, er steht mit seiner mutigen Philosophie für offensiven, attraktiven, im besten Fall spektakulären Fussball – wie beim 5:2 vor einem Jahr gegen den Weltranglistenersten Belgien. Und er hat den personellen Umbruch eingeleitet, die Mannschaft weiterentwickelt und sie variabler ausgerichtet.

Bemerkenswert ist, dass er in jedem Spiel die Initiative ergreifen will. Sogar Anfang Juni auswärts im Final-Four-Halbfinal gegen Europameister Portugal. Damals gelang der Schweiz das mit Abstand beste Länderspiel des Jahres – trotz der 1:3-Niederlage nach den drei Toren von Cristiano Ronaldo. Und den erwartbaren Schritt an die EM realisierte das Team am Ende als Gruppensieger. Obwohl es zwischenzeitlich Turbulenzen wegen einiger später Gegentore gegeben hatte.

Der Zweifler: Vladimir Petkovic

Der 56-jährige Coach hatte am Montag seinen 60. Einsatz für die Schweiz, 34-mal hat er gewonnen. Er ist seit seinem Amtsantritt 2014 nie nahbar geworden, nie ein Coach des Volkes. Den Medien gegenüber war er von Anfang an misstrauisch. Vielleicht freut ihn, dass er jetzt zumindest in den Onlinekommentaren viel Zustimmung erhält. Und dass den Usern die Qualifikation für die EM genügt, um mit seiner Arbeit zufrieden zu sein.

Drei Wochen braucht er nun, bis er sich das nächste Mal den Medien erklärt und zu einer Jahresbilanz bereit ist. Irgendwie passt das zu ihm, zu seinem kommunikativen Zaudern und Zweifeln. Jedenfalls muss er am 13. Dezember klarmachen, was er will, was er sich für seine Zukunft vorstellt.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic über die EM-Teilnahme und seine Zukunft. (Video: E. Tedesco)

Pierluigi Tami hat als neuer Direktor des Nationalteams das Vorschlagsrecht, wer über den kommenden Sommer hinaus Coach sein soll. Der Zentralvorstand des Schweizer Verbandes ist das Gremium, das über seinen Antrag entscheiden wird. Und da gibt es Zweifel, ob mit Petkovic verlängert werden soll.

Der Vermisste: Xherdan Shaqiri

Die Italiener haben für Spieler wie ihn einen wunderbaren Ausdruck, «fantasista», Ballkünstler. Und wenn das einer in den vergangenen Jahren bei der Schweiz gewesen ist, dann er: Xherdan Shaqiri. Über die Jahre war er der Spieler, der den Unterschied ausmachen kann – wie an der WM 2014 mit seinen Toren zum 3:0 gegen Honduras oder vor einem Jahr beim 5:2 gegen Belgien.

Er hat enorm viel Kreativität, eine bemerkenswerte Explosivität, aber er hat auch empfindliche Stellen an seinem Körper. Deshalb hat er in diesem Jahr, abgesehen vom Final Four, keine ­Minute für die Schweiz gespielt. Allein in diesem Herbst hat er sich zweimal an der Wade verletzt und ist darum auch für die Spiele gegen Georgien und Gibraltar ausgefallen.

Er war in dieser EM-Qualifikation verzichtbar – das lag auch an den Gegnern in der Gruppe D. Trotzdem ist er nicht verzichtbar geworden. Die Schweiz braucht ihn, den 80-fachen Nationalspieler, weiterhin wie kaum einen sonst, wenn sie nach Höherem streben will.

Er ist kreativ, explosiv und kann den Unterschied ausmachen: Deshalb wird Shaqiri vermisst. Foto: Ruben Sprich (Freshfocus)

Shaqiris Handicap ist seine Situation beim FC Liverpool, wo er keine grosse Chance auf ausgedehnte Einsätze hat, wenn er denn wieder fit ist. Dass er Anfield überstürzt verlässt, ist nicht zu erwarten. Zum einen hat er hier einen lukrativen Vertrag bis 2023. Zum anderen lockt diese Saison die Aussicht, dabei zu sein, wenn sein Club erstmals seit 1990 die Meisterschaft wieder gewinnt.

Der Beschützte: Granit Xhaka

Die vergangenen neun Tage konnte Granit Xhaka wie in einem Kokon verbringen, beschützt und befreit von allen unangenehmen Fragen des Lebens. Er musste beim Nationalteam kein Wort über seine Situation bei Arsenal verlieren, die vor dreieinhalb Wochen eskaliert ist und zu seiner Absetzung als Captain geführt hat.

Granit Xhakas harter Gang vom Feld. (Quelle: SRF)

Wie gut ihm diese Tage getan haben, zeigte sich am Montag in der 86. Minute. Nicht, dass er bis dahin gegen Gibraltar ein grosses Spiel gezeigt hätte, das war auch gar nicht nötig. Aber als dann auch ihm noch ein Tor gelang, das zum 6:1, lachte er richtig befreit.

Auf Instagram veröffentlichte er danach zwei Fotos: eines mit der ganzen Schweizer Delegation, die sich in Gibraltar für die kommende EM qualifiziert hat, und eines, das ihn glück­selig zusammen mit Ricardo Rodri­guez zeigt.

Ab heute ist er zurück im Alltag, zurück bei Arsenal. Die letzten vier Spiele hat er mit seinem Verein verpasst, er war mental unpässlich. Nur er weiss, wie es tief in ihm aussieht. Und was die Zukunft bringen soll. Sein Vertrag in London läuft noch bis 2023.

Die Variablen: Das Team

Petkovic setzt mittlerweile meistens auf eine Dreierkette in der Abwehr. Eine Stammformation könnte so aussehen: Sommer; Elvedi, Schär, Akanji; Lichtsteiner, Zakaria, Xhaka, Rodri­guez; Shaqiri, Mehmedi; Seferovic. Mit einigen interessanten Alternativen wie Sow, Embolo, Mbabu, Freuler, Edimilson Fernandes. Es sind alles Fussballer, die in Topligen engagiert sind, nicht jedem läuft es momentan ideal, doch dieses Problem begleitet die Schweiz seit Jahren.

Die meisten Leistungsträger – mit Ausnahme von Captain Lichtsteiner – haben einige Jahre auf höchstem Niveau vor sich. So spricht nichts dagegen, dass die Schweiz an einem Grossanlass endlich den Viertelfinal erreicht. Dazu aber müsste sie zum Beispiel nächsten Sommer am Tag eines möglichen Achtelfinals bereit sein. In dieser Partie würde sich Petkovics Ära definieren.

Weil zuletzt gleich zehn Spieler verletzt ausfielen, erhielten gegen Georgien (1:0) und in Gibraltar (6:1) Akteure aus der zweiten und dritten Reihe Auslauf. Aus diesen zwei Auftritten gegen Klein- und Kleinstnationen lassen sich keine ernsthaften Schlüsse ziehen. Einerseits lässt sich sagen, dass die Kaderbreite der Schweizer im Vergleich zu regelmässigen Viertelfinalteilnehmern eher nicht furchteinflössend ist. Andererseits stossen doch ein paar interessante Fussballer nach. Der dribbelstarke, agile Flügel Vargas vor allem, aber auch Itten, der in zwei Länderspielen und 110 Minuten bereits drei Tore erzielt hat.

Ruben Vargas erzielte gegen Gibraltar sein erstes Länderspieltor. (Video: SRF)

Der Schweiz fehlt weiterhin ein Stürmer von internationaler Klasse. Seferovic bleibt der gefährlichste Angreifer, er ist gesetzt, der oft verletzte Embolo besitzt Potenzial, es gibt Mehmedi, Gavranovic, Drmic, Ajeti, Itten, Vargas, Fassnacht, Steffen. Das ist okay, mehr nicht. Man stelle sich vor, die Schweiz hätte einen Weltklassestürmer wie den Polen Robert Lewandowski – ihren Ambitionen wären weniger Grenzen gesetzt.

Der Wegweiser: Pierluigi Tami

Einen Felsen hatten die Schweizer am Abend zuvor nicht aus dem Weg räumen müssen, die Feierlichkeiten nach dem 6:1-Sieg fielen routiniert aus, ein paar Spieler waren auch in den frühen Morgenstunden noch zum Geniessen im Casino unterwegs. Ein paar Stunden später verliess die Delegation den Stadtstaat Gibraltar Richtung Zürich. Und sie tat das mit einem Befremden über die erneute Kritik vieler Medien an Coach Petkovic ausgerechnet am Tag nach vollbrachter EM-Qualifikation.

«Ich freue mich sehr für das Trainerteam, die Spieler und den Verband», hielt Direktor Pierluigi Tami dagegen. «Wir haben uns als Gruppensieger durchgesetzt, das darf nicht als Selbstverständlichkeit gelten.»

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Am 30. November erfahren die Schweizer an der Auslosung ihre EM-Vorrundengegner, sie liegen in Topf 2. Bald darauf sollten bezüglich Trainerfrage Fakten geschaffen werden. Petkovic gibt am 13. Dezember eine Medienkonferenz, Tami am 9. Januar. Möglicherweise werden die Parteien zum Schluss kommen, dass sechs Jahre Zusammenarbeit genug sind – dann könnte Petkovic die EM 2020 unbelastet angehen. Und dem Verband bliebe genügend Zeit, um einen geeigneten Nachfolger zu finden. Dortmunds Trainer Lucien Favre sagte am Dienstag schon einmal, er stehe nicht zur Verfügung.

Tami wird in den nächsten Monaten zudem bestrebt sein, das Flaggschiff Nationalmannschaft positiver und freundlicher zu positionieren. Der Tessiner sagt angesichts einiger Baustellen: «Wir wollen uns wieder allen Parteien annähern.» Das funktioniert nur mit besserer Kommunikation, auch deshalb wird ein neuer Medienverantwortlicher gesucht. Die Arbeit jedenfalls wird in den nächsten Monaten nicht ausgehen – weder auf noch neben dem Platz. Mit dem grossen Ziel, an der Europameisterschaft 2020 einen Coup zu landen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 20.11.2019, 06:30 Uhr

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