Wenn der Rucksack ein Date hat

Das Zürcher Label Freitag lanciert ein Tinder für Taschen. Warum das Wisch-und-Weg-Prinzip Schule macht.

Wisch nach rechts oder nach links: S.W.A.P. von Freitag funktioniert wie die Dating-App. Foto: PD

Wisch nach rechts oder nach links: S.W.A.P. von Freitag funktioniert wie die Dating-App. Foto: PD

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Irgendwann verblasst die Leidenschaft. Die einst heiss geliebte Freitag-Tasche macht einfach nicht mehr an. Zu klotzig, zu hellblau, zu oft getragen, um noch aufregend zu sein. Höchste Zeit für ein neues Objekt der Begierde. Vielleicht das Modell Bob? Oder lieber das mit dem Namen Clapton? Oder gar eine Lassie? Dumm nur, ist shoppen gerade nicht so chic. Wegen des Klimas natürlich. Und Konsum ist eh nicht mehr angesagt.

Das Zürcher Label Freitag, das seit 26 Jahren Unikate aus gebrauchten LKW-Planen herstellt, bietet nun eine zeitgemässe Alternative für all jene, die «eine neue Taschenliebe finden» und die alte «ohne Drama» und schlechtes Gewissen loswerden wollen, wie es auf der Website heisst. Freitag-Fans müssen die Kulttaschen nämlich nicht mehr kaufen, sie können sie nach dem Prinzip der Dating-App Tinder einfach untereinander tauschen.

Nicht der Kopf entscheidet, sondern die Intuition

Man lädt dafür auf der Freitag-Plattform S.W.A.P. (Shopping Without Any Payment) erst ein vorteilhaftes Bild der eigenen Tasche hoch. Danach kann man Tausende fremde Exemplare betrachten, die genauso darauf warten, ihre Träger zu wechseln. Gefällt eine Kandidatin oder ein Kandidat, wischt man sie auf dem Smartphone nach rechts, alle anderen nach links. Kommt es zu einem Match, sprich zu gegenseitigem Interesse, steht der neuen Taschenbeziehung nichts mehr im Weg. Das ist mindestens so aufregend wie Shopping, aber eben nachhaltiger. Wobei es natürlich darauf ankommt, wo die Liebe hinfällt. Ob man den neuen Bob mit dem Velo beim Nachbarn abholt oder doch lieber das Modell Lassie aus Hongkong einfliegen lässt.

Wirklich nachhaltig ist bei diesem Taschen-Tinder das Prinzip des Wischens und Matchens. Eine kleine Daumenbewegung reicht, um die Komplexität der Welt auf genau zwei Möglichkeiten herunterzubrechen. Gefällt/Gefällt nicht. Ja/Nein. Die schier unendliche Auswahl an Optionen, mit der wir täglich konfrontiert sind, löst sich mit einem Wisch plötzlich auf. Das tut gut und beruhigt die Nerven.

Für Abenteuer ist dennoch gesorgt: Eine falsche Daumenbewegung gemacht? Sorry, zurück­wischen geht nicht. Einmal gewählt, immer gewählt. So simpel ist das. Die Wahl lässt sich auch nicht tagelang überdenken oder gar hinausschieben. Will man wissen, was noch alles kommt, muss man wischen. Und zwar zügig und immer weiter. Einmal im Flow, entscheidet dann nicht mehr der Kopf, sondern die Intuition. Das ist entspannend und effizient zugleich. Swipen, wie das Wischen auf dem Smartphone heisst, kann man ausserdem überall und nebenbei, im Tram genauso gut wie auf der Toilette.

Die einen haben es, die anderen wollen es

Kein Wunder, haben in den letzten Jahren gestandene Unternehmen wie Freitag und zahlreiche Start-ups das geniale Tinder-Prinzip kopiert. Wischen und Matchen bringt auf sehr einfache, spielerische Art Menschen und Dinge zusammen, die die einen haben und die anderen wollen. In Grossbritannien suchen Bauern vom Sofa aus geeignete Bullen für ihre Kühe, dank der App Tudder, dem Tinder für Rinder. Twindog wiederum verkuppelt schüchterne Hundebesitzer, die gemeinsam Gassi gehen wollen. Bei Wydr, dem Tinder für Kunst, kann man per Wisch seine Meinung zu bekannten und unbekannten Werken kundtun. Es gibt Tinder für Kleider, Schuhe, Freunde, Jobs, ja sogar für Babynamen und Spielgspänli.

Doch keine der Nachahmer-Apps war bisher so erfolgreich wie das Dating-Original. Schnelle Bauchentscheide funktionieren in der Liebe offenbar am besten.



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Erstellt: 02.11.2019, 18:59 Uhr

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