Wickie und die starken Frauen

Bereits vor Jahrhunderten waren die Geschlechter in Skandinavien offenbar gleichgestellt. Das schliessen Archäologen aus der Analyse Tausender menschlicher Skelette.

Der Schädel einer Frau aus der Siedlung Birka in Schweden. Foto: Alamy Stock Photo

Der Schädel einer Frau aus der Siedlung Birka in Schweden. Foto: Alamy Stock Photo

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Wikinger gelten als eher ruppige Zeitgenossen, als bärtige Krieger und versierte Navigatoren, die mit ihren schnellen Schiffen die nördlichen Meere beherrschten und auf ihren Raubzügen nicht eben zimperlich zu Werke gingen. Von Frauen war in den gängigen ­Geschichten weniger die Rede. Nun ­häufen sich aber die Hinweise darauf, dass skandinavische Frauen bereits im 8. Jahrhundert eine hohe soziale Stellung hatten. Dies belegt auch eine Studie von Tübinger Forschern, die Knochen und Zähne aus der Wikingerzeit vom 8. bis 11.Jahrhundert und des ganzen Mittelalters untersuchten und darüber im Fachmagazin «Economics and Human Biology» berichten. Ein in den Zähnen gespeicherter Gesundheitsmarker zeigt, dass sich bei den Wikingern beide Geschlechter gleich gut ernährten.

Basis der Studie waren umfassende biologische und archäologische Daten zu mehr als 15000 menschlichen Skeletten aus ganz Europa aus den vergangenen 2000 Jahren. Ein Forscherteam hatte im Rahmen des Netzwerks «Global History of Health» zu jedem Toten etwa 100 verschiedene Indikatoren zusammengetragen: Zahnmerkmale, Knochenmasse oder Abnutzungserscheinungen. Aus dem Datensatz gewannen die Forscher Erkenntnisse über die Entwicklung von Gesundheit, Ernährung, Arbeitsbelastung und Gewalt in unterschiedlichen Regionen Europas, auch in verschiedenen Jahrhunderten.

Laura Maravall und Jörg Baten werteten vor allem den Zustand der Zähne von Skeletten aus Skandinavien aus und verglichen die Ergebnisse auch mit entsprechenden Daten etwa aus dem Mittelmeerraum. Im Fokus stand dabei insbesondere ein Merkmal, das sie «lineare Schmelzhypoplasie» nennen. Bei Mangelernährung und/oder schwereren Erkrankungen vor allem während der frühen Kindheit entstehen linienartige Schäden auf den Zähnen. «Solche waagrechten Vertiefungen auf den ­Zähnen kann man heutzutage noch bei armen Menschen in einigen Regionen Indiens sehen», sagt Baten.

Ähnlich gut genährt

Die Forscher interessierten sich vor allem für starke Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sie als Indiz für soziale Ungleichheit werteten. Für die Zeit zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert ergab die Analyse einen klaren Befund: Die Wikingerfrauen aus ländlichen Regionen Skandinaviens waren ähnlich gut genährt wie die Männer. Dies lasse auf eine weitgehende Gleichstellung schliessen, so Baten. «Der ­relativ gute Ernährungs- und Gesundheitszustand reflektiert die Entscheidung der Eltern, ihren weiblichen Nachwuchs ähnlich zu ernähren und bei Krankheit zu umsorgen wie die männlichen Nachkommen», sagt Baten.

Um ihre These zu überprüfen, verwendeten die Tübinger Wissenschaftler einen zweiten Indikator, die Länge der Oberschenkelknochen. Dieses Mass gibt Auskunft über die Körperlänge, die bei guter Ernährung und Gesundheit im Bevölkerungsdurchschnitt grösser ausfalle als bei Fehlernährung. Das Ergebnis hier: Die Wikingerinnen waren fast gleich gross wie die Männer.

Ein anderes Bild ergab sich für grössere Siedlungen Skandinaviens, etwa für das norwegische Trondheim, die schwedischen Städte Lund oder Sig­tuna, eine frühe mittelalterliche Wikingersiedlung auf dem Gebiet der heutigen schwedischen Provinz Stockholm. «Die Frauen erreichten dort nicht die Gleichstellungswerte wie auf dem Land», sagt Baten. Den Unterschied zwischen Stadt und Land erklärt der Wirtschaftshistoriker mit der Spezialisierung auf Viehhaltung auf dem Land, die vor allem für Frauen dort ökonomische Vorteile und damit Ansehen brachte. «Anders als beim Ackerbau, der wegen der höheren Muskelkraft vor allem von Männern betrieben werden musste, konnten Frauen bei der Viehhaltung viel zum Familieneinkommen beitragen. Das hob wahrscheinlich ihre Stellung in der Gesellschaft», sagt der Forscher.

Auch in England rekonstruierten Forscher kürzlich das Gesicht einer Wikingerin, die mit Waffenbeigaben begraben worden war.

Die Erkenntnisse passen zu einer Reihe historischer Quellen, die Hinweise auf die Gleichstellung von skandinavischen Frauen geben, allerdings stammen sie oft aus späterer Zeit und schildern Einzelfälle. Der Händler, Spion und Diplomat Ibrahim ibn Jakub aus dem damals muslimisch geprägten Spanien wunderte sich im 10. Jahrhundert bei einem Besuch im Wikingerort Hait­habu, dass die Frauen sich von ihren Männern scheiden lassen konnten und dabei auch noch Unterstützung von der lokalen ­Gemeinschaft erhielten. «Solche Rechte hatten Frauen in anderen Regionen Europas damals nicht.»

Einen weiteren Hinweis auf die Gleichstellung von Frauen in frühen Wikingergesellschaften hatte 2017 auch die Geschlechtsbestimmung eines reich bestatteten Wikingerskeletts aus der Siedlung Birka in Schweden ergeben. Aufgrund der Körpergrösse und vor allem der Grabbeigaben waren Archäologen lange Zeit davon ausgegangen, dass es sich um einen militärischen Führer gehandelt haben müsse. Zwei Pferde, Speer, Pfeile, Messer, zwei Schilde und ein paar Steigbügel sowie vor allem das Langschwert und die Streitaxt konnten nur einem Wikingerkrieger gehört haben. Bis die Genanalyse und Knochenuntersuchungen ergaben, dass es sich eindeutig um eine Frau gehandelt haben muss. «Dies mag nur ein Einzelfall gewesen sein, deutet aber ebenfalls darauf hin, dass Wikingerfrauen eine vermutlich stärkere Stellung hatten als Frauen in anderen Regionen», so Baten.

Auch in England rekonstruierten Forscher kürzlich das Gesicht einer Wikingerin, die mit Waffenbeigaben begraben worden war. Dabei stellte sich heraus, dass die Frau eine klaffende Wunde an der Stirn hatte, die vermutlich von einer Kampfaxt stammte. Bisher hatte es keine Beweise gegeben, dass Frauen tatsächlich an Kampfhandlungen beteiligt waren. Völlige Gleichstellung habe es im Mittelalter aber auch in Skandinavien nicht gegeben, so durften Frauen etwa auf politischen Versammlungen nicht mitentscheiden. Und Sklavinnen hatten keine Rechte.

Vorbilder für die Walküren?

Aber in vielerlei Hinsicht war die Gleichstellung besser als in anderen Regionen Europas. Für Frauen aus dem Mittelmeerraum ergab die Tübinger Studie eine Ungleichstellung, jedenfalls waren deren Gesundheitswerte aus den Zähnen im Mittel deutlich schlechter als bei den Männern. Baten hält es für möglich, dass die starken, gleichberechtigten Frauen der Wikingerzeit im 8. Jahrhundert konkrete literarische Vorbilder waren, etwa für die Walküren, die in der nordischen Mythologie als mächtige Geistwesen den Göttervater Odin begleiten und tote Krieger vom Schlachtfeld ins Jenseits geleiten. «Diese Frauen in den nordischen Ländern könnten populäre Mythen über die Walküren genährt haben: Sie waren stark, gesund und hochgewachsen», sagt Baten.

Diese Interpretation geht dem Bonner Mediävisten Rudolf Simek zu weit. «In den Sagas stand nirgendwo, dass sie gross und stark waren. Walküren waren jenseitige Wesen, Totendämonen. Zu Kriegerinnen werden sie erst spät im Mittelalter, man vermischt sie begrifflich mit den sogenannten Schildmädchen, den vereinzelt in der mittelalterlichen Literatur auftretenden Königstöchtern, die mangels Brüdern in die Schlacht ziehen.» Im realen Leben der Wikinger aber spielten die starken Frauen eine offenbar grössere Rolle, als Wikingerforscher lange Zeit annahmen.

Erstellt: 15.11.2019, 19:56 Uhr

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