Wie man einen notorischen Gewalttäter zum Opfer erklärt

Von der linken WoZ bis zur bürgerlichen NZZ sind sich alle einig: Am Fall Carlos tragen die Medien eine Mitschuld. Was für eine Verkennung der Tatsachen.

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Da schlägt ein junger Gefangener zum wiederholten Male brutal um sich, verletzt einen Gefängniswärter, die Aufseher getrauen sich nur noch in Gruppen in seine Zelle. Doch anstatt sich um die vielen Opfer von Carlos alias Brian zu kümmern, sorgen sich die meisten Kommentatoren erst einmal um das Wohlergehen des Täters, der so ungerecht behandelt worden sei.

Die linke WoZ bis zur bürgerlichen NZZ sind sich einig: Schuld an der Gewalt-Eskalation tragen vor allem die Medien, die den Fall publik machten. Die NZZ meinte gar, man hätte den SRF-Dokumentarfilm, der die Sache ins Rollen brachte, «nie zeigen dürfen». Dass der «Blick», der nach der Ausstrahlung die Betreuung von Brian als «Sozialwahn» skandalisierte, unverantwortlich gehandelt habe, steht für viele Meinungsmacher ohnehin ausser Zweifel.

«Womöglich gibt es für all die Massnahmen gute Gründe, die die Bevölkerung auch verstehen würde, wenn man sie ihr erklärte.»

Dabei haben SRF und «Blick» einen vorbildlichen Job gemacht. Dank ihnen wurde endlich publik, wie jugendliche Straftäter hierzulande umsorgt werden. Die Öffentlichkeit hat das Recht, zu wissen, wie ein «Sondersetting» funktioniert und wie viel es kostet – im Fall von Brian 29'000 Franken im Monat. Selbstverständlich soll auch die Frage erlaubt sein, ob es sinnvoll ist, einen jugendlichen Gewalttäter von einem Kick-Box-Weltmeister zu einer Kampfmaschine ausbilden zu lassen.

Womöglich gibt es für all die Massnahmen gute Gründe, die die Bevölkerung auch verstehen würde, wenn man sie ihr erklärte. Doch vor lauter Mitgefühl mit dem Täter plädieren paradoxerweise ausgerechnet Journalisten für Intransparenz und Geheimhaltung.

Dass Regierungsrat Martin Graf im Zuge der Berichterstattung das angeblich so erfolgreiche Sondersetting plötzlich abbrach und Brian widerrechtlich einkerkerte, anstatt die teure Massnahme zu erklären, ist allein ihm anzulasten. Aber wahrscheinlich ist auch er, wie ­Brian, bloss ein Medienopfer.



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Erstellt: 02.11.2019, 23:20 Uhr

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