«Es gibt keine schmerzfreie Art, unsere Welt positiv zu verändern»

Die Verhaltensforscherin Jane Goodall stattete Zürich erstmals seit sieben Jahren wieder einen Besuch ab – und wurde von Schülern in Erstaunen versetzt.

«Man darf den Einfluss der Kinder nicht unterschätzen»: Jane Goodall an der Uni Zürich. Foto: Samuel Schalch

«Man darf den Einfluss der Kinder nicht unterschätzen»: Jane Goodall an der Uni Zürich. Foto: Samuel Schalch

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Am Samstagabend haben Sie sich mit Schülern getroffen, die Ihnen Projekte für Ihr Jugendprogramm vorgestellt haben. Gab es überraschende Ideen?
Ja. Eine Gruppe schlug vor, dass Veterinärstudenten die Tiere von Obdachlosen künftig gratis behandeln. Die Studenten könnten so praktische Erfahrungen sammeln und die Behandlung kranker Tiere, die für Obdachlose meist zu teuer ist, wäre gesichert. Dieser Fokus war selbst für mich neu, und wenn man bedenkt, wie sehr Obdachlose an ihren Tieren hängen, ist der menschliche ­Aspekt dieses Projekts ebenfalls ausgesprochen wichtig. Auch die anderen Ideen haben gezeigt, dass diese jungen Menschen sehr genau wissen, welche Probleme es in der Welt gibt.

Wie sehr sich Kinder und Jugendliche um die Umwelt sorgen, zeigte sich in Zürich in den vergangenen Monaten mehrmals, als Tausende an den Klimastreiks teilnahmen. Was sagen Sie zu dieser Bewegung?
Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Das Bewusstsein junger Menschen für Umweltprobleme ist seit Anfang der 90er-Jahre konstant gewachsen. Allein seit dem Start von «Roots and Shoots» haben sich junge Menschen in über 50 Ländern auf unterschiedlichste Art und Weise für die Umwelt, die Tiere oder andere Menschen eingesetzt. Sei es durch das Pflanzen von Bäumen, biologischen Gartenbau oder politisches Lobbying. Man darf den Einfluss der Kinder nicht unterschätzen. Er ist sehr gross.

Inwiefern können Kinder etwas bewirken?
Sie beeinflussen ihre Eltern, die vielleicht politische Ämter innehaben, in grösseren Firmen arbeiten, Unternehmen leiten. Ich selbst habe CEOs kennen gelernt, die mir erzählt haben, wie ihre Kinder sie für das Thema Umwelt- und Tierschutz sensibilisierten. Es ist noch ein langer Weg. Aber dieses Bewusstsein wächst immer stärker.

Der Ausgang der letzten Wahlen in Zürich zeigte ebenfalls, dass sich das Bewusstsein für Klima und Umweltschutz gewandelt hat. Welche Taten müssten nun von den Politikern folgen?
Das kurzfristige Denken bei politischen und wirtschaftlichen Entscheiden muss ein Ende haben. Firmen müssen in die Pflicht genommen werden, Emissionen zu verringern. Auch wir Wählerinnen und Wähler sind gefordert, auf Kurs zu bleiben. Ich habe oft miterlebt, wie Menschen mit guten Ideen gewählt wurden. Als sie diese dann in die Tat umsetzen wollten, hat sie ihre Wählerschaft fallen gelassen – weil die Veränderungen bedingt hätten, dass man den Gürtel enger schnallen und auf einen gewissen Wohlstand verzichten müsste. Aber es gibt keine schmerzfreie Art, unsere Welt positiv zu verändern. Wir müssen alle mit weniger auskommen und damit anfangen, nach ethischen Gesichtspunkten Entscheidungen zu treffen.

Inwiefern könnten Stadt und Kanton Zürich etwas dazu beitragen?
Sie könnten die Programme des Jane Goodall Institute sponsern. (lacht) Die frühe Sensibilisierung der Kinder für die Thematik ist tatsächlich ausgesprochen wichtig und Staatssache. Es gibt Städte, in denen Programme von «Roots and Shoots» Teil des Unterrichts an Schulen sind. Bedenkt man, dass die Kinder beim Ausarbeiten ihrer Projekte die Mechanismen der Demokratie nutzen, ist dies auch aus politischer Sicht ein sehr lehrreicher Prozess.

Erstellt: 03.11.2019, 23:35 Uhr

«Roots & Shoots»

Jane Goodall, am 3. April 1934 in London geboren, ist mit ihren Forschungen über das Verhalten von Schimpansen weltberühmt geworden. 1977 gründete sie das Jane-Goodall-Institut (JGI), das zum Ziel hat, das Verständnis für Primaten zu verbessern und ihre Lebensräume zu sichern. Seit 2004 existiert auch an der Universität Zürich ein JGI. Dort hielt die Forscherin am Sonntagnachmittag einen Vortrag.

1991 hat Goodall das globale, ökologische und humanitäre Jugendprogramm «Roots & Shoots» – zu Deutsch «Wurzeln & Sprösslinge» – ins Leben gerufen. Es unterstützt junge Menschen dabei, mit selbst entwickelten Projekten und Aktionen im eigenen Umfeld einen Beitrag zu Natur- und Umweltschutz zu leisten. (tif)

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