Wo sich Alte und Kinder Gute Nacht sagen

Im letzten Teil unserer Serie macht Zwingli im Kreis 2 halt, wo man es gerne etwas ruhiger hat. Und wo man Dinge gelassen nimmt, die andernorts für rote Köpfe sorgen.

Glaube, Liebe, Hoffnung: Zwingli ist derzeit auf dem Tessinerplatz vor allem abends ziemlich einsam. Foto: Reto Oeschger

Glaube, Liebe, Hoffnung: Zwingli ist derzeit auf dem Tessinerplatz vor allem abends ziemlich einsam. Foto: Reto Oeschger

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Wollishofen ist das Quartier der alten Menschen und jungen Familien. Die Dichte an Altersheimen ist gross, und während der Anteil gemeinnütziger Wohnungen bis 2050 in der Stadt ein Drittel betragen soll, hat Wollishofen dieses Ziel längst erreicht. Dafür sorgen die vielen Genossenschaften, allen voran die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich mit vielen neuen Siedlungen, aber auch kleinere wie die Werkbundsiedlung Neubühl. Die Siedlung aus dem Jahr 1932 gilt als Prototyp des neuen Bauens und zieht Architekten aus der ganzen Welt an.

Martin Bürki, Wollishofens Quartiervereinspräsident, sieht das auch kritisch: Der hohe Anteil an gemeinnützigen Wohnungen mache es für jemanden, der keine Familie hat, selbstständig ist und sich zu Hause ein Büro einrichten möchte, schwer, eine Wohnung zu finden. Dabei spricht der FDP-Gemeinderat aus Bürki. Bei einem Spaziergang schwärmt er aber auch von den jungen Familien, die das Quartier beleben. «Früher veranstaltete der Verein alle drei Jahre einen Willkommensanlass für Neuzuzüger. Heute mindestens einmal pro Jahr.»

Modeschau auf Rentenwiese

Wer nach Wollishofen zieht, hat es gerne etwas ruhiger. Sicher ist auf der Parkanlage beim Gemeinschaftszentrum oder auf der Landiwiese im Sommer viel los. Ab und an feiern Ausdauernde hier am See die After-Hour-Party einer illegalen Feier, die am Vorabend unter der Autobahnbrücke auf der anderen Seite des Entlisbergs begonnen hat. Aber hier geht es entspannter zu und her als auf der überfüllten Rentenwiese weiter vorne am Seebecken in der Enge, wo im Sommer kaum Platz für ein Badetuch bleibt und sich junge Frauen wie Männer stylen, als fände eine Modeschau statt.

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Die Enge bildet mit Wollishofen und Leimbach zusammen den Kreis 2. Abgesehen davon hat sie mit den anderen beiden Quartieren wenig zu tun. Prägend für die Enge sind nicht die Genossenschaften, sondern multinationale Versicherungs- und Wirtschaftskonzerne. Und vor 12 Jahren ist Google auf das Areal der ehemaligen Hürlimann-Brauerei gezogen. Angestellte solcher Firmen bewohnen viele der Wohnungen. Es sind oft sogenannte Expats, die für wenige Jahre hier arbeiten und dann weiterziehen.

Die Fluktuation der Bewohner sei sehr hoch, sagt Theresa Hensch, die sich seit 25 Jahren im Quartier engagiert, sei es in der Kirchgemeinde oder im Gewerbeverein. «Das macht es schwierig, diese Menschen in ein aktives Quartierleben zu integrieren.» Zwar hat die Enge als einziges Quartier im Kreis 2 mit dem Tessinerplatz eine Art Zentrum. Dieses ist vor allem unter der Woche am Mittag bevölkert, wenn sich hier Männer in Anzügen oder Schülerinnen der nahe gelegenen Kantonsschulen Freudenberg und Enge hinsetzen. Am Abend steht die Zwinglistatue ­allein hier.

Dorf Leimbach

Einen Dorfcharakter hat dafür Leimbach, das kleinste Quartier im Kreis 2. Eingeklemmt zwischen Entlisberg und Uetliberg, ist es ziemlich abgeschnitten. Zwar ist man mit der S 4 schneller am HB als mit dem 7er-Tram von Wollishofen her, aber wer die Stadtgrenzen nicht genau kennt, rechnet Leimbach nicht mehr zu Zürich. «Wir sind tatsächlich mehr mit Adliswil zusammengewachsen als mit Wollishofen», sagt Quartiervereinspräsident Christian Traber, der vor einem Vierteljahrhundert über den Entlisberg gezogen ist und seither in Leimbach wohnt.

Neue Flüchtlingsheime zählen zu den grössten Problemen, die Leimbach beschäftigen. Und so langsam werde der Schulraum knapp, sagt Traber. Wie Wollishofen ist Leimbach von Genossenschaften geprägt. Sie haben in den vergangenen Jahren Ersatzneubauten erstellt und dem Quartier so nicht nur ein moderneres Gesicht gegeben, sondern auch mehr Familien angelockt. «Wenn ich sehe, dass fast 400 Menschen am Räbeliechtliumzug teilgenommen haben und ich keine Mühe hatte, Helfer zu finden, freut mich das sehr», sagt Traber.

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Leimbachs Bevölkerungszahl soll in den nächsten 15 Jahren um 23 Prozent wachsen – jene von Wollishofen um 17 Prozent. Wie das vor sich gehen wird, zeigt sich in der sogenannten Greencity, einer neuen Siedlung mit 730 Wohnungen und 2500 Arbeitsplätzen. Wer hier durchspaziert, erhält den Eindruck einer ziemlich angepassten, modernen (Genossenschafts-)Siedlung, wie sie vielerorts in der Stadt entstehen. Für etwas Abwechslung sorgt da der Verein Zitrone, der auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein ehemaliges Gebäude der Locher AG zwischennutzt und die alten Büros und Lagerräume mit Ateliers, kleinen Veranstaltungen und Ausstellungen belebt. Aber auch die Zitrone muss bald wieder raus, und dann entsteht auf dem Areal die nächste Wohnsiedlung.

Kaum Beachtung für Milieu

Es spricht vieles dafür, dass man diese Veränderungen im Kreis 2 gelassen nehmen wird. Zwar gibt es in der Enge und in Wollishofen Widerstand gegen die ZKB-Seilbahn, die vom Mythenquai über den See zum Zürihorn führen soll, aber im Seefeld sorgen diese Pläne für weit mehr rote Köpfe. Auch bei anderen emotionalen Themen bewahrt man Ruhe. Die Strassenstrichzone bei der Sihlcity – neben dem Niederdorf und dem Strichplatz in Altstetten der einzige Ort, wo öffentlich angeschafft werden darf – kennt kaum jemand. Und auch am Petite Fleur, dem ersten offiziellen Bordell der Schweiz, das der Stadtrat 1998 bewilligte, stört sich niemand.

Gegenüber in der Roten Fabrik, wo sich die Jugendbewegung in den 80ern ein Kulturzentrum erkämpfte, geht es mittlerweile ruhig zu und her. Noch vor 15 Jahren standen im Restaurant Ziegel oh Lac Schilder, welche die Besucher aufforderten, die Essenszeiten zu respektieren und dann nicht zu kiffen. Heute platzieren viele junge Eltern Kinderwagen neben den Tischen und essen Biogemüse.

Erstellt: 15.11.2019, 22:46 Uhr

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www.zwinglistadt.ch

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