Zu Christian Levrat gibt es derzeit keine Alternative

Verabschiedet sich die SP vorschnell von ihrem Parteichef, verliert sie nicht nur seine Kompetenz, sondern auch an politischem Einfluss.

«In der genderbewussten Aufbruchsbewegung hat der Politstil der SP keine Chance in der Konkurrenz mit den Grünen», schreibt Denis von Burg. Illustration: Kornel Stadler

«In der genderbewussten Aufbruchsbewegung hat der Politstil der SP keine Chance in der Konkurrenz mit den Grünen», schreibt Denis von Burg. Illustration: Kornel Stadler

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Die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr forderte nach der Wahlniederlage im Zürcher SP-Blatt «P.S.» den Rücktritt von Parteipräsident Christian Levrat. Jetzt muss die SP fürchten, dass Levrat, der seinen Rückzug ja schon für die nächsten zwei Jahre angekündigt hatte, schneller gehen muss als ­geplant. Und das zum Schaden der Partei. Denn das Problem in der SP ist nicht, dass sie einen schwachen Präsidenten hat, sondern dass keiner oder keine da ist, der oder die es besser machen könnte.

Levrat war und ist ein guter SP-Chef. Er hat die Partei nach Jahren der inneren Krisen stabilisiert und weg vom Cüpli-Sozialismus geführt, der nur linke Intellektuelle anspricht. Erstmals, wie Wahl­analysen zeigen, gilt die SP wieder als Arbeitnehmerpartei und konnte im klassischen Mittelstand wieder etwas zulegen.

Levrat ist vor allem auch ein gewiefter politischer Stratege. Unter ihm hat die SP mehr Erfolge verzeichnet, als angesichts der bürgerlichen Mehrheit erwartbar waren. Mit der AHV-Reform hat Levrat dem Rechtsrutsch getrotzt. Und es ist ihm zuzutrauen, dass die SP mit ihm trotz Wahlverlusten Taktgeber bleibt und die politische Führungsrolle im linken Lager behalten wird.

«Levrat ist zuzutrauen, dass die SP mit ihm trotz Wahlverlusten Taktgeber bleibt.»

Aber Levrats Stärke ist eben auch seine Schwäche: Er ist als Parteichef der Politstratege geblieben, der die SP als Kampforganisation gegen überbordenden bürgerlichen Wirtschaftsliberalismus führte. Begeisternder Anführer und Integrationsfigur einer – neuen – linken Bewegung ist er dagegen nie geworden.

Und hier liegt das wirkliche Problem: Nicht nur Levrat, die SP insgesamt ist in ihrer Attitüde eine Partei von kühlen, altlinken Politfunktionären geblieben. Die Genossen sind politisch hochkompetent – auch in den neuen Themen. Der politische Charme, die Frische, geht ihnen aber weitgehend ab. Das junge linke Milieu sieht sich als öko- und genderbewusste Aufbruchsbewegung. Der Politstil der SP hat dort keine Chance in der Konkurrenz mit den Grünen.

«Die junge Nadine Masshardt hat als Wahlkampfleiterin keine Spuren hinterlassen.»

Wenn die Sozialdemokratie die Hoheit über die neue Linke wiedergewinnen will, reicht es deshalb nicht, Levrat überhastet loszuwerden und, wie Jacqueline Fehr vorschlägt, einfach eine junge Frau an die SP-Spitze zu rufen. Man wird ernüchtert feststellen, dass sich – ob Mann oder Frau – nur schwer jemand finden lässt, der die politischen Kompetenzen Levrats hat und darüber hinaus Sprache und Habitus hätte, die aus der SP nicht nur eine gut geölte Politmaschine, sondern auch wieder eine politische Bewegung machen könnte.

Die schon genannten Papabili gehören jedenfalls nicht dazu: Die junge Nadine Masshardt hat als Wahlkampfleiterin keine Spuren hinterlassen. Cédric Wermuth, lange designierter Nachfolger, verirrt sich immer öfter in marxistischen Lehrstunden. Das hat für den Aargauer Ständerat nicht gereicht und wird auch die neue Linke nicht sonderlich fesseln.

Forcieren die Genossen Levrats Abgang, ohne eine wirkliche Alternative zu haben, riskieren sie, am Ende auch noch die strategische Kompetenz und damit auch noch die traditionellen SP-Wähler zu verlieren, die ihnen ihr Chef ­gesichert hat.



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Erstellt: 09.11.2019, 23:51 Uhr

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