Wo der Samichlaus in Zürich wohnt

Es bilden sich dieser Tage lange Schlangen vor einer Hütte im Käferbergwald, dem Zuhause des Mannes mit der roten Kutte.

«Könnt ihr mir etwas vortragen?», will der Samichlaus im Waldhüsli wissen. Fotos: Andrea Zahler

«Könnt ihr mir etwas vortragen?», will der Samichlaus im Waldhüsli wissen. Fotos: Andrea Zahler

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Seine Finger stecken in weissen Handschuhen, er rückt Haar und Bart zurecht, bevor er zu sprechen beginnt: «Kinder, setzt euch vor meinen Sessel. Ihr müsst ­keine Angst haben vor dem Sami­chlaus.»

Zwei Mädchen und ein Knabe knien auf den Boden. Die Eltern sitzen mit gezückten Smartphones auf der Eckbank. Der Mann beugt sich vor, die Kinder schauen gebannt hoch. «So. Nun wisst ihr auch, wo der Schmutzli und ich wohnen.»

Wir sind im Waldhüsli im Käfer­bergwald oberhalb des Bucheggplatzes. Hier empfangen Samichlaus und Schmutzli seit Samstag wieder Besucher, ­zeigen ihre Stube und ihr Schlafzimmer. Dieses Jahr betreibt die St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich das Haus erstmals neun Tage statt wie bisher sechs. In der ­Regel bilden sich rund um den Chlaustag vor dem Waldhüsli lange Menschenschlangen. Der Schmutzli schleust dann Gruppe für Gruppe im Halbstundentakt in die Hütte. In diesen ersten ­Tagen ist der Andrang allerdings noch überschaubar.

Geschichten austüfteln

Im Chlausen-Wohnzimmer knistert ein Feuer im kleinen Ofenherd. Darauf stehen zwei alte Wasserkocher. «Das ist unsere Heizung, auf dem Feuer köchelt immer Tannzapfentee. Wir dürfen in dieser Zeit ja nicht krank werden», sagt der Samichlaus. Ein Kind nickt. «Gestern habe ich viel von diesem Tee gebraucht.» Und dann erzählt der Samichlaus, wie er heute aufgewacht sei, wie er den Schmutzli gesucht und gedacht habe, er sei noch in der Stadt, um inkognito Kinder zu besuchen und sich Notizen zu machen. Die Eltern lassen den Blick durch den Raum schweifen. Zum altertümlichen Telefon an der Wand, zum Kalenderblatt neben dem Eingang. «Erst spät ist der Schmutzli erkältet zurück­gekommen.»

Später, auf dem Weg zur Zentrale der St. Nikolausgesellschaft im Albisgüetli mit dem Eseli – einem weissen Ford –, wird der Samichlaus berichten, wie die ersten Novembertage in ihm jeweils das Gefühl für die Rolle des 88-Jährigen wecken, der ohne Frau, aber mit dem Schmutzli im Waldhüsli lebt. «Ich habe automatisch Lust, Kindern mit etwas Aufmerksamkeit Freude zu bereiten.» Dann fallen ihm die Geschichten ein, die er den Kindern erzählen möchte. Jene des erkälteten Schmutzli sei von ihm, sagt der 78-jährige ehemalige technische Hauswart.

Die Unbekannten: Samichlaus und Schmutzli in ihrer unverkennbaren roten und braunen Kutte.

Seinen Namen behält er für sich – Samichlaus und ­Schmutzli seien die beiden Unbekannten in der roten und der braunen ­Kutte. Vom Beifahrersitz aus winkt er einer Passantin zu. Seit er sich erstmals eine Kutte angezogen habe, sei das so. Wann das war? «Vor langem, keine Ahnung, wann. Das ist mir nicht wichtig. Mir geht es um die Tradition.» Er wolle sich auf die Kinder einlassen, ihnen ein Stück weit den Spiegel vorhalten und auch einen Rat mit auf den Weg geben.

Aufmerksamkeit mit Musik

Der Samichlaus fragt die Kinder: «Wisst ihr, was der Schmutzli die ganze Zeit gemacht hat?» Sie schütteln den Kopf. Ein Mädchen nestelt an seinen Zöpfen herum. Der rot gewandete Mann legt ihre Hand zurück in den Schoss. «So. Nun hört gut zu.»

Aufmerksamkeit ist dem Samichlaus wichtig. «Da helfe ich diskret nach, denn jede Ablenkung stört die anderen Zuhörer», sagt er im Auto. Im Hüsli müsse er manchmal Grossmütter ermahnen – bei Hausbesuchen bereiten ihm Teenager Mühe. «Machen die zu, wird es schwierig.» Da brauche es Fingerspitzen­gefühl, er sei ja kein Psychologe. Meist merke er schon auf der Türschwelle, wie die Stimmung in der Familie sei – Kinder voller Vorfreude? Eltern, denen die Hektik des Tages ins Gesicht geschrieben steht? Ohnehin spüre er in den letzten Jahren mehr Hektik als auch schon.

Aufmerksamkeit ist ihm wichtig: Der Samichlaus vor dem Waldhüsli.

Eingeprägt hat sich ihm ein Besuch bei einer russischen ­Familie mit zwei Söhnen. Stets habe der Ältere den Jüngeren geschlagen, ohne dass die Eltern interveniert hätten. Dazu eine katastrophale Stimmung.

Dann habe er erfahren, dass beide Klavier spielten. «Oft führt der Weg über die Musik», sagt der Samichlaus. Er habe noch nie Kinder so schön vierhändig spielen hören; er mahnte sie, diese Harmonie auch im Alltag zu leben. Zum Abschied dankten ihm alle. Er sagt: «Manche Eltern wollen mit dem Chlaus die ganze Erziehung nachholen.» Am dankbarsten aber seien Altersheimbewohner. Manche wollten seine Hand nach der Feier kaum mehr loslassen.

Tradition ist gefragt

Die 45 Chläuse und 50 Schmutzli machen mit 40 Fahrerinnen und Fahrern der St. Nikolaus­gesellschaft dieses Jahr rund 800 Besuche in Stadt und Agglomeration. Die Chläuse sind längst ausgebucht. Auch bei deren Einzug in der Bahnhofstrasse am letzten Novemberwochenende war der Aufmarsch grösser als in den Vorjahren. Karin Diefen­bacher, seit 2018 die erste Präsidentin der 1947 gegründeten ­Gesellschaft, sagt: «Ich habe den Eindruck, dass sich viele Leute wieder auf die Traditionen besinnen.» Deshalb weitet die Gesellschaft ihr Angebot laufend aus – mit Chlaus-Telefon, Whatsapp-Chat und neu mit Familienfeiern im Waldhüsli, wo noch Plätze frei sind. Das Angebot mit Frauen verstärken will Karin Diefenbacher jedoch nicht. «Da sind wir traditionell. Schon der Schritt der Frau passt nicht ins Bild.»

Der Samichlaus löst unterdessen das Rätsel um den erkälteten Schmutzli: Er sei am nahen Teich angeln gegangen, als ihn ein riesiger Fisch ins Wasser gezogen habe. Schmutzli drohte zu ertrinken. Tiere aus dem Wald hätten ihn schliesslich gerettet.

«So. Könnt ihr mir nun etwas vortragen?» Ein Kind stimmt ­Andrew Bonds Lied vom Esel an. Auf die Lehne des Samichlaus-Stuhls sitzen mag es dazu aber nicht. Der Chlaus lobt dennoch – und zum Abschied gibts Nüssli und Früchte.

Website der St. Nikolausgesellschaft: ­samichlaus-zuerich.ch

Erstellt: 02.12.2019, 15:43 Uhr

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