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LeitartikelCorona-Lehren für den Journalismus

In der Krise zeigt sich, wie wichtig unabhängige und glaubwürdige Medien sind. Sieben Erkenntnisse aus der Pandemie.

Der Ort für eine produktive Debatten- und Streitkultur: Der Newsroom des «Tages-Anzeigers» in Zürich.
Der Ort für eine produktive Debatten- und Streitkultur: Der Newsroom des «Tages-Anzeigers» in Zürich.
Foto: Dieter Seeger

«Zeitungen sind zäh», sagt Medienprofessorin Emily Bell, «sie sterben langsam.» Zeitungen, das sind auf Papier gedruckte kulturelle Institutionen. Sie tragen zur Meinungsbildung bei und stärken die Demokratieaber durch die Digitalisierung sind sie existenziell bedroht. Corona hat den Kampf vieler Blätter um ihr wirtschaftliches Überleben dramatisch verschärft.

Pandemie und Lockdown haben den Werbemarkt einbrechen lassen. Eine rasche Erholung ist trotz der Lockerung nicht absehbar. Die fehlenden Einnahmen können selbst starke Medienhäuser in die Knie zwingen.

In der Corona-Krise zeigt sich aber auch, wie wichtig sorgfältig recherchierter und unabhängiger Journalismus ist. So stimmen die Erkenntnisse aus der Pandemie für die traditionellen Medien durchaus zuversichtlich:

  1. Die Zeitung lebt: Kaum je in ihrer langen Geschichte waren klassische Medien so gefragt wie jetzt. Das unbekannte Coronavirus weckte bei den Menschen ein immenses Verlangen nach seriöser Information und Aufklärung. Abonnentinnen und Abonnenten vertrauten auf ihre Zeitung. Neuleser schlossen Digital-Abos ab. Die Verkäufe erreichten Rekordwerte. Viele Kunden dankten der Redaktion für ihre Leistung in Homeoffice und Kurzarbeit. Das enorme Interesse kann die Inserate-Ausfälle bisher zwar nicht kompensieren. Die neue Nähe zum Leser ist aber wertvoll, menschlich und ökonomisch.
  2. Daten machen den Journalismus präziser und nützlicher: Unsere interaktiven Grafiken zu Infektionszahlen und Risiken halfen anschaulich zu erklären, was da in der Welt gerade passiert. Die Visualisierungen fanden Hunderttausende von Leserinnen und Lesern. Datenjournalismus hat sich in den Redaktionen etabliert.
  3. Zahlen ersetzen nicht die Geschichten: Eben noch schien die Basis, auf der Fakten als Fakten anerkannt werden, zu erodieren. Die Trumps dieser Welt erklärten selbst wissenschaftlich Erhärtetes
    wie den Klimawandel für Fake. Einige wenige glauben auch jetzt, dass Bill Gates das Virus erfunden hat. Die meisten vertrauen aber auf Fakten. Was nicht messbar ist, zählt nicht. Doch hinter jeder Zahl steckt eine Geschichte. Journalismus heisst, diese zu erzählen. Wie ist es den Menschen ergangen, die an Covid-19 erkrankten? Wie erlebten die Ärztinnen auf der Intensivstation im Triemli die Krise? Unsere Leserinnen und Leser haben die Protokolle von Betroffenen verschlungen. Journalismus lebt vom faktenbasierten Erzählen.
  4. Wenn es hart auf hart geht, muss man auch hartnäckig nachfragen: In der ersten Schockphase konzentrierten sich die Medien darauf, im Detail über dieses mysteriöse Virus und die Schritte des Bundesrats zur Eindämmung der Pandemie zu informieren. Das war wegen der Überstürzung der Ereignisse auch geboten. Mit den Lockerungen fanden die Journalisten zum kritischen Hinterfragen zurück. Waren die massiven Einschränkungen der Grundrechte nötig? Kamen die Schritte der Öffnung zu schnell? Waren wir zu konformistisch? Schreiben heisst sich mit etwas auseinandersetzen. Reflektierter Journalismus bedeutet gesellschaftspolitische Debatte. In Zeiten
    der Unsicherheit ist der Austausch wichtiger denn je.
  5. Gewissheit war gestern: «Schreiben, was ist», lautet das Credo des Journalismus. Das Publikum erwartet Gewissheit, Journalistinnen wollen Gewissheit vermitteln. Aber was ist, wenn man nicht weiss, was ist? Corona bedeutet vor allem Unsicherheit. Stecken sich Kinder seltener an? Kommt es im Herbst zu einer zweiten Welle? Verantwortungsvolle Medien haben gelernt, Ungewissheit transparent zu machen. Die aufgeklärte Gesellschaft hält das aus.
  6. Zu viel Lärm stumpft ab: Wir leben in wütenden Zeiten. Trolle tummeln sich im Internet. Hater diffamieren in den sozialen Medien. Die «Bild»-Zeitung lärmt mit, versucht, mit einer unseriösen Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten krampfhaft – und erfolglos! – Ressentiments zu bedienen. Der öffentliche Diskurs droht zur Kloake zu verkommen. Die meisten traditionellen Medien haben erkannt, dass sie im Wettbewerb der Emotionen nicht mit den Empörten der sozialen Netzwerke mitschwingen sollten. Sonst gefährden sie ihre Glaubwürdigkeit und damit die gesellschaftliche Debatte.
  7. Newsrooms sind keine «Verrichtungsboxen»: Produktionsorte für mediales Kurzfutter nannte der verstorbene Medienkritiker Kurt Imhof die Newsrooms. «Verrichtungsboxen», provozierte er. Das Arbeiten im Homeoffice zeigt einmal mehr deutlich, wie falsch Imhof lag. Guter Journalismus entsteht im Miteinander. Ideen, Daten und Storytelling fliessen im Newsroom zusammen. Via Videokonferenzen lassen sich Geschichten koordinieren, für eine vielseitige Zeitung oder News-App braucht es aber eine Debatten- und Streitkultur auf der Redaktion.

Das sind sieben Erkenntnisse, die ich in der täglichen Arbeit beim «Tages-Anzeiger» während der Corona-Krise gewonnen habe. Andere Medienleute und andere Medien mögen andere Schlüsse ziehen. Genau diese unterschiedlichen Blickwinkel und Herangehensweisen machen die Medienlandschaft so unverzichtbar für die demokratische Debatte in der Schweiz.

Beim Tagi füllt sich das Haus langsam wieder. Die Redaktorinnen und Redaktoren diskutieren wieder in den Gängen, streiten in den Sitzungen um das beste Argument. Ihr Vertrauen in unsere Arbeit, liebe Leserinnen und Leser, stärkt uns darin, uns mit Kopf, Herz und Verstand auch in ruhigeren Zeiten für einen verantwortungsvollen, unabhängigen Journalismus einzusetzen und in unsere digitale Zukunft zu investieren. Wir bleiben dran.

45 Kommentare
    Thomas Läubli

    Von wegen seriöser Journalismus - gerade bei der Kulturredaktion erhalte ich den Eindruck, dass die Berichterstattung immer schlechter und unseriöser wird.