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Satellitenbilder zeigen EffektCorona-Lockdown verbessert die Luftqualität in Europa stark

Die Luftverschmutzung hat um bis zu 50 Prozent abgenommen. Das dürfte nur eine Momentaufnahme sein – und trotzdem Leben retten.

Bessere Luft über der Schweiz und Norditalien: Zwischen Mitte Februar und Mitte März ging die Konzentration von Stickstoffdioxid deutlich zurück.
Video: ESA/Youtube

Das neuartige Coronavirus legt seit Wochen die Schweiz und weite Teile der Welt lahm. Doch die Pandemie hat auch positive Effekte – zumindest auf die Luftqualität. Satellitenbilder der Europäischen Weltraumorganisation zeigen, dass die Belastung durch Stickstoffdioxid (NO2) in Europa deutlich gesunken ist.

Stickoxide gelten als gesundheitsschädigend. Die Luftschadstoffe sind hauptsächlich in Autoabgasen enthalten und werden von Kraftwerken und Fabriken emittiert. Ihr Rückgang ist deshalb vor allem dort zu beobachten, wo weitreichende Quarantäne-Massnahmen erlassen wurden, die den Verkehr und die Industrie zum Erliegen gebracht haben. Zum Beispiel im stark betroffenen Italien.

Vor allem über Norditalien hat die Luftverschmutzung im Vergleich zum Vorjahr stark abgenommen. Aber auch in Neapel oder der Hauptstadt Rom ist deutlich zu erkennen, dass die NO2-Belastung tiefer ist als normalerweise im März.

Daten der Europäischen Umweltagentur, die stündlich von etwa 3000 Stationen in ganz Europa geliefert werden, bestätigen den Rückgang. In Mailand waren die durchschnittlichen NO2-Konzentrationen vom 16. bis 22. März 21 Prozent niedriger als in der gleichen Woche im Jahr 2019. In Rom wurden bis zu 35 Prozent tiefere Werte gemessen, in Bergamo 47 Prozent.

Auch in anderen europäischen Grossstädten und Ballungsräumen zeigt sich dieser Effekt. In Madrid, wo die Behörden Mitte März eine Ausgangssperre verhängten, gingen die durchschnittlichen NO2-Werte innerhalb einer Woche um 56 Prozent zurück. Im Vergleich zum Vorjahr betrug die Verringerung 41 Prozent, in Barcelona sogar 55 Prozent.

Besonders gut ist die Veränderung der Luftqualität, die von Sentinel-5P-Satelliten aufgezeichnet wird, auch in der französischen Hauptstadt Paris und im deutschen Ruhrgebiet zu beobachten.

«Unsere Daten zeigen einen klaren Rückgang bei der Luftverschmutzung, vor allem aufgrund des reduzierten Verkehrs in den Städten», sagt Hans Bruyninckx, Chef der Europäischen Umweltagentur. Claus Zehner von der Europäischen Weltraumorganisation pflichtet dem bei: «Die Abnahme der Stickoxid-Emissionen ist deutlich erkennbar. Ursache ist höchstwahrscheinlich das weitgehende Erliegen von Wirtschaft und Verkehr.»

Forschende weisen darauf hin, dass die Menge von Stickoxid in der Luft auch von der Wetterlage abhängt. Um zu zeigen, wie stark sich die Corona-Massnahmen tatsächlich auswirken, müssten demnach noch meteorologische Daten erfasst und in Modellen verrechnet werden. Zudem bedeutet weniger NO2 nicht zwingend bessere Luft. So kam es etwa in Paris zu erhöhten Feinstaubwerten. In der Schweiz waren die Werte im März ebenfalls leicht höher als im Vorjahr.

Trotzdem glauben die Experten beim Bundesamt für Umwelt, dass die Luft auch hierzulande sauberer geworden ist – vor allem, weil weniger Autos unterwegs sind. Insbesondere im Tessin sei das spürbar, sagten sie gegenüber SRF. Denn die Luft im Südkanton profitiere nicht nur von den Tessiner Massnahmen, sondern auch von den Reduktionen in Norditalien.

Nur eine Momentaufnahme

Laut Rob Jackson, dem Vorsitzenden des «Global Carbon Project», könnte der weltweite CO2-Ausstoss dieses Jahr um 5 Prozent sinken – und damit so deutlich wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. «Weder der Fall der Sowjetunion noch Öl- oder Finanzkrisen der vergangenen 50 Jahre haben einen solchen Einfluss gehabt wie jetzt die Corona-Krise», sagte er zu Reuters. Vincent-Henri Peuch vom europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus erwartet, dass die Konzentrationen von Feinstaub und Kohlenmonoxid «ebenfalls abnehmen» werden, wie er der Nachrichtenagentur AFP sagte.

Als China Anfang des Jahres drastische Einschränkungen wegen des Virus verhängte, sanken nicht nur die NO2-Emissionen im Vergleich zum Vorjahr um teilweise 30 Prozent, sondern auch diejenigen von Kohlenmonoxid um bis zu 45 Prozent. Doch das Beispiel China zeigt: Lange wird der Effekt wohl nicht anhalten. Seit die Behörden die Massnahmen gelockert haben, ist ein Wiederanstieg der Konzentrationen zu erkennen.

Bei einer Aufhebung der aktuellen Sicherheitsmassnahmen dürfte auch der Verschmutzungsgrad in Europa wieder ansteigen. Es ist zu erwarten, dass die Industrie nach dem Abklingen der Pandemie versuchen wird, ihren dadurch erlittenen wirtschaftlichen Schaden wieder aufzuholen. Zudem wird der Verkehr auf der Strasse und in der Luft zunehmen.

Wahrscheinlich Leben gerettet

«Einige Menschen haben nun zum ersten Mal wirklich saubere Luft. Wir hätten dafür nicht auf eine gefährliche Pandemie warten dürfen», sagte Margherita Tolotto vom Europäischen Umweltbüro dem Nachrichtenportal Euractiv. Denn die Luftverschmutzung sei das grösste umweltbedingte Gesundheitsrisiko in Europa.

Stickoxide gelten als mögliche Auslöser von Asthma, Lungenkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen gesundheitlichen Leiden oder können solche Erkrankungen verschlimmern. Laut dem Bundesamt für Raumentwicklung sterben wegen der Luftverschmutzung in der Schweiz jedes Jahr rund 2200 Menschen frühzeitig. Weltweit sind es einer kürzlich erschienenen Studie zufolge etwa 8,8 Millionen. Verschiedene Wissenschaftler vermuten, dass die Verbesserung der Luftqualität jetzt Todesfälle verhindert. Marshall Burke von der Universität Stanford nannte gegenüber CNN die Zahl von 50’000 bis 75’000 Menschen, die in den letzten Wochen allein in China gerettet wurden.

Es sei nun wichtig, dass man für die Zeit nach dieser Krise plane, mahnen Wissenschaftler. Denn die aktuelle Situation sei nur eine Momentaufnahme, die zeige, wie positiv sich die Reduktion schädlicher Gase auswirke. Luftschutzexpertin Tolotto warnt: «Wir können es uns nicht leisten, wieder zur bisher normalen Umweltverschmutzung zurückzukehren.»