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Analyse zu Israel in der PandemieCorona macht die Bruchlinie zwischen säkularen und orthodoxen Juden sichtbar

Der Streit unter den Juden bedroht den israelischen Staat und seine Identität genauso wie der althergebrachte israelisch-arabische Konflikt.

Zusammenstösse in Ashdod: Ultraorthodoxe Demonstranten versuchen zu verhindern, dass israelische Polizisten eine Schule schliessen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.
Zusammenstösse in Ashdod: Ultraorthodoxe Demonstranten versuchen zu verhindern, dass israelische Polizisten eine Schule schliessen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.
Foto: Oded Balilty (AP)

Per Gesetz ist Jerusalem 1980 zur ungeteilten Hauptstadt Israels erklärt worden. Vollzogen wurde damit die Annexion des arabischen Ostteils der Stadt. Doch wer in diesen Tagen durch Jerusalem streift, der findet eine zweigeteilte Stadt vor. Die Trennung verläuft nicht zwischen dem arabischen Osten und dem jüdischen Westen, sondern zwischen den Vierteln der ultraorthodoxen Juden und dem Rest Jerusalems. Die Corona-Pandemie hat hier eine Bruchlinie in grelles Licht getaucht, die für den jüdischen Staat und seine Identität genauso bedrohlich werden kann wie der althergebrachte israelisch-arabische Konflikt

In dem einen Teil Jerusalems rund um die zentrale Jaffa-Strasse sieht man verriegelte Läden und Passanten, die Masken tragen. Die Schulen sind hier seit langem schon geschlossen. In dem anderen Teil Jerusalems wie im streng religiösen Mea Shearim dagegen herrscht ein Treiben, als ob es keinen Lockdown und kein Coronavirus gäbe: Fast alle Geschäfte sind geöffnet, kaum einer trägt Maske, und in vielen Yeshivot, den Religionsschulen, wird scheinbar sorglos unterrichtet.

Auf den religiösen Sektor, der 12 Prozent der Bevölkerung ausmacht, entfallen 40 Prozent aller Corona-Infektionen.

Solche Zustände wie in Mea Shearim und in den meisten anderen ultraorthodoxen Wohnvierteln und Städten Israels sind gesundheitspolitisch gefährlich. Schliesslich entfallen auf den religiösen Sektor, der 12 Prozent der Bevölkerung ausmacht, zurzeit rund 40 Prozent aller Corona-Infektionen. Vor allem aber sind sie gesellschaftspolitischer Sprengstoff: Denn sie werden vom säkularen Teil der Israelis als Provokation und als Warnzeichen dafür wahrgenommen, wohin die De-facto-Autonomie der Ultraorthodoxen führen kann.

Offenbar fällt es der Regierung leichter, den Tel Aviver Flughafen für den gesamten Luftverkehr zu schliessen als eine Schule in Mea Shearim.

Seit jeher geniessen diese in Israel zahlreiche Privilegien wie die Befreiung vom Militärdienst. Die Ignoranz gegenüber der Pandemie allerdings zählt nicht zu diesen Privilegien – und ist trotzdem über Monate hinweg weithin geduldet worden vom Staat. Nur 2,3 Prozent aller Strafzettel, die landesweit wegen Regelverstössen im jüngsten Lockdown verteilt wurden, betrafen die ultraorthodoxen Wohnviertel. Offenbar fällt es der Regierung leichter, den Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen für den gesamten Luftverkehr zu schliessen als eine Schule in Mea Shearim.

Verantwortlich dafür ist in erster Linie Netanyahu

Der Eindruck also, dass ein Teil der Gesellschaft über dem Gesetz steht, wird von der Politik befördert – und verantwortlich dafür ist in erster Linie Premierminister Benjamin Netanyahu. Zwar haben auch die meisten Regierungschefs vor ihm mit den religiösen Parteien im Parlament koaliert und deren Klientelpolitik bedient. Doch keiner vor ihm hat sich in eine solche Abhängigkeit begeben. Netanyahus Macht hängt von der Unterstützung zweier ultraorthodoxer Parteien in der Koalition ab, und das hat jenseits der nun gefeierten Impferfolge nicht nur Schatten auf die Corona-Bekämpfung in Israel geworfen, sondern auch die Gräben in der Gesellschaft vertieft.

Besuch in einem Impfzentrum in Nazareth: Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu steht mit seiner Corona-Politik vor einem politischen Dilemma.
Besuch in einem Impfzentrum in Nazareth: Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu steht mit seiner Corona-Politik vor einem politischen Dilemma.
Foto: Gil Eliyahu (EPA)

Die Folgen dieser Politik sind nun auf den Strassen zu sehen: Wenn die Polizei doch einmal durchgreift, um in den ultraorthodoxen Vierteln grosse Hochzeitsfeiern zu beenden oder Schulen zu schliessen, folgen tagelange Krawalle, die das ganze Land erschrecken. Dies sollte eigentlich Anlass sein, die Regeln des Zusammenlebens neu zu definieren, um den inneren Frieden in Israel zu sichern. Doch die Chancen dafür stehen gerade mal wieder schlecht. Es herrscht Wahlkampf in Israel, und Netanjahu . . . siehe oben.

33 Kommentare
    Karl Steinbrenner

    Klerikalfaschismus halt.

    Und ohne Macht ist Netanyahu schnell in der Position seines ehemaligen Mentors Trump.

    Was dem einen der Sturm der Proud Boys und Konsorten aufs Kapitol war, sind dem anderen die Ultraorthodoxen in der Regierung und in den Quartieren.

    Sie berufen sich auf staatlich zugesicherte Privilegien, lassen andere die persönlichen Kriegsopfer erbringen und anerkennen gleichzeitig diesen ihre Privilegien und ihre Sicherheit garantierenden Staat nicht an, da er nicht ausreichend göttlich legitimiert sei.

    Zusätzlich infizieren sie ihre Landsleute, die auch für ihre Sicherheit mit persönlichen Opfern (Tod, Verkrüppelung, drei, bzw. zweijähriger Militärdienst, also Lebenszeit) aufkommen und setzen sie unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiken aus.

    Niederträchtiger geht es nicht - und dies im Namen Gottes.

    Ähnliches, wenn auch bei weitem nicht so militant, haben wir ja bereits von Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Südkorea gelesen, wo christliche Versammlungen durchgeführt wurden entgegen den gültigen Verordnungen. In Südkorea sollen die Veranstalter und Teilnehmer deshalb ordentlich zur Brust genommen worden sein.

    Über den Iran las man zu Beginn der Pandemie von ähnlich Verhetzten, die sich gewaltsam Zugang zu vorübergehend gesperrten religiösen Stätten verschafft hatten und Reliquien abküssten, ohne Desinfektion - das versteht sich ja von selbst.

    "Religion ist das Opium des Volkes." (K. Marx)

    Entwöhnt die Süchtlinge.