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Spendenaktion «Sternenwochen»Corona öffnet die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter

Kinder leiden weltweit am meisten unter der Corona-Pandemie. Es mangelt ihnen an Wasser, Nahrung und Medizin. Viele können nun auch nicht mehr zur Schule. Zum Beispiel die elfjährige Muna, die im Jemen lebt.

Schon im Flüchtlingslager zur Welt gekommen: Die elfjährige Muna mit ihren Geschwistern im Flüchtlingslager im jemenitischen Aden.
Schon im Flüchtlingslager zur Welt gekommen: Die elfjährige Muna mit ihren Geschwistern im Flüchtlingslager im jemenitischen Aden.
Foto: Unicef

Seit Monaten kämpfen die Menschen überall auf der Welt gegen das Coronavirus. Sie haben gelernt, Distanz zu wahren, die Hände zu waschen, zu verzichten. Besonders hart trifft die Pandemie Menschen in Flüchtlingslagern, Armutsvierteln und Krisengebieten, wo ein funktionierendes Gesundheitssystem, Nahrungsmittel oder sauberes Wasser fehlen. Und am meisten leiden dort die Kinder. Sie sind die versteckten Opfer der Pandemie. Zwar erkranken sie selten an Covid-19, doch mit den Folgen der Krise werden sie noch lange zu kämpfen haben.

Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef braucht 1,9 Milliarden Franken allein für die Corona-Massnahmen des Jahres 2020, um Kinder weltweit mit dem Nötigsten zu unterstützen. Kinder wie ILove Nishimwe aus Burundi, Evan Dwi Nur Cahyo aus Indonesien oder Muna Zayed aus dem Jemen.

Bomben und Schüsse, Flucht, Obdachlosigkeit

Muna lebt im Jemen auf der Arabischen Halbinsel. Die Elfjährige hat bereits viel erdulden müssen: Bomben und Schüsse, Flucht, Obdachlosigkeit. Denn 2015 brach in ihrer Heimat ein Bürgerkrieg aus. Sie und ihre Familie waren wie Millionen andere Menschen gezwungen, ihr Haus ohne Hab und Gut zu verlassen. Seither wohnen die Zayeds in einem Flüchtlingslager in der Stadt Aden. «Ich bin traurig, dass ich mein Daheim verloren habe», sagt Muna den Helfern von Unicef. «Und jetzt ist auch noch das Coronavirus zu uns gekommen.»

Wünscht sich mehr Essen für ihre Familie: Muna hilft ihrer Mutter beim Kochen.
Wünscht sich mehr Essen für ihre Familie: Muna hilft ihrer Mutter beim Kochen.
Foto: Unicef

Im Land mit der grössten humanitären Krise der Welt sind die Kinder mehrfach bedroht – durch Hungersnöte, Wassermangel, Krankheiten und Gewalt. Sie werden entführt, als Soldaten rekrutiert und in Gefechten verletzt oder getötet. Mädchen werden früh verheiratet und Buben zur Arbeit geschickt. Muna hatte Glück. Sie wohnt bei ihren Eltern. Wegen der Pandemie ist ihre Schule im Flüchtlingslager geschlossen. Deshalb hilft sie ihrer Mutter im Haushalt, während der Vater täglich versucht, etwas Geld zu verdienen.

Muna kocht, putzt und kümmert sich bis in die Abendstunden um ihre jüngeren Geschwister. Jeden Morgen macht sie sich auf den langen Weg zur Wasserstation. Sie möchte früh dort sein, damit sie wenigen Menschen begegnet und sich nicht mit dem Coronavirus ansteckt. Der Fussmarsch durch das staubige Gelände ist beschwerlich. Aber Muna jammert nicht. Nur wünschte sie sich mehr zu essen für ihre Familie. «Meist haben wir bloss etwas Brot und Gemüse», sagt sie.

Von insgesamt 30,5 Millionen Menschen sind im Jemen über die Hälfte auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Doch obwohl sie so wenig haben, haben sie mehr als andere Familien. Mangelernährung und Hunger sind im Jemen weitverbreitet. Von insgesamt 30,5 Millionen Menschen sind über die Hälfte auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. «Die Situation hier war bereits vor Covid-19 schlimm», sagt die Schweizerin Andrea Berther, seit 2002 Unicef-Mitarbeiterin und seit anderthalb Jahre im Jemen. «Jetzt ist sie prekär.»

Viele Kinder stünden kurz vor dem Hungertod, bis Ende Jahr rechnet sie mit über 350’000, die lebensbedrohlich unterernährt sind. Bisher konnte Unicef Buben und Mädchen über die Schulen mit Lebensmitteln versorgen. Nun, da die Schulen geschlossen sind, versuchen sie, Nahrung zu den Leuten nach Hause zu bringen.

Schulen zerbombt und vom Militär besetzt

Auch das Lehrmaterial wird verteilt. Im Jemen gehen zwei Millionen Kinder nicht zum Unterricht, da Schulen zerbombt oder durch das Militär besetzt sind. Berther fürchtet, dass wegen des Coronavirus weitere 5,8 Millionen keinen Zugang mehr zu Bildung haben. Auch das Gesundheitssystem ist in einem schlechten Zustand. Es fehlt an Ausrüstungen, Medikamenten und Personal.

Weil die Kinder seit dem Ausbruch der Pandemie seltener geimpft und Spitäler wegen der Ansteckungsgefahr gemieden werden, verbreiten sich neben Corona auch Krankheiten wie Cholera, Lungenentzündung oder Masern. «Im Moment hat jedes Land Probleme», sagt Berther. «Aber im Jemen gelangen wir endgültig an die Grenzen.»

Für Muna gehört das Leid zum Alltag. Deshalb träumt sie davon, später einmal Ärztin zu werden. «Ich möchte Leben retten», sagt sie. Sie will unbedingt zurück in den Unterricht.

Er kann sich schlecht konzentrieren und muss von zu Hause aus lernen: Evan Dwi Nur Cahyo aus Indonesien.
Er kann sich schlecht konzentrieren und muss von zu Hause aus lernen: Evan Dwi Nur Cahyo aus Indonesien.
Foto: Fauzan Ijazah (Unicef)

Diesen Wunsch teil sie mit Evan Dwi Nur Cahyo, der im südostasiatischen Inselstaat Indonesien wohnt. Auch er gehörte zu den weltweit 1,5 Milliarden Kindern, die 2020 zeitweise nicht zur Schule konnten. Der Zehnjährige aus Semarang lernte von zu Hause aus. Da seine Eltern arbeiten, war er meist allein. Die Situation sei besonders wegen seiner Lernschwäche schwierig gewesen, erzählt er den Helfern. «Ich kann mich schlecht konzentrieren und nicht lange ruhig sitzen.»

Kinder mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung erhalten in Indonesien selten Unterstützung. Ihre Zahl wird auf über sechs Millionen geschätzt. 30 Prozent von ihnen besuchen keine Schule. Dies versucht der Schweizer Silas Rapold zu ändern. Seit diesem März setzt er sich in Indonesien mit seinem Team von Unicef dafür ein, dass Schulen sich an die Bedürfnisse von behinderten Kindern anpassen, dass geeignete Lehrmittel bereitgestellt oder Toiletten gebaut werden, die mit einem Rollstuhl erreichbar sind.

«Zudem arbeiten wir an einer Anti-Mobbing-Strategie. Denn Kinder mit Beeinträchtigungen werden oft gehänselt», sagt Rapold. Die Qualität der Bildung lässt in Indonesien grundsätzlich zu wünschen übrig. «Nach zwölf Jahren obligatorischer Schule hat ein indonesisches Kind höchstens so viel Wissen wie ein Achtklässler in der Schweiz», sagt Rapold. Unicef engagiert sich dafür, dass Sozialarbeiter von Tür zu Tür gehen, um herauszufinden, welche Kinder Gefahr laufen, nicht mehr am Unterricht teilnehmen zu können. Das können laut Rapold auch Schüler sein, die wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation für ihre Familie Geld verdienen müssen.

Kein fliessend Wasser zum Händewaschen

Corona hat in Indonesien viele Fortschritte zunichtegemacht. Die Ungleichheit in der Bevölkerung mit rund 187,7 Millionen Erwachsenen und 80 Millionen Kindern war bereits vorher gewaltig. «Nun ist die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufgegangen», sagt Silas Rapold. «Leute aus der Mittelschicht leben dicht beieinander, teilen sich die Toiletten und essen zusammen auf der Strasse.» Sich dort vor dem Coronavirus zu schützen, sei fast unmöglich. «Und jetzt stelle man sich die Ärmsten vor, die nicht einmal fliessend Wasser zum Händewaschen haben.»

Sauberes Wasser aus der Leitung kennt er nicht: ILove Nishimwe aus Burundi geht mit einem Kanister zum Fluss.
Sauberes Wasser aus der Leitung kennt er nicht: ILove Nishimwe aus Burundi geht mit einem Kanister zum Fluss.
Foto: Zineb Boujrada (Unicef)

Sauberes Wasser aus der Leitung kennt auch ILove Nishimwe nicht. Er wächst im ostafrikanischen Burundi in Rugombo auf. Dort fällt zwar oft Regen. Doch die Anlage, die das Wasser trinkbar machen soll, funktioniert nicht. Den Familien bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dem Wasser aus dem Fluss zu begnügen. Der zwölfjährige ILove wäscht sich damit noch häufiger, seit er vom Coronavirus erfahren hat. Den Kanister berührt er dabei nicht mit seinen Händen. «Ich bewege ihn mit den Füssen», sagt er.

Doch seine Vorsicht nützt bloss bedingt, da das Wasser verschmutzt ist und ihm noch gefährlichere Krankheiten als Covid-19 drohen, etwa Cholera. Drei von ILoves fünf Brüdern starben direkt nach der Geburt an Infektionen. «Und mein vierter Bruder starb mit drei Jahren vor unseren Augen an Malaria. Wir konnten ihm nicht helfen», erzählt ILove den Helfern. «Als Arzt hätte ich die Möglichkeit, Menschen vor dem Tod zu retten.»

Seife ist für zwei Drittel der Bevölkerung ein Luxusgut

ILove weiss, dass die Schule wichtig ist. Doch viele Kinder in Burundi müssen arbeiten, marschieren etwa täglich zum Fluss, um Wasser zu holen. Bloss 61 Prozent der 11,2 Millionen Einwohner – fast die Hälfte davon sind Kinder – haben direkten Zugang zu Wasser. Seife ist für zwei Drittel der Bevölkerung ein Luxusgut. Dank der Unterstützung von Unicef kostet ein Stück nur noch zehn Rappen. «Aber das ist hier ein grosser Betrag», sagt die Schweizerin Nathalie Meyer, die seit 2014 für Unicef arbeitet. Sie erklärt den Leuten, wie wichtig Hygiene ist, dennoch müssen sie zuerst dafür sorgen, dass sie etwas zu essen haben.

Lebensmittel sind Mangelware. «Burundi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und kämpft gegen viele Probleme: Unterernährung, Krankheiten, Erdrutsche, Überschwemmungen.» Durch die Pandemie sei der Staat erneut erschüttert worden. «Die Menschen hier müssen wirklich viel erdulden. Doch sie stehen immer wieder auf», sagt Meyer. «Manchmal braucht es wenig, um das Leben einer ganzen Familie zu verbessern – ein Schaf, eine Wasserpumpe oder einen kleinen finanziellen Zustupf.»

18 Kommentare
    anna chabin

    +/- 50% des schweizer Stimmvolkes ist das schlicht egal... das haben sie am 29.11.2020 zweimal deutlich gezeigt.