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Interview zur WM in London«Darts ist eine furchtbare Macho-Welt»

Der Kneipensport lebt von der Atmosphäre mit grölenden Fans – doch nun bleiben alle nüchtern. Überhaupt: Darts wandelt sich gerade rasant, erklärt der Experte.

Bunter Hund: Der 50-jährige Schotte Peter Wright geht an der WM als Titelverteidiger an den Start.
Bunter Hund: Der 50-jährige Schotte Peter Wright geht an der WM als Titelverteidiger an den Start.
Foto: Kieran Cleeves (Keystone)

Elmar Paulke, viele nehmen Darts als einzige Party zwischen Weihnachten und Neujahr wahr. Hat der Sport ohne Zuschauer zurzeit mehr zu leiden als andere Sportarten oder Events?

Es scheint zu funktionieren: Die grossen Fernsehturniere haben gute Einschaltquoten. Der Weltverband PDC und Sky Sports England haben das auch sehr gut umgesetzt. Sie haben hinter der Bühne eine riesige Videowand platziert, auf der sie Fanvideos abspielen. Darts ist ja nicht schwierig zu imitieren. Den Jubel und dieses Aaaah: Da muss einfach der Tonmensch den richtigen Knopf im richtigen Moment drücken.

Bei der WM durften immerhin am ersten Abend 1000 Zuschauer dabei sein.

Wir hatten auch in Salzburg ein Turnier der World Series mit nur 200 Zuschauern. Da ist es mir lieber, sie spielen eine künstliche Atmosphäre ein. Die Zuschauer, die nur da sitzen mit Masken vor dem Gesicht – das schafft keine Stimmung.

Wenige Zuschauer sind also schlimmer als keine?

Die Zuschauer sind im Darts ein Faktor für den Spieler: Es ist laut, sie sind einmal gegen ihn – das ist Teil dieses Mentalsports. Meistens begleiten die Fans einen Sportevent. Im Fussball unterstützen sie ihr Team. Aber im Darts, da können Spieler an den Fans zerbrechen. Wenn diese aber nur da sitzen, ist das nicht, was wir sehen wollen. Sie bewirken dann ja auch nicht das, was sie sollten.

Darts-WM in früheren Zeiten: Verkleidete Zuschauer gibt es in diesem Jahr keine mehr.
Darts-WM in früheren Zeiten: Verkleidete Zuschauer gibt es in diesem Jahr keine mehr.
Foto: Getty Images

Denken die Spieler genauso?

Für die Spieler ist es viel angenehmer, wenn 5000 da sind. Das stört sie nicht. Es ist dann ein Problem, wenn sie einzelne Pfiffe hören. Das war auch in Salzburg so. Da haben Spieler teilweise gestoppt, weil sie irritiert waren.

In Ihrem Buch schreiben sie, Dartsspieler mussten früher auch Unterhaltungskünstler sein. Ist das noch immer der Fall?

Nein. Wir haben inzwischen Leute aus dem Top-Bereich, die sind auf der Bühne schon eher langweilig. Krzysztof Ratajski, zum Beispiel, der spielt sich immer weiter nach vorne. Er ist sehr introvertiert, kein emotionaler Typ. So einer hätte in den 70er-Jahren niemals die Chance gehabt, vom Darts leben zu können. Heute spielt er einfach gut, verdient seine Preisgelder, und alles ist in Ordnung.

Verliert der Sport seine Typen?

Die Typen gibt es noch. Es gibt viele, die denken, es wäre nur Glück, dass Darts so erfolgreich ist. Das ist nicht so. Es gibt ein paar Elemente, die begründet Erfolg bringen. Und eines davon ist die Wiedererkennung der Spieler. Die Typen, die siehst du einmal, und an die erinnerst du dich wieder. Die sind nicht alle gleich. Du identifizierst dich vielleicht auch mit dem einen oder anderen, du baust eine Beziehung auf. Ein unschlagbares Ding ist ja auch, dass der Fan den Spieler auf der Bühne sieht und denkt, er sei gar nicht so weit weg von dem: Er sieht so aus wie er, und das Verrückte im Darts ist ja: Auch ein mittelmässiger Spieler schafft mal ein gutes Leg. Das ist viel realistischer, als zu denken, ich könne so gut Fussball spielen wie Cristiano Ronaldo.

Trotzdem sagen Sie, die Typen gibt es NOCH…

Sie sind immer noch da, ja. Ich weiss nicht, ob sie in 5 oder 10 Jahren noch da sind.

«In fünf Jahren stellst du den Golfspieler, den Tennisspieler und den Nachwuchsspieler im Darts nebeneinander und du wirst nicht mehr sagen können, wer welche Sportart betreibt.»

Warum?

Jetzt wird Darts immer mehr zum Sport. Manager realisieren: Wir machen Kohle damit. Die werden jetzt versuchen, das Spielniveau so hoch zu treiben, dass du einfach als erfolgreicher Profi viel, viel Geld verdienen kannst. Wahrscheinlich stellst du in fünf Jahren den Golfspieler, den Tennisspieler und den Nachwuchsspieler im Darts nebeneinander und du wirst gar nicht mehr sagen können, wer welche Sportart betreibt.

Verliert der Sport so nicht auch seinen Reiz?

Ich weiss nicht, wie schnell der Prozess kommen wird. Ich glaube, du musst auch unterscheiden: Viele Zuschauer, die zappen rein und finden die Party gut. Das ist die Motivation, dranzubleiben: das wilde Treiben. Für mich ist der Sport und der mentale Aspekt aber das Spannende am Darts. Und wenn es nun langsam immer mehr zum Sport wird, dann wird auch genau dieser Faktor für den Zuschauer immer mehr zum wichtigen Element werden. Da wird er sich immer mehr damit befassen, und dann wird das vielleicht zum grossen Thema.

Ein grosses Thema war im vergangenen Jahr auch Fallon Sherrock, die an der WM als erste Frau einen Mann besiegte.

Das war so wichtig für die Emanzipation im Darts. Ich finde auch: für das Ansehen im Darts. Das werden einige Männer anders sehen. Aber Darts ist eine furchtbare Macho-Welt, und die lockert sich jetzt ein bisschen auf. Auch dadurch, dass die ältere Generation allmählich verschwindet, diese typische klassische Kneipen-Welt. Für die jüngeren Spieler sind die Frauen völlig normal. Ted Evetts, der gegen Sherrock verlor, hat schon oft gegen sie gespielt. Das war für ihn gar nicht so verrückt, dass er gegen eine Frau verloren hat.

Da ändert sich also wirklich was?

Ich sprach kürzlich mit Sarah Milkowski, die die Qualifikation für Deutschland mitgespielt hat. Sie sagte: Viele Frauen und Mädchen trauen sich nun. Die sagen: Ja, das mach ich auch, ich melde mich für ein Turnier an. Das ist ein toller Effekt. Das sagt Fallon auch: Wenn ich durch meinen Auftritt erreicht habe, dass ich die Frauen dazu motivieren kann, diesen Sport auszuüben, ihn intensiver zu betreiben, dann ist das schon wahnsinnig viel.

Fallon Sherrock ist einer der Stars der Sportart.
Fallon Sherrock ist einer der Stars der Sportart.
Foto: Getty Images

Sie geben auch Darts-Seminare. Wie probieren Sie, die Leute zu begeistern?

Ich probiere, ihnen zu vermitteln, was sie von einem Dartsprofi lernen können: Was heisst es, unter Druck gut zu sein? Wie schaffe ich es, in einen Flow zu kommen? Wie schaffen sie es, dass sie sich von 10’000 Fans nicht ablenken lassen. Ich erzähle ihnen vor allem vom Mentalen. Das ist auch das, was mich fasziniert: der Kampf um Perfektion. Die Dartsspieler erleben das. Wenn die ihren 9-Darter werfen, sind sie für anderthalb Minuten perfekt. Das ist Wahnsinn! Wir sind ja nie perfekt in unserem Leben!

Zurzeit haben sie auch ein weiteres gutes Argument: Darts kann man wunderbar im Lockdown oder bei Social Distancing spielen.

Ich habe während des Lockdowns die Lonely Darts Club Show gegründet, in der über Video gegeneinander gespielt wurde. Die PDC macht das heute noch. Jetzt geht es in die dritte Hometour-Serie: Da stehen alle in ihrem Wohnzimmer, werfen ihre Darts und spielen gegeneinander. Es sind auch wahnsinnig viele Online-Ligen entstanden. Darts ist der perfekte Pandemie-Sport.

Also leidet der Sport gar nicht unter Corona?

Doch, es fehlen die Gelder. Das ist ein Problem für die Profis, gerade für die in der 3. Reihe. Und beispielsweise auch die PDC Europe. Die ist auf Ticketverkäufe angewiesen. Für die ist das eine ganz schwierige Zeit, vielleicht wird es auch bald existenziell. Es ist darum wichtig, dass zumindest die TV-Turniere stattfinden. Darts muss sichtbar sein, die Leute müssen Bock bekommen darauf und dann realisieren: Das kann ich ja auch zu Hause spielen. Für die Online-Dart-Shops ist normalerweise während der WM Jahrmarkt. Da verkaufen die so viel, das ist deren Kerngeschäft. Mit dem Pandemiebeginn hatten die ein zweites Mal Weihnachten. Der Dart- und Boardverkauf ist in Deutschland enorm hochgegangen. Das sind Corona-Gewinner.

7 Kommentare
    Raine Wingel

    Das mit den Geschlechtern reguliert sich schon von selber.