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Von Kopf bis Fuss: Laufen statt KiffenDarum werden wir vom Joggen high

Läuferinnen und Läufer erleben beim Training eine Art Euphorie, die süchtig machen kann. Forscher haben nun den wahren Grund dafür gefunden.

Endorphine? Nein, für das berühmte Runner’s High sorgen laut Forschern Endocannabinoide.
Endorphine? Nein, für das berühmte Runner’s High sorgen laut Forschern Endocannabinoide.
Foto: Getty Images

Das sogenannte Runner’s High ist ein bekanntes Phänomen: Leidenschaftliche Läuferinnen und Läufer erleben dieses als eine Art Euphorie, ein Glücksgefühl, das auch süchtig machen kann. Lange wurde angenommen, dass dafür die erhöhte Ausschüttung von Endorphinen, also körpereigener Opioide, beim Ausdauersport verantwortlich ist. Deutsche Forscher haben nun aber nachgewiesen, dass die Endorphine dabei keine wesentliche Rolle spielen. Auslöser für das Hochgefühl beim Rennen sind nach ihren Erkenntnissen Cannabis-ähnliche Moleküle, sogenannte Endocannabinoide, die der Körper neben Endorphinen beim Ausdauersport
produziert.

Überspitzt könnte man sagen: Man kann mit Laufen ebenso high werden wie mit Kiffen. Aber nicht nur Sportler können in diesen Genuss kommen. Zwar ist ihre physiologische Bedeutung noch nicht sehr erforscht, doch diese Endocannabinoide sollen auch bei anderen positiven Erlebnissen ausgeschüttet werden, zum Beispiel nach einem guten Essen oder beim Sex.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) erforschen das Runner’s High schon seit vielen Jahren. Nachdem man schon vor mehr als fünf Jahren durch Experimente mit Mäusen im Laufrad nachweisen konnte, dass das Runner’s High nicht mit den Endorphinen, sondern eher mit Cannabinoid-Rezeptoren zusammenhängt, hat sich das nun bei Menschen bestätigt. Die entsprechende Studie wurde jetzt im Fachmagazin «Psychoneuroendocrinology» veröffentlicht.

«Dafür haben wir Menschen eingeladen – die meisten geübte Ausdauersportler – und sie auf einem Laufband jeweils eine Stunde rennen oder entspannt gehen lassen», erzählte Studienleiter Johannes Fuss vom UKE Ende letzten Jahres in einem Interview im Magazin «Spektrum» über diese Studie. Nach dem Rennen berichteten die 63 Probanden dem Forscherteam, «wie euphorisch sie sich gefühlt haben». Mittels Virtual Reality wurde zudem ihr Verhalten in einer Angst auslösenden Situation getestet. «Dabei kam heraus, dass die Versuchspersonen nach dem Rennen euphorischer und weniger ängstlich waren als nach einer Stunde
Gehen», sagt Psychiater Fuss, der Oberarzt am Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychologie am UKE ist.

«Es handelt sich vermutlich um einen alten biologischen Mechanismus, der Lebewesen motiviert, sich über längere Distanz fortzubewegen.»

Johannes Fuss, Studienleiter

Nach dem Laufen zeigte sich im Blut ein Anstieg der Endocannabinoide. Der Effekt der zunehmenden Euphorie und einer geringeren Ängstlichkeit zeigte sich ebenso, wenn die Wirkung der Endorphine
durch Medikamente blockiert wurde, als auch bei Probanden, die ein Placebo erhielten. «Diese Ergebnisse bestätigen unsere Laborbefunde, die zeigen, dass nicht die körpereigenen Endorphine, sondern Endocannabinoide für das Runner’s High verantwortlich sind», wird Studienleiter Fuss in einer Pressemitteilung des UKE zitiert. «Es handelt sich vermutlich um einen stammesgeschichtlich alten biologischen Mechanismus, der Lebewesen motiviert, sich über längere Distanz fortzubewegen. Dabei kann es hilfreich sein, euphorisch und weniger ängstlich zu sein.»

Klar ist nach dieser Studie: Das High kommt tatsächlich nicht von den Endorphinen. Da es derzeit kein zugelassenes Medikament gibt, mit dem bei Menschen die Cannabinoid-Rezeptoren blockiert werden können, kann die Studie aber nicht mit letzter Sicherheit nachweisen, dass es die Endocannabinoide sind, die für das High sorgen. Bei den Labortests zeigte sich jedoch, dass bei einer Blockierung der Cannaboid-Rezeptoren bei den Mäusen der positive Effekt – weniger Angst und Schmerzen – nicht mehr eintrat. Da die Studie mit den Menschen sonst alle vorherigen Erkenntnisse aus dem Labor bestätigte, ist es jedoch naheliegend, dass es tatsächlich die Cannabis-ähnlichen Moleküle sind, die happy machen.

Regelmässiges Laufen senkt den Suchtdruck

Diese Erkenntnis kann auch eine Erklärung liefern für das Ergebnis einer kleinen Pilotstudie mit lediglich zwölf Probanden, die als schwer Cannabis-abhängig bezeichnet werden, die vor zehn Jahren in den USA durchgeführt wurde: Die Forscher stellten fest, dass regelmässiges Laufen den Suchtdruck deutlich senken konnte.

Kritische Sportmuffel könnten jetzt bezüglich des Rennens anfügen: «So wird doch einfach eine Sucht durch eine andere ausgetauscht». Das kann man durchaus so sehen. Die Frage ist einfach: Was schadet dem Körper auf die Länge mehr?

17 Kommentare
    Ronnie König

    Wozu aber das stammesgeschichtliche Phänomen dient, ist ja nicht die Aufgabe der Forscher und wäre doch gut gewesen, kann man sich vorstellen. Es gibt zwei ganz wichtige Punkte. Jagd und Lebenserhalt bei Dürren. So wie Buschmänner mittels reiner Hetze ein Tier erlegen können, dabei aber auch Asudauerschmerz ertragen müssen, ist es wohl nicht schlecht ein wenig Anandamin ausschütten zu können. Gleiches bei endlosen Wanderungen von einem Habitat zum nächsten. Und das wiederum erklärt wieso der Mensch so schnell die letzten Ecken besiedelt hat nach dem Auszug aus Afrika. Aber e gibt sicher noch andere Gründe. Unser Kopf resp. Gehirn ist voll mit gewissen Rezeptoren, auch wo Nikotin bindet zB oder Coffein. Endorphine sind sehr wirksam, da braucht es auch nicht so viele damit sie ihren Zweck erfüllen können. Sie sind ebenso beteiligt, nur hat man deren Bedeutung halt nicht richtig verstanden. Das ist halt wenn einer sehr überzeugend mal eine These in die Welt setzt und es zum Dogma wird. Gut gibts kritische Leute die uns später dann doch noch weiter bringen.