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Bund spricht halbe MilliardeDas bedeutet der Geldsegen für den Sport

Fussball und Eishockey erhalten Darlehen bis zu 350 Millionen, der Breitensport wird mit 150 Millionen Franken unterstützt. Die Hintergründe und Reaktionen zum Rettungspaket des Bundes.

Wann kehren die Fussballfans ins Stadion zurück?
Wann kehren die Fussballfans ins Stadion zurück?
Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Fussball: «Der Bundesrat hat die Bedeutung des Sports anerkannt»

Am Ende ist es schnell gegangen, quasi über Nacht. Und doch steckt viel mehr dahinter, wenn es nach Matthias Remund geht. Der Direktor des Bundesamtes für Sport berichtet von harten Verhandlungen und viel Arbeit, die nötig gewesen seien, damit der Bundesrat dieses bislang einmalige Paket für den Schweizer Sport verabschieden konnte.

Ganz viel Geld stellt er als Darlehen für die beiden grossen Mannschaftssportarten bereit: bis Ende Jahr 100 Millionen für den Fussball und 75 Millionen fürs Eishockey. Und sollte sich die Situation im neuen Jahr nicht grundsätzlich gebessert haben, werden für beide nochmals die gleichen Beträge bereitgestellt.

Geschenke sind das nicht, die Clubs müssen die Gelder, die sie via ihre Ligen vom Bund beziehen, zurückzahlen. Die erste Tranche innert fünf Jahren, die zweite innert zehn Jahren. Und vor allem müssen die Clubs Bedingungen erfüllen, wenn sie diese Hilfsgelder beziehen wollen.

Diese Bedingungen sind «viel weicher» (Remund) als noch beim 50-Millionen-Fonds, den der Bund im März für den Profisport zur Verfügung stellte. Damals mussten die Clubs noch die Zahlungsunfähigkeit nachweisen, um Hilfe zu erhalten. Rund fünf Clubs aus Fussball und Eishockey haben das laut Remund getan und insgesamt 15,5 Millionen aus diesem Topf beantragt.

Löhne um 20 Prozent reduzieren

Jetzt hat ein Verein, der ein Darlehen will, ganz andere Kriterien zu erfüllen. Er muss 30 Prozent aus seinem Anteil an TV- und Marketing-Einnahmen zur Schuldentilgung aufwenden. Er muss die Lohnsumme seiner Spieler bis in drei Jahren um 20 Prozent reduzieren. Er darf nicht bei der Nachwuchsförderung sparen und keine Dividenden auszahlen. So weit hat das Remund schon einmal ausgeführt, die Details will das Baspo am Donnerstag veröffentlichen.

Im Raum steht auch die Schaffung eines Sicherheitsfonds, wie das der Bund in seinem Communiqué erwähnt. Der soll eingerichtet werden, um Vereinen in einem künftigen Krisenfall das Überleben während sechs Monaten zu sichern. Allerdings, so präzisiert das Remund, wird das erst der Fall sein, «wenn das jetzt alles vorbei ist», heisst: wenn diese Corona-Krise und ihre Folgen einmal überwunden sind.

«Wenn dieser Entscheid des Bundesrates der Sportwelt hilft, dann ist das gut», sagt Andras Gurovits, der Vizepräsident von GC, und er sagt auch: «Der Bundesrat hat damit die Bedeutung des Sports anerkannt.» So tönt es auch bei anderen Vereinen.

Nun sind es aber genau diese Grasshoppers, die auf die neuen Bundesgelder nicht angewiesen sind, zumindest «Stand heute nicht», wie Gurovits betont. «Wir brauchen das Darlehen nicht. Wir sind diese Saison gesichert und die folgenden auch, weil wir das Glück einer sauberen Rechnung haben.» Er könnte auch sagen: das Glück eines neuen Besitzers aus China. Vor einem Jahr drohte noch der Bankrott.

Die Swiss Football League hat mit den Clubs einen Schlüssel ausgehandelt, wer wie viel maximal beziehen kann. Und sie haftet gegenüber dem Bund, dass die Darlehen zurückgezahlt werden. Wenn es nach Remund geht, soll dabei auch der Solidaritätsgedanken nicht vergessen gehen. «Alle müssen füreinander schauen, damit sie auch in Zukunft noch gegeneinander spielen können», sagt der Direktor des Baspo. Übersetzt heisst das: Wenn Club X allenfalls nicht zahlen kann, soll Club Y helfen.

Eishockey: Wird mit dem Rettungsschirm nur das Kopfweh verschoben?

Wann können die Eishockeyfans wieder in die Stadien wie die Langnauer Ilfishalle? Das entscheidet über das Schicksal vieler Clubs.
Wann können die Eishockeyfans wieder in die Stadien wie die Langnauer Ilfishalle? Das entscheidet über das Schicksal vieler Clubs.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Denis Vaucher, der Ligadirektor im Eishockey, sieht das Hilfspaket für den Sport als «starkes politisches Zeichen». Es zeige, dass der Sport durchaus eine gewisse Lobby habe. A-fonds-perdu-Beiträge, wie sie im Breitensport fliessen, seien leider von Anfang an politisch chancenlos gewesen. Ein Darlehen von maximal 75 Millionen Franken kann das Schweizer Eishockey vorerst bis Ende Jahr ausschöpfen, im nächsten Jahr wäre nochmals eine gleich grosse Tranche zur Verfügung, falls die Corona-Krise anhält.

Die grosse Frage ist nur: Wie sollen die Clubs, die meist defizitär sind, dereinst ihre Darlehen zurückzahlen? Zumal in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld? Vaucher bezeichnet die Konditionen für die Rückzahlung als «sehr hart». Er fügt an: «Wir reden von Steuergeldern, und natürlich müssen diese an gewisse Bedingungen geknüpft werden. Aber wir müssen aufpassen, dass Clubs, die dank der Gelder kurzfristig überleben, dann nicht mittelfristig zu Boden gehen.»

Wollen wir vier Millionen Schulden haben? Wie sollten wir das je zurückzahlen?»

Peter Jakob, Präsident SCL Tigers

So sagt Peter Jakob, der Präsident der SCL Tigers: «Mit dieser Massnahme wird nur das Kopfweh verschoben. Es tönt gut, aber bringt effektiv nicht viel. Wollen wir Ende nächster Saison vier Millionen Schulden haben? Wie sollten wir das je zurückzahlen können?» Dessen Geschäftsführer Peter Müller fügt an: «Würden wir das Darlehen annehmen? Das kann nicht das Ziel sein. Es wäre vielleicht ein letztes Aufbäumen. Aber klar: Es ist gut, gibt es ein Sicherheitsnetz, sollte es noch schlimmer kommen, als alle befürchten.»

Marc Lüthi, der starke Mann beim SC Bern, sagt: «Spielen wir längerfristig ohne Zuschauer, kannst du mit 20 Prozent Einsparungen bei den Spielerlöhnen nichts anfangen. Dann müssten wir das ganze System infrage stellen und Wege finden, dass jeder zweimal kleinere Brötchen bäckt.» ZSC-CEO Peter Zahner, mit Lüthi die einflussreichste Figur im Schweizer Eishockey, lobt die Initiative des Bundesrats, des Baspo und von Swiss Olympic: «In solch kurzer Zeit ein solches Paket auf dem Tisch zu haben, das ist stark.» Allerdings gelte es jetzt noch viele Detailfragen zu klären.

Leistungs- und Breitensport: 150 Millionen, noch fehlt aber das Kleingedruckte

Bekommen auch Hilfe vom Bund: Sportarten wie Unihockey.
Bekommen auch Hilfe vom Bund: Sportarten wie Unihockey.
Foto: Keystone

Schon am 20. März waren vom Bundesrat 50 Millionen Franken genehmigt worden, um mit A-fonds-perdu-Beiträgen Sportvereine und -organisationen in Not zu unterstützen. Nun wurden für dieses Jahr weitere 50 Millionen und für 2021 nochmals 100 Millionen zu diesem Zweck bewilligt. Das Ziel sei, «eine nachhaltige Schädigung der stark vom Ehrenamt geprägten Schweizer Sportstrukturen» zu verhindern, hiess es in Bern.

Der Bundesrat geht inzwischen davon aus, dass die Folgen der Corona-Krise im Leistungs- und Breitensport erst mit zeitlicher Verzögerung «mit voller Wucht» (Viola Amherd) spürbar sein werden. Er will vermeiden, dass die Ausfälle von Veranstaltungen, Sponsoring-, Zuschauer-, TV- und Sport-Toto-Einnahmen der Sportszene Schweiz nachhaltig schaden. Viola Amherd sprach in Bern davon, dass alle Veranstaltungen, die durch die Corona-Krise in Not geraten seien, ein Gesuch stellen dürften. Die Gelder seien aber nicht da, um entgangene Gewinne auszugleichen. Beim neuen Stabilisierungspaket gehe es darum, dass die sportlichen Strukturen bewahrt werden können. «Der Sport darf nicht kaputtgehen», sagt Christoph Lauener vom Baspo.

Notlage muss geltend gemacht werden

Abgewickelt werden die Unterstützungsbeiträge über Swiss Olympic, den Dachverband des Schweizer Sports. «Es ist erfreulich, dass der Bundesrat den Sport als so wichtig erachtet», sagt dessen Direktor, Roger Schnegg. Zu Detailfragen könne er aber noch nichts sagen. «Uns fehlt die detaillierte schriftliche Auslegeordnung. Auch muss das Parlament dieses Paket noch verabschieden.»

Gemäss Christoph Lauener werden die Kriterien zur Geldvergabe erst in den nächsten Tagen ausgearbeitet. «Eine gewisse Notlage wird schon geltend gemacht werden müssen. Die Kriterien werden aber sicher nicht gleich hart sein wie bisher.» Beim ersten Paket musste man praktisch bankrott sein, um berücksichtigt zu werden. Von jenen 50 Millionen wurden bisher auch nur etwa 19 Millionen vergeben, davon 3,5 Millionen an den Breitensport. Dieses Verhältnis ist nicht überraschend: Gemäss Schnegg gibt es nur in 3000 der 19’000 Sportvereine Funktionäre, Trainer und Athleten, die mehr als 2000 Franken verdienen.

Der Bundesrat beauftragte zudem das VBS, die Gewährung rückzahlbarer Darlehen an internationale Sportorganisationen in der Schweiz zu prüfen – mit Ausnahme der drei finanzstärksten Organisationen Fifa, IOK und Uefa. Kulant zeigt er sich auch, indem er Vereinen und Organisationen J+S-Gelder ausbezahlt, obwohl wegen der Pandemie keine Aktivitäten stattfanden.

(Mitarbeit: phr/rek)