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Corona-MassnahmenDas Ende der 1000er-Grenze rettet die Veranstalter nicht

In sechs Wochen werden Grossevents wieder möglich sein. Trotzdem fordern Vertreter aus Musik, Sport und Messe weitere Unterstützung vom Bund – sonst drohe ihnen die Pleite.

Als Grossveranstaltungen noch erlaubt waren: Ein Auftritt von DJ David Guetta im Hallenstadion in Zürich im Jahr 2018.
Als Grossveranstaltungen noch erlaubt waren: Ein Auftritt von DJ David Guetta im Hallenstadion in Zürich im Jahr 2018.
Foto: Keystone

Bald schon sind in der Schweiz wieder Anlässe mit mehr als 1000 Personen erlaubt. Der Bund hat die 1000er-Regel bis Ende September verlängert, ab Oktober können Grossanlässe wieder stattfinden – wobei die Veranstalter Schutzkonzepte vorlegen müssen, damit die Corona-Zahlen deswegen nicht hochschnellen. Die Kantone müssen die Gross-Events jeweils bewilligen. Vor dem Bundesratsentscheid vom Mittwoch haben Veranstalter für diese Lockerung lobbyiert. Sie erhoffen sich davon mehr zahlende Gäste und damit auch mehr Einnahmen – aber keine Wunder.

Die Leiden der Messebetreiber

Eine Messe für Schutzmaterial in Shanghai.
Eine Messe für Schutzmaterial in Shanghai.
Foto: Reuters

Die Messeveranstalter haben stark unter der Corona-Krise gelitten. Hunderte Messen wurden gestrichen, darunter auch Grossveranstaltungen wie der Autosalon Genf oder die Art Basel. Christoph Kamber, Vorstand im Expo-Event-Verband und selbstständiger Unternehmer, sagt: «Die Aufhebung der 1000er-Grenze ist ein Muss für unsere Branche.» Mit einer Lockerung könne sie wieder loslegen und den entstandenen Schaden begrenzen. Die Veranstalter hoffen auf das Herbstgeschäft, doch die Nerven sind angespannt: «Es wird eine Welle von Insolvenzen geben, wenn sich die Aussichten nicht bald bessern.»

«Die Besucher müssen sich wohl und sicher fühlen, sonst kommen sie nicht.»

Christoph Kamber, Vorstand Expo-Event-Verband und selbstständiger Unternehmer

Für die unterschiedlichen Veranstaltungsformen brauche es verschiedene Schutzkonzepte. «Es geht nicht um die Anzahl Teilnehmer, es geht darum, ob es Veranstaltungen mit funktionierendem Schutzkonzept gibt», so Kamber. Nicht jedes Format sei gefahrenfrei durchführbar, aber viele seien vertretbar und sollten stattfinden dürfen. «Die Besucher müssen sich wohl und sicher fühlen, sonst kommen sie nicht», so Kamber. In einer riesigen Messehalle mit 10’000 Quadratmetern haben mehr als 300 Besucher Platz. Genügend Abstand und Schutzmassnahmen könnten dort gewährleistet werden, so Kamber.

Die Kurzarbeit habe der Branche geholfen, aber die laufenden Kosten blieben hoch. Die Reserven sind schon lange verbraucht, und auch der erhaltene zinslose Kredit wurde vielerorts bereits beansprucht. Wer glaube, die Veranstalter hätten vor der Krise vorsorgen können, kenne das Business nicht, so Kamber: «Die Veranstaltungsbranche ist nicht hochrentabel, doch wenn es uns nicht mehr gäbe, würde die ganze Schweiz viel verlieren.»

Die Musikveranstalter hoffen auf Hilfen

Ein Konzert in Thun BE
Ein Konzert in Thun BE
Foto: Steve Wenger

Alexander Bücheli von Promoter Suisse, dem Dachverband der Schweizer Popmusikveranstaltungsbranche, sagt: «Die Aufhebung der 1000er-Grenze würde eine Perspektive bieten, sodass mehr Spielstätten, Clubs und Konzertlokale den Betrieb wieder aufnehmen könnten.» Jetzt findet nur ein Bruchteil der sonst üblichen Veranstaltungen statt. Doch die Branche sei auch nach einer Öffnung noch angeschlagen, da es Monate dauern werde, bis sich so was wie ein Normalbetrieb einstelle. Daher werde sie weiter auf Unterstützung angewiesen sein.

«Die Sektorentrennung bei Veranstaltungen ab 300 Gästen lässt sich nur an den wenigsten Orten räumlich umsetzen.»

Alexander Bücheli, Promoter Suisse, dem Dachverband der Schweizer Popmusikveranstaltungsbranche

Mit der Aufhebung bestehe auch die Gefahr, dass zwar mehr als 1000 Personen zugelassen sind, aber die vorgesehenen Bedingungen sich in der Realität nicht umsetzen lassen: «Ein Beispiel ist die jetzt schon vorgesehene Sektorentrennung bei Veranstaltungen ab 300 Gästen, das lässt sich nur an den wenigsten Orten räumlich umsetzen», so Bücheli. Für viele Veranstaltungslokale und Clubs mache es deshalb bislang keinen Sinn, zu öffnen, da die Fixkosten höher wären als die Einnahmen.

«Wir hoffen deshalb, dass es wie angekündigt zu einer Zusammenarbeit mit der Musikveranstaltungsbranche kommen wird, wenn es um die Erarbeitung eines Schutzkonzepts geht», so Bücheli. Denn nicht alle Veranstaltungen seien gleich. Manche Anlässe sind gestuhlt, bei anderen geht es ums Tanzen, und dann gibt es auch Konzerte, bei denen das Publikum jeweils zur Bühne hin ausgerichtet steht. Wichtig sei auch, dass die Kantone dieselben Vorgaben anwendeten. «Es wäre sehr kompliziert, wenn überall unterschiedliche Regeln gelten», so Bücheli. Dadurch wäre etwa eine Tournee einer Band sehr aufwendig, wenn sie an jedem Ort andere Vorgaben erfüllen müsste.

Laut Anke Stephan, Sprecherin der Samsung Hall in Dübendorf ZH, ergebe für viele Veranstaltungsstätten eine Aufteilung in verschiedene Kleingruppen aus logistischen Gründen keinen Sinn. Sie sei auch aus Gründen des Fluchtwegs oft nicht umsetzbar. «Eine Maskenpflicht in Räumen, in denen viele Menschen dicht zusammenstehen, wäre akzeptabel und umsetzbar», so Stephan. Auch ein Einlass stufenweise oder verschiedene Einlassbereiche seien möglich. Da man in den öffentlichen Verkehrsmitteln trotz Maskenpflicht auch ein Getränk zu sich nehmen könne, ergebe eine Einschränkungen beim Essen und dem Getränkeverkauf keinen Sinn.

Sportclubs drängen auf mehr Zuschauer

Journalisten sprechen mit dem Sion-Spieler Quentin Maceiras.
Journalisten sprechen mit dem Sion-Spieler Quentin Maceiras.
Foto: Keystone

Die grossen Sportclubs aus dem Eishockey und dem Fussball setzen sich lautstark für ein Ende der 1000er-Grenze ein. Ihnen bricht die für sie wichtigste Einnahmequelle weg. Sie möchten mindestens wieder vor halb vollen Stadien spielen. Sonst drohe ihnen innert Monaten der finanzielle Kollaps.

«Man würde sich vorkommen wie in einem nach einer Atomexplosion kontaminierten Gebiet.»

Christian Constantin, Sion-Präsident im «SonntagsBlick»

Doch auch hier ist unklar, ob den Proficlubs die Lockerung genügt. So wäre die Lage auch angespannt, wenn das Stadion zu 50 Prozent gefüllt werden dürfte. Sion-Präsident Christian Constantin sagte kürzlich dem «Blick»: «Es wären nur noch Sitzplätze zugelassen, weshalb wir nur rund 5000 Zuschauer ins Stadion lassen dürften. Ich könnte meine übliche Auslastung von zwei Dritteln der Totalkapazität von 14’300 niemals erreichen.» Im Budget würden daher rund 5 Millionen Franken fehlen. Auch von einer Maskenpflicht im Stadion ist Constantin laut dem «SonntagsBlick» kein Freund: «Man würde sich vorkommen wie in einem nach einer Atomexplosion kontaminierten Gebiet.»

30 Kommentare
    Alexander Wetter

    Steuergelder dürfen wirklich nicht für Grossveranstaltugen - Sport, Konzerte, und dergleichen - verwendet werden - dieses Land hat andere Prioritäten