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Was wir über Nowitschok wissenDas Gift aus dem Nichts

Fünf Sandkörner davon bringen den Tod. Was ist Nowitschok? Wer hats erfunden?

Seltener Einblick: Russisches Chemiewaffen-Lager in Gorny. (Mai 2000)
Seltener Einblick: Russisches Chemiewaffen-Lager in Gorny. (Mai 2000)

Die Pupillen schrumpfen, werden winzig wie Stecknadeln. Das Atmen fällt schwer, der Chemiker weiss nicht, wie ihm geschieht. Er will ein Pflanzenschutzmittel entwickeln, doch dieses Experiment missrät teuflisch. Gerhard Schrader hat gerade das Nervengift Tabun gemixt und überlebt seine Erfindung nur knapp.

Es ist 1936, selbstverständlich interessieren sich die Nazis für die bräunliche, tödliche Flüssigkeit. Wenig später entwickelt Schrader ein weiteres Gift: Sarin. Wer das geruchlose Gas einatmet, bekommt Schweissausbrüche, verliert das Bewusstsein, erstickt. Weltberühmt wird das Sarin Mitte der 1990er, als eine Sekte mit diesem Gift in der U-Bahn von Tokio einen Anschlag verübt.

Nach Schraders Zufallsentdeckung beginnt das Tüfteln. Wer Schraders Vorlage zu nutzen versteht und das Molekül geschickt variiert, kann die Gefährlichkeit steigern: Das Gift geht schneller ins Blut, die Wirkung dauert länger, die Heilung wird verkompliziert. 1944 entwickeln die Deutschen den Kampfstoff Soman, der noch giftiger ist als Sarin und länger haltbar. Im Zweiten Weltkrieg bleiben die Kampfstoffe dann aber unbenutzt. Hitler fürchtet wohl eine alliierte Revanche.

Ein Passagier der U-Bahn von Tokyo während des Sarin-Anschlags vom 20. März 1995.
Ein Passagier der U-Bahn von Tokyo während des Sarin-Anschlags vom 20. März 1995.
Keystone

Die Schrader-Studien werden nach dem Krieg in Ost wie West aufgegriffen. 1953 stirbt ein englischer Soldat bei einem Sarin-Experiment. Das ist kein Zufall: Die Briten verwandeln Schraders Stoff in das Nervengift VX, das wie Motoröl aussieht, nach faulem Fisch riecht und Erbrechen, Schwindel und Krämpfe bewirkt.

2017 kommt es in Kuala Lumpur zum Einsatz: Ein Kommando greift im Flughafen den Bruder von Nordkoreas Diktatur Kim Jong-un an, spritzt ihm VX ins Gesicht. Der abtrünnige Kim Jong-nam stirbt am selben Tag.

Orange Flecken vor Augen

Schliesslich die russische Ableitung Nowitschok, auf Deutsch «Neuling». Im März 2018 wird es in England gegen den russischen Doppelagenten Skripal und dessen Tochter verwendet. Ende Juni, Monate später also, kommt es zu Kollateralopfern: offenbar ein drogensüchtiges Pärchen, das im Städtchen Salisbury an einem verseuchten Fläschchen gerochen hatte. Die Frau stirbt, der Mann überlebt knapp.

Am 20. August 2020 bricht der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny auf einem Inlandsflug mit Vergiftungssymptomen zusammen. Er wird derzeit in der Berliner Charité-Klinik behandelt. In einem Speziallabor wurde der Zusammenhang mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe nachgewiesen.

Nowitschok wirkt mindestens 50-mal so stark wie Sarin. Überliefert ist ein Unfall in einem Moskauer Labor 1987, bei dem ein Chemiker kurz giftige Nowitschok-Dämpfe einatmete. 1992 erzählte der erkrankte Wissenschaftler in einem Interview vom Horror: orange Flecken vor Augen, klingelnde Ohren. Im Jahr darauf stirbt er an den Folgen.

Nowitschok verhindert, dass Botenstoffe abgebaut werden. Die Zellen bleiben im Modus maximaler Anstrengung, die Muskeln verkrampfen sich, die Atmung erlahmt. Eine Nowitschok-Menge von fünf Sandkörnern könne einen Menschen töten, sagt Toxikologie-Professor Peter Dittrich dieser Zeitung.

Aufwändige Überprüfung: Salisbury im März 2018.
Aufwändige Überprüfung: Salisbury im März 2018.
KEYSTONE

Nowitschok ist nicht nur giftiger als ältere Kampfstoffe. Die Herstellung in den 1980ern – auch unter Gorbatschows «Glasnost» heimlich weitergeführt – basierte teils auf der Gleichung «Gewöhnlich plus gewöhnlich gleich absolut tödlich». Als «binärer Kampfstoff» konnte das Nowitschok beiläufig fabriziert werden, indem zwei deutlich weniger gefährliche Stoffe, etwa Pestizide, miteinander kombiniert wurden. So konnte der Kampfstoff erst dort scharf gemacht werden, wo man ihn einsetzen wollte.

Die UdSSR behielt das Nowitschok in der Rückhand, ohne gegen internationale Abrüstungsverträge zu verstossen: Die beiden Ausgangsstoffe an sich waren ja waffentechnisch unverdächtig.

Exakte Formeln weiterhin unbekannt

Das Wissen zu Nowitschok stammt grossteils von Wil Mirsajanow, einem Whistleblower. Mirsajanow leitete in den 80ern die sowjetische Spionageabwehr im Bereich Chemiewaffen, nach dem Kollaps der Sowjetunion veröffentlichte er Informationen in Artikeln und einem Buch. Bekannt wurde er auch als wichtige Quelle für Jonathan Tuckers Standardwerk «War of Nerves». Heute lebt Mirsajanow in den USA.

Verblüffend vieles ist unklar: So sind die exakten chemischen Formeln weiterhin unbekannt, es könnte weitere, noch unentdeckte Nowitschok-Varianten geben. Chemiker reden daher von der «Nowitschok-Gruppe» als Sammlung diverser Kampfstoffe. Unklar ist ebenfalls, wer heute Nowitschok besitzt.

Nowitschok geht an die Nerven, auch im übertragenen Sinn. Weil es ein Gift ist, das niemand ahnen kann. Kein Brummen eines Flugzeugs und keine Explosion einer Granate warnt davor, kein Gestank. Die Kontamination erfolgt quasi aus dem Nichts. Die Angst, jederzeit und überall vergiftet werden zu können, ist mit Salisbury auch im Westen angekommen.

Jenes Unbehagen, das Schriftsteller Haruki Murakami nach dem Sarin-Anschlag von Tokio ans Auftauchen der «Schwärzlinge» erinnerte, einer Unterweltskreatur ohne Augen – für Murakami der «Inbegriff der Gefahren, die stets im Dunkeln lauern».

Dieser Text wurde erstmals am 20. Juli 2018 und nun aus aktuellem Anlass erneut veröffentlicht.