Das Glühwürmchen wird seltener

Nicht nur der Bestand der Bienen geht in der Schweiz zurück – bedroht sind 40 Prozent aller Insekten.

Drei Jahre ihres Lebens verbringen Leuchtkäfer nicht als Käfer, sondern als Larven. Foto: PD

Drei Jahre ihres Lebens verbringen Leuchtkäfer nicht als Käfer, sondern als Larven. Foto: PD

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In den frühen Sommermonaten ­geben sie der Nacht einen besonderen ­Zauber: Sie zeichnen grünlich ­leuchtende Spuren in die Dunkelheit – ein Licht wie von Feen, das auf geheimnisvolle Rituale im Dickicht ­am ­Wegesrand hinzudeuten scheint.

Tatsächlich ist es für die Glüh­würmchen eine magische Zeit, ein Paarungsreigen, der auch das Ende ihres Lebens bedeutet. Natürlich sind es keine Würmer, die da fliegen, sondern kleine Käfer, weshalb Kenner lieber von Leuchtkäfern sprechen. Und es fliegen nur die Männchen. Die Weibchen sitzen mit betörend ­leuchtendem Unterleib auf einem Grashalm oder einem Blatt und warten auf den erlösenden Besuch eines Männchens.

Zwei Sorten Leuchtkäfer sind in der Schweiz verbreitet: Beim Grossen Leuchtkäfer (Lampyris noctiluca) leuchten nur die flügellosen Weibchen, beim Kleinen Leuchtkäfer (Lamprohiza splendidula) glitzern auch die fliegenden Männchen. Das bezaubernde Leuchten ist allerdings nicht mehr sehr häufig zu beobachten: Auch die Leuchtkäfer sind vom allgemeinen Insektensterben betroffen. Um darauf hinzuweisen, hat Pro Natura sie zum Tier des Jahres 2019 ernannt.

Vom Bienensterben haben wohl alle schon gehört. Tatsächlich gelten in der Schweiz aber nicht nur die Bienen, sondern 40 Prozent aller Insektenarten als bedroht. Ende 2017 sorgte eine Untersuchung in Deutschland weltweit für Aufsehen: In einer Langzeitstudie stellten Forscher fest, dass seit den 70ern die Zahl der Insekten um drei Viertel zurückgegangen ist.


Video: Die Glühwürmchen der Meere


Das ist auch eine Bedrohung für die Menschen. Nicht nur Bienen sind als Bestäuber von Pflanzen unersetzlich. Auch andere Insekten erfüllen wichtige Funktionen – und alle sind ­Nahrung für Tiere wie Frösche oder Vögel. Wird die Nahrungskette gestört, leiden auch wir.

Die Gründe für das Insektensterben sind vielseitig: Pestizide töten nicht nur Schädlinge, sondern auch Bienen, Schmetterlinge und Heuschrecken. Und in der begradigten, gepflügten und gemähten Landschaft wurden die Lebensräume vieler Insekten zerstört. Das gilt exemplarisch für die Leuchtkäfer. Sie benötigen auf kleinem Raum eine vielseitig bewachsene Umgebung mit sonnigen und schattigen Orten. Damit die heute oft isoliert lebenden Kolonien von Leuchtkäfern andere Artgenossen finden können, brauchen sie geschützte Verbindungswege: ­bewachsene Bachufer, unberührte Hecken, verwilderte Strassengräben. Auch solche Strukturen sind über die Jahre verschwunden. Neue Leuchtkäferkolonien gezielt anzusiedeln, ist hingegen ausgesprochen schwierig – daran scheitern sogar Experten.

Leuchtkäfer verbringen den grössten Teil ihres etwa drei Jahre dauernden Lebens nicht als Käfer, sondern als Larven – als «Glühwürmchen» im Wortsinne. Sie fressen Schnecken aller Art, die sie mit einem Giftbiss töten. Zum Käfer werden die Larven nur, um sich zu paaren – sie fressen nichts mehr, haben nicht einmal Mundwerkzeug, um Nahrung aufzunehmen. Hat die Paarung stattgefunden, sterben die Männchen kurze Zeit später. Die Weibchen legen noch ihre Eier. Danach ist auch ihr Leben erfüllt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.01.2019, 21:21 Uhr

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