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Leben an der DurchfahrtsstrasseDas GPS leitet automatisch nach Agasul

In der Zürcher Ortschaft mit dem merkwürdigen Namen wohnen 70 Menschen. Sie haben vor allem ein Problem.

Pöschtli-Wirtin Heidi Berger hat noch erlebt, wie die Einheimischen im Lokal Rechnungen bezahlt und Pakete aufgegeben haben. Seit Oktober 1991 ist das nicht mehr möglich.
Pöschtli-Wirtin Heidi Berger hat noch erlebt, wie die Einheimischen im Lokal Rechnungen bezahlt und Pakete aufgegeben haben. Seit Oktober 1991 ist das nicht mehr möglich.
Foto: Dominique Meienberg

Zumindest vielen Autofahrern und Jassern ist Agasul ein Begriff. Viele wundern sich über den exotischen Namen des kleinen Dorfs, das auf der Luftlinie 12 Kilometer von der Zürcher Stadtgrenze entfernt ist. Doch nein, mit der Türkei hat er nichts zu tun. Der vordere Teil des Namens benennt einen Mann namens Ago, der wohl ein Bauer war. Der hintere Teil hat offenbar zu tun mit einer «sulahha» oder «sulag», einer Schweinesuhle in sumpfigem Gelände. Erstmals ist Agasul als «Agunsulun» im neunten Jahrhundert nach Christus erwähnt.

Agasul, das zur Stadt Illnau-Effretikon gehört, liegt tatsächlich in einer leichten Senke in der sanft ansteigenden Landschaft. Doch eine sumpfige Schweinesuhle ist es nicht mehr. Gemäss Einwohnerstatistik leben 70 Menschen in Agasul. Ein zweites Agasul existiert übrigens in Indien, etwa 300 Kilometer von Kalkutta entfernt. 248 Personen wohnen dort in 47 Häusern. 55 Prozent der Einwohner können lesen und schreiben, bei den Frauen sind es nur 25 Prozent. Auf Google Maps sieht das indische Agasul sehr öde aus.

Das Restaurant Post und ein Hofladen

Steigt man im zürcherischen Agasul aus dem Bus, befindet man sich am Dorfrand. Und gleichzeitig auch schon fast in der Dorfmitte. Denn das einzige mehr oder weniger öffentliche Haus ist das Restaurant Post. In Agasul gibt es noch einen Hofladen, aber keine Migros und keine Bäckerei.

Die Transportfirma Nüssli ist der grösste Arbeitsgeber von Agasul. Ihr Fuhrpark steht an der Strasse nach Weisslingen.
Die Transportfirma Nüssli ist der grösste Arbeitsgeber von Agasul. Ihr Fuhrpark steht an der Strasse nach Weisslingen.
Foto: Dominique Meienberg

Streift man durch die kleine Ortschaft, fallen drei Dinge auf. Erstens: Der Bauernstand ist ein wichtiger Teil von Agasul, auf den Feldern draussen arbeiten die Bauern mit ihren Traktoren, es hat einige stattlich grosse Bauernhäuser und Ställe. Irgendwo steigt einem der Geruch eines Schweinestalls in die Nase. Zweitens: Eingangs Dorf bei der Bushaltestelle der grösste Arbeitgeber, es ist die Firma Nüssli, ein Transport- und Carreiseunternehmen. Sie existiert seit 1962 und wird in zweiter Generation geleitet. Drittens: der Verkehr, der sich durch ein enges Strässchen zwängt.

Die «huere Chlöpfischiit»

Der Verkehr ist denn auch das Hauptproblem im Dörfchen. Egal, mit wem man spricht, dieses Thema kommt schnell auf. Pöschtli-Wirtin Heidi Berger regt sich über die «huere Chlöpfischiit» auf – die PS-starken Protzgefährte, deren Auspuffe knallen, wenn die meist sehr jungen Fahrer das Gaspedal durchdrücken. Die beiden Bauern Valentin Baumann, der seine Bio-Produkte einzig über seinen Hofladen verkauft, und Willi Vögeli ärgern sich über die Fahrzeuge, die die Luckhauserstrasse als Schleichweg nutzen. Bei beiden fahren die Autos direkt an Haus und Stall vorbei. Beide sind deswegen schon bei der «Stadt unten» vorstellig geworden, genützt hat es nichts. «Dort sagten sie mir, eine Strasse sei zum Fahren da und nicht zum Überqueren», sagt Baumann.

3000 bis 4000 Autos und Lastwagen quetschen sich durch dieses Strässchen, das offiziell eine Nebenstrasse ist. Der Grund dafür: Die Fahrer nehmen den kürzesten Weg, umfahren die Ortschaft. Sie werden von ihren GPS-gesteuerten Navigationsgeräten automatisch über diese Route geführt. «Warum sonst käme ein polnischer Chauffeur mit seinem 40-Tönner auf die Idee, diese Strecke zu benutzen?», fragt Vögeli.

Bauer Willi Vögeli kämpft hier für eine Tempo-30-Beschränkung – und bei seinem Stall, der gegenüber dem Wohnhaus steht, für eine Begegnungszone.
Bauer Willi Vögeli kämpft hier für eine Tempo-30-Beschränkung – und bei seinem Stall, der gegenüber dem Wohnhaus steht, für eine Begegnungszone.
Foto: Dominique Meienberg

Vögeli ist aber nicht einer, der leicht aufgibt. Acht Jahre hat er sich durch Instanzen und Verwaltungen gekämpft, bis er die Bewilligung hatte, seinen Stall für 18’000 Freilandhühner zu erstellen. Und schon früher einmal, an einem anderen Ort, ist er hingestanden und hat gebockt: Als ihn die CS von einem stattlichen Hof namens Bockengut weghaben wollte, wehrte er sich und geriet von Horgen aus national in die Schlagzeilen (hier und hier nachzulesen). Nun bewirtschaftet er das Landwirtschaftsgut, das schon sein Grossvater mütterlicherseits bestellt hatte. Um sich gegen den Verkehr zu wehren, hat er grosse Gesteinsbrocken direkt an den Strassenrand gestellt – diese schreckten die Fahrer auf und halte sie etwas vom Rasen und Überholen ab, sagt er. Am liebsten hätte er aber, wenn die Gemeinde auf der Strasse Tempo 30 signalisieren würde. Und das kurze Strassenstück zwischen Haus und Stall zur Begegnungszone erklären würde. «Denn was anderes ist dieser Platz denn?», fragt Vögeli.

«Warum sonst käme ein polnischer Chauffeur mit seinem 40-Tönner auf die Idee, diese Strecke zu benutzen?»

Bauer Willi Vögeli

Zurück zu Heidi Berger im Restaurant Post, wo das Halbeli Fendant 17 Franken und das Kotelette mit Salat zum Zmittag 16.50 Franken kostet. Sie hat das Lokal 2006 von ihrer Mutter übernommen, bereits ihre Grosseltern hatten dort gewirtet. Und sie erinnert sich, dass das Pöschtli nicht nur Wirtshaus war, sondern tatsächlich die Poststelle. Bis im Oktober 1991 konnten die Einheimischen hier Einzahlungen machen und Päckli verschicken. «Das hat einen ganz guten Umsatz gegeben», sagt Berger. Die Familie verteilte damals auch die Post in den drei Dörfchen Agasul, Mesikon und Horben. «Um neun Uhr mussten wir jeweils zurück sein und das Pöschtli öffnen.»

Stammgäste bestellen im Restaurant Post gerne eine grosse Flasche Hürlimann-Bier.
Stammgäste bestellen im Restaurant Post gerne eine grosse Flasche Hürlimann-Bier.
Foto: Dominique Meienberg

In Jasskreisen hat das Lokal Bekanntheit bis in weit in den Kanton hinaus erlangt. Bio-Bauer Valentin Baumann ist im Weinland aufgewachsen und hat als Bub schon von Agasul gehört. «Sind einem beim Mischeln die Karten aus den Händen gefallen, hiess es bei uns: ‹Nimm doch im Pöschtli in Agasul einen Mischlerkurs›.» Wirtin Berger selber hat keine Kenntnis von diesem Spruch, weiss aber von einem anderen. Der lautet: «Gang is Pöschtli uf Agasul go leere s Spiel gäh.» Warum ihr Restaurant so mit dem Jassen verbunden wird, ist ihr ein Rätsel. Das Pöschtli war nie eine Pilgerstätte für Jasser, es gab auch nie Jassturniere oder so. «Mein Grossvater jasste, meine Mutter und ich aber nicht», sagt Berger.

Agasul ist ein Dorf, in dem nur wenige Leute haltmachen.
Agasul ist ein Dorf, in dem nur wenige Leute haltmachen.
Foto: Dominique Meienberg
6 Kommentare
    Martin Bischoff

    Agasul ist auch in die Literatur eingegangen. Wikipedia: 'Agasul ist durch Gottfried Kellers Erzählung Ursula in die Welt der schönen Literatur eingegangen, wenn auch nur durch den Namen einer Figur: Der Schneck von Agasul gehört darin zu den schwärmerischen Täufern, die den heimkehrenden Reisläufer Hansli Gyr mit ihren ausschweifenden Reden empfangen'.