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Zürcher KunststipendienDas hat’s gebracht

Jeden Sommer zeichnet die Stadt Kunstschaffende mit Stipendien aus. Was denken Geförderte von dieser Art der Unterstützung? Wir haben nachgefragt.

Tänzerinnen kosten viel: Performance von Nicole Bachmann.
Tänzerinnen kosten viel: Performance von Nicole Bachmann.
Bild: Nicole Bachmann / zvg

Nicole Bachmann

«Für mich als Künstlerin, die mit Performance arbeitet, war das Beste an meinen beiden Stipendien, dass ich die finanziellen Mittel bekam, ambitioniertere Projekte zu realisieren. Das pushte mich weiter. Zudem wurde meine Arbeit in der Schweiz sichtbarer. Der Inhalt meiner Arbeit hat sich zwar nicht verändert, aber ich konnte grössere Projekte realisieren, die weitere grössere Projekte nach sich zogen. In meinem Fall bedeutet grösser immer auch kostspieliger, weil ich mit Tänzerinnen zusammenarbeite, denen ich Lohn für Proben und Aufführungen, Reisekosten und sonstige Spesen bezahlen muss. Ohne die Werkbeiträge wäre manches nicht dringelegen.»

Nicole Bachmann hat 2015 und 2018 je einen Werkbeitrag gewonnen.

«Full stop slightly high», 2020, von Nicole Bachmann, performt von Aurore Vigneron and Noa Genazzano.
«Full stop slightly high», 2020, von Nicole Bachmann, performt von Aurore Vigneron and Noa Genazzano.
Bild: Nicole Bachmann / zvg

Chingsum Luk

«Ein Stipendium ist eine Form von Anerkennung. Finanzielle Unterstützung schafft Freiraum: Wenn man sich für eine gewisse Zeit keine Gedanken übers Geld machen muss und sich nur auf die Arbeit konzentrieren kann, ist das wirklich befreiend; das gilt ja nicht nur für Kunstschaffende. Mein Stipendienaufenthalt in Paris fiel mit dem Corona-Lockdown zusammen. Trotz der beunruhigenden Lage während der Ausgangssperre konnte ich ganz konzentriert im Atelier arbeiten; wahrscheinlich, weil meine Praxis viel mit Routine, Regeln und Kontrolle zu tun hat. Unter anderem habe ich am Projekt «Loss» weitergearbeitet – für das ich mein Stipendium bekam –, in dem ich meinen täglichen Haarverlust sammle und messe. Mir bleiben jetzt noch knapp drei Wochen in Paris. Museen, Restaurants, Cafés und Kinos gehen schrittweise wieder auf – jetzt hole ich das soziale und kulturelle Leben nach!»

Chingsum Luk hat 2019 einen Atelieraufenthalt in Paris gewonnen.

Dieses Kunstwerk besteht aus ausgefallenen Haaren der Künstlerin: «Loss (1 year / 16'671 strands / 612'867 cm)», 2018–2019, von Chingsum Luk.
Dieses Kunstwerk besteht aus ausgefallenen Haaren der Künstlerin: «Loss (1 year / 16'671 strands / 612'867 cm)», 2018–2019, von Chingsum Luk.
Bild: Chingsum Luk / zvg

Jan Vorisek

«Nicht nur in Sachen Stipendien sind Kunstschaffende in der Schweiz privilegiert: Studiengebühren an hiesigen Kunsthochschulen sind im Vergleich zum Ausland tief, die Infrastruktur ist toll. Der Nachteil eines Stipendiums? Dass es einem eine trügerische Sicherheit vermittelt. Der Vorteil? Dass es vieles beschleunigt. Bei mir war es jedenfalls so. Der Atelieraufenthalt in China liess mich zudem der westlichen Wahrnehmung der Welt gegenüber kritischer werden. China wird bei uns naiverweise oft als Entwicklungsland betrachtet. Dabei ist es dort, als würde man in der Zukunft leben. In vielerlei Hinsicht ist das Land viel weiter als wir, im Guten wie im Schlechten. Diese Erkenntnis war auch die Ausgangsidee meiner aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Glarus.»

Jan Vorisek hat 2013 einen Atelieraufenthalt in Kunming gewonnen.

Basiert auf in China gemachten Erfahrungen: «Collapse Poem», 2020, von Jan Vorisek.
Basiert auf in China gemachten Erfahrungen: «Collapse Poem», 2020, von Jan Vorisek.
Bild: Jan Vorisek / zvg

Alexandra Navratil

«Stipendien sind so wichtig, und zwar für Künstler an verschiedenen Punkten ihrer Karriere. Die Schweiz ist mit ihrer Förderung auf städtischer, kantonaler und eidgenössischer Ebene, wo man neben Geld oder einem Atelieraufenthalt immer auch die Möglichkeit erhält, seine Arbeiten dem Publikum zu zeigen, recht gut aufgestellt. Ohne diese strukturelle Unterstützung wäre es viel schwieriger. Gerade jetzt, wo viele kleinere und mittelgrosse Galerien zugemacht haben.»

Alexandra Navratil hat 2018 einen Werkbeitrag gewonnen.

War 2019 im Fotomuseum Winterthur ausgestellt: «All that Slides Strikes Rises and Falls», 2015, von Alexandra Navratil.
War 2019 im Fotomuseum Winterthur ausgestellt: «All that Slides Strikes Rises and Falls», 2015, von Alexandra Navratil.
Bild: Alexandra Navratil / zvg

Roman Blumenthal

«Nach dem letzten Werkstipendium wollten plötzlich ganz viele Leute in mein Atelier kommen und Bilder kaufen, so dass ich nun mehrheitlich davon leben kann und nur noch einen Tag pro Woche in einem Museum arbeite. Meine Kunst hat sich durch das Stipendium nicht verändert – aber die Umgebung, in der ich arbeite. Heute habe ich Tageslicht im Atelier, fliessend Wasser und eine Toilette. Ohne Stipendium würde ich wahrscheinlich immer noch in dem fensterlosen Luftschutzkeller hocken, wo ich 2016 nach einer längeren Kunstpause wieder angefangen habe zu malen – und niemand wüsste, was ich dort eigentlich treibe. Letzten Endes stehst du aber trotzdem wieder allein vor der weissen Leinwand, und kein Stipendium kann dir dabei helfen, ein besseres Bild zu malen. Im besten Fall ermöglicht es dir mehr Zeit beziehungsweise macht sie für dich erträglicher.»

Roman Blumenthal hat 2010 einen Werkbeitrag, 2017 einen Atelieraufenthalt in Kunming und 2019 einen weiteren Werkbeitrag gewonnen.

Entstand in einem Atelier mit fliessend Wasser: Dieses Werk ohne Titel, 2020, von Roman Blumenthal.
Entstand in einem Atelier mit fliessend Wasser: Dieses Werk ohne Titel, 2020, von Roman Blumenthal.
Bild: Roman Blumenthal / zvg

Ilona Ruegg

«Das Stipendienjahr fühlte sich finanziell entspannter an, wofür ich sehr dankbar war. Und ich fand es spannend, eine Arbeit in der Ausstellung zusammen mit vielen anderen Künstlern zu zeigen. Das Publikum war riesig; jedenfalls wurde ich später oft auf meine Arbeit ‹Hot Spot› – mittels Heizungsrohren verbundene, zerquetschte, ‹fliegende› Radiatoren – angesprochen. Das hat definitiv geholfen, mich besser in der Zürcher Kunstszene zu integrieren. Aber auch wenn man leer ausgeht, ist es wertvoll, eine Ausstellungsmöglichkeit zu haben und Kontakte zu anderen Künstlern zu knüpfen.»

Ilona Ruegg hat 2017 einen Werkbeitrag gewonnen.

«Hot Spot», 2017, von Ilona Ruegg.
«Hot Spot», 2017, von Ilona Ruegg.
Bild: Ilona Ruegg / zvg

Lorenz Gelpke

«Während meines halben Jahres in Paris konnte ich intensiv künstlerisch tätig sein, habe viel gemalt, aber natürlich auch viele Winkel der Stadt erkundet und neue Leute kennen gelernt. Leider muss ich gestehen, dass das Stipendium keinen direkten Einfluss auf meine Karriere hatte. Ich bin dankbar, dass ich es bekommen habe; allerdings hätte ich mir von den Unterstützern etwas mehr Neugierde für die Kunst gewünscht, die in der Zeit des Stipendiums und danach entstand. Mir ist klar, dass man nicht alle auf Dauer weiter unterstützen kann. Aber jene, die produktiv waren und ihren Stil interessant weiterentwickeln konnten, sollten auf weitere Unterstützung setzen können. Es ist ernüchternd, wenn nach sechs Monaten die Familie wieder die einzige Unterstützung ist.»

Lorenz Gelpke hat 2016 einen Atelieraufenthalt in Paris gewonnen.

Steckt da noch ein bitz Paris drin? Ein Werk ohne Titel, 2020, von Lorenz Gelpke.
Steckt da noch ein bitz Paris drin? Ein Werk ohne Titel, 2020, von Lorenz Gelpke.
Bild: Lorenz Gelpke / zvg