Zum Hauptinhalt springen

Pop-BriefingDas hört die Welt in der Krise

Spotify hat erforscht, welche Musik gerade besonders begehrt ist. Hip-Hop ist es für einmal nicht. Und: Was halten die Streaming-Plattformen von einem Spende-Button?

Eine Neuentdeckung aus Paris: Die Soul-Sängerin Awa Ly duelliert sich auf ihrem neuen Album mit einem bekneipten Gast.
Eine Neuentdeckung aus Paris: Die Soul-Sängerin Awa Ly duelliert sich auf ihrem neuen Album mit einem bekneipten Gast.
Foto: PD

Das müssen Sie hören

Wir wollen ganz ehrlich sein: Wir blicken auf zwei ziemlich verkorkste Musikwochen zurück. Die Veröffentlichungen von internationaler Tragweite fielen allesamt enttäuschend aus: Little Dragon haben sich zu einer ziemlich ordinären Jetzt-Soul-Combo herunterdotiert, und der weitherum gelobte Thundercat beschert uns ein heillos überzuckertes, überambitioniertes und überarrangiertes Kunst-Soul-Werk. Bleibt noch Childish Gambino: Dieser kann zwar immerhin mit etwas Sexyness und spannender Produktion aufwarten, aber die zündende Songidee ist auch ihm nicht gekommen.

Dafür ist uns die gefühlige Retro-Arbeit eines gewissen Early James aufgefallen. Der erst 26-jährige Singer-Songwriter aus Alabama taumelt mit seinem aparten Gesangsorgan eher an den Abgründen der amerikanischen Folk-Musik und hadert in unserem Lieblingssong mit der Unmöglichkeit der Liebe.

Einer unserer Darlings in dieser Kolumne, der meist ebenfalls nicht ganz unbeschwerte Mark Lanegan, haut einen Song nach dem anderen raus. Dieses Mal ist ihm ein – für seine Verhältnisse – fast schon lüpfiger Hit gelungen, doch so richtig unbeschwert fällt auch seine amouröse Liaison nicht aus. Das dazugehörige Album wird denn auch «Straight Songs of Sorrow» heissen – es erscheint am 8. Mai.

Einen wunderschönen Kontrast zum defätistischen Getue setzt der Londoner R&B-Sänger Latir mit seinem leicht hüpfenden und sonnigen Song «Wallflower». Bestens geeignet zum Abreagieren aufkeimender Frühlingsgefühle.

Einige Haken hat die Französin Awa Ly in ihrer Karriere schon geschlagen. Die Tochter senegalesischer Eltern zog als Studentin von Paris nach Rom, begann zu singen, wurde für den Film entdeckt und hat mit «Safe and Sound» gerade ihr spannendstes Album herausgebracht. Als Gast für das ausgewählte Lied konnte sie den Sohn des kürzlich verstorbenen Chansonniers Jacques Higelin gewinnen: den reichlich versoffen klingenden Arthur H.

Der Kreis derer, die sich dagegen aufbäumen, dass der Drum’n’Bass endgültig zur Liftmusik verkommt, wird stetig kleiner. Einer der zornigsten, innovativsten und kämpferischsten Produzenten der schnellen gebrochenen Beats ist Dominic Angus, der seine tontechnischen Kunstwerke unter dem Namen Dom & Roland zu veräussern pflegt. Auch er legt nicht sein bestes, aber doch ein stellenweise angenehm drastisches neues Album vor.

Erst jetzt entdeckt: Die Londoner Rapperin Biig Piig hat einen ihrer Songs in akustischer Form veröffentlicht. Nennen wir es hispanischen Bio-Bossa-Hop.

Darüber wird gesprochen

Spotify hat eine Studie angestrengt, die herausfinden sollte, wie sich das Hörverhalten der Menschen in der Coronakrise verändert. Zu den weniger wichtigen Erkenntnissen gehört die Tatsache, dass die Anzahl der Playlists zu den Themen Kochen, Wellness, Meditation und Hausarbeit zugenommen hat. Ebenfalls gerne gehört würden Podcasts zum Thema Covid-19 und Musik, mit der man Kinder schläfrig machen kann.

Doch es wurde auch herausgefunden, dass es die Menschheit in Social-Distancing-Zeiten nach entspannender Musik dürstet. Tracks, die zum Tanzen animieren, haben es demgegenüber gerade schwer. Klassik läuft besser denn je, und auch instrumentale Musik erlebt einen Aufschwung. Und: Playlists mit dem Term «Chill» feiern Hochkonjunktur, weshalb hiermit noch einmal auf unsere hauseigene Chill-Soul-Playlist hingewiesen sei, die indes lange vor der Krise erfunden worden ist.

Das Schweizer Fenster

Eigentlich wäre es eine günstige Zeit, um auf den Streaming-Plattformen den schon öfters geforderten «Donate»-Button zu installieren. Mit diesem könnten Hörer jenen Bands, die ihnen besonders am Herzen liegen, eine Spende zukommen lassen. Doch Anfragen bei den führenden Anbietern machen nur bedingt Hoffnung: «Sobald wir so etwas planen, werden wir uns bei Ihnen melden», antwortet der Verantwortliche von Apple Music.

Bei Spotify verweist man auf ein Hilfsprogramm mit Namen Spotify Covid-19 Music Relief-Project. Hier wird für Organisationen gesammelt, die Musikern in Not helfen sollen. Spotify verdoppelt dabei den Betrag der eingegangenen Spenden. Da nun ein Schweizer Musikfreund aber eher nicht erpicht darauf ist, für den schwedischen Musikförderbund oder den französischen Centre Nationale de la Musique zu spenden, warten wir weiter auf den Knopf, mit dem kurvenlos und gezielt die präferierten Musikschaffenden unterstützt werden können.

Viel Lob und natürlich ebenso viel Tadel hat meine Playlist mit ausschliesslich schweizerischem Musikschaffen ausgelöst. Natürlich hat sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und wenn eine Band vergessen gegangen ist, steckt dahinter weder böse Absicht noch persönliche Feindseligkeit. Deshalb seien Tadler und Fans gerne aufgefordert, ihre liebsten Schweizer Titel in die Kommentarspalte zu setzen. Ich werde die Eingaben sorgfältig prüfen. Ausserdem wurde die Liste heute um einige Dutzend Songs erweitert. Von Asbest bis Jenny Chi, von Unknownmix bis Chewy von Jessiquoi bis Sudden Infant.

Aktuell sehr gut gefallen hat der neue Song «Diamonds and Gold» des Zürcher Duos Wolfman.

Was blüht?

Corona wütet beklagenswerterweise auch in der Musikszene. So ist der amerikanische Trompeter Wallace Roney mit nur 59 Jahren im Zuge der Pandemie gestorben. Er galt als fleissigster Hüter der Miles-Davis-Jazzlehre und stand sogar mit der Legende auf der Bühne. Doch sein Oevre – auch wenn es nicht gerade vor Originalität strotzt – bietet weit mehr als blosses Epigonentum. Stellvertretend dafür: die Ballade «Why Should There Be Stars» von seinem letztjährigen Album.

Ebenfalls dem Virus zum Opfer gefallen ist mit Patrick Gibson der Schlagzeuger der Gibson Brothers, einer Disco-Combo aus Martinique, die unter anderem ganz sympathische Videoclips gedreht hat.

An einem Herzversagen ist der Soul-Grossmeister Bill Withers gestorben. Hier gehts zum sehr lesenswerten Nachruf.

Im Spital liegt derzeit unter anderem die Sängerin Marianne Faithfull. Wir fürchten, dass uns eine Fortsetzung dieser betrüblichen Liste blüht.

Das Fundstück

Unsere Bemühungen, einen geeigneten Song zur Krise zu finden, hat in dieser Woche ein erstes wirklich befriedigendes Ergebnis gezeitigt. Die dänische Post-Punk-Band Iceage hat den «Lockdown Blues» veröffentlicht. Er enthält die aufmunternde, aber poetisch nur so mässig wertvolle Zeile: «Covid-19 Lockdown Blues / The only way out is through». Alle Einnahmen, die mit dem Song erzielt werden, spendet die Band den Ärzten ohne Grenzen.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 34 neue Songs sind diese Woche dann doch zusammengekommen. Das Spektrum reicht vom Charme-Chanson der Gruppe Donna Blue über Garage-Brit-Rock-Jazz von Melt Yourself Down bis zum wilden Rock’n’Roll von The Meteors. Es gibt neue Cumbia, finsteren Dubstep, Ska-Jazz – und dazwischen sorgen Bright Eyes oder Teitur mit neuen Songs für Entspannung.

Jeden Dienstag schreiben unsere Musikredaktoren in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

2 Kommentare
    Guy Schorderet

    Zur Schweizer Liste: da hätte zu dieser bereits tollen Auswahl noch von Nadja Zela z.B. Still Alive oder Golden Years gesehen.