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Corona-Krise und die FolgenDas intellektuelle Waterloo der Populisten

Donald Trump, Jair Bolsonaro, Andrés Manuel López Obrador — die populistischen Politiker Amerikas erweisen sich in der Krise als unfähig. Selbst auf eigene Anhänger wirken sie nicht mehr überzeugend.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro versucht sich während einer Pressekonferenz am 18. März in Brasilia eine Maske aufzusetzen.
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro versucht sich während einer Pressekonferenz am 18. März in Brasilia eine Maske aufzusetzen.
Foto: Andre Coelho (Getty Images)

Gäbe es einen internationalen Wettbewerb, welche Politiker in der Corona-Krise bisher die kläglichste Figur gemacht haben, dann wären die Regierungschefs der drei bevölkerungsreichsten Länder des amerikanischen Kontinents valable Kandidaten auf einen Spitzenplatz.

US-Präsident Donald Trump, der Mexikaner Andrés Manuel López Obrador und der Brasilianer Jair Bolsonaro haben die Gefahr verharmlost, sie haben frivole Sprüche gemacht, wissenschaftliche Tatsachen geleugnet, die Schuld auf andere abgeschoben, die Empfehlungen ihrer eigenen Sicherheitsexperten ignoriert und der Bevölkerung durch ihr Verhalten ein miserables Beispiel gegeben. Und sie haben wahrscheinlich einen Teil des zeitlichen Vorsprungs verspielt, den Amerika gegenüber Asien und Europa hat, um das Virus einzudämmen.

Irrationalismus und clowneske Verantwortungslosigkeit linker und rechter Populisten à la Trump, López Obrador, Bolsonaro: Der US-Präsident nennt das Virus Ende Februar einen «Hoax» seiner demokratischen Gegner, behauptet, im April werde es wegen der wärmeren Temperaturen von selber und wie durch «Magie» verschwinden, und verbreitet auch danach so viel Unsinn, dass ihn der landesweit bestqualifizierte Epidemiologe, Anthony Fauci, immer wieder öffentlich korrigieren muss.

«Man soll sich umarmen»

López Obrador nimmt noch Mitte März ein Bad in der Menge, schüttelt Hände, umarmt und küsst seine Anhänger. «Man soll sich umarmen, dabei passiert nichts», sagt er. Bei einer Pressekonferenz hält er Amulette hoch, die ihn angeblich vor einer Ansteckung schützen, und der für die Corona-Krise zuständige Gesundheitsexperte Hugo López-Gatell behauptet, der Präsident sei eine «moralische Kraft, keine ansteckende Kraft».

Mexikos linker Präsident Andrés Manuel López Obrador interpretierte Mitte März das Gebot vom sicheren Abstand auf seine eigene Weise.
Mexikos linker Präsident Andrés Manuel López Obrador interpretierte Mitte März das Gebot vom sicheren Abstand auf seine eigene Weise.
Foto: Reuters

Bolsonaro spricht Anfang März von einer «kleinen Krise», betont aber, das Virus sei «eher eine Fantasie». Am 15. März nimmt er, umgeben von jubelnden Fans, an einer Massendemonstration teil. Zwei Tage später bezeichnet er die Sorgen der Öffentlichkeit wegen der rapiden Ausbreitung des Erregers als «Hysterie».

Dass die Scheu davor, die Wirtschaft zu einem abrupten Stopp zu zwingen, jenseits des Atlantiks grösser ist als in Europa, lässt sich nachvollziehen. Denn die sozialen Sicherungssysteme sind in den USA schwächer als in Europa, und in Brasilien und Mexiko arbeiten mehr als 40 Prozent der Bevölkerung im sogenannt informellen Sektor, ohne Vertrag und Arbeitnehmerrechte.

Über das Abwägen zwischen ökonomischen und gesundheitspolitischen Interessen kann man mit gutem Gewissen unterschiedliche Meinungen vertreten, und im Zusammenhang mit den Gefahren von Covid-19 haben sich auch Journalisten, Ärzte, Literaturnobelpreisträger und andere geirrt.

Profilierungssüchtige, teilweise faktenwidrige, aber umso klugscheisserische Polemik betreibt auch der berufsempörte Schweizer Büchnerpreis-Träger Lukas Bärfuss, der in der jüngsten Ausgabe des «Spiegels» aus dem Handgelenk ein paar Knallpetarden gegen die Schweiz und ihre Regierung zu werfen versucht.

Barack Obama machte es besser

Hätten sich die Präsidenten der drei wichtigsten amerikanischen Länder zu Beginn der Krise in gutem Treu und Glauben geirrt, wäre es selbstgerecht, ihnen dies vorzuwerfen. Was sie disqualifiziert, ist die Unfähigkeit, eine der nobelsten Funktionen ihres Amtes wahrzunehmen: In einer Notlage Sicherheit, Souveränität und staatsmännische Würde auszustrahlen. Sich von Anfang an mit den richtigen Worten an die gesamte Bevölkerung zu wenden, nicht bloss an die eigenen Anhänger wie im Wahlkampf. In der Not Grösse zu zeigen und das Hickhack gegenüber dem politischen Gegner einzustellen, statt ihm die Schuld an eigenen Unzulänglichkeiten aufzubürden. Den Eindruck zu vermitteln, zwar nicht unfehlbar, aber der Rolle des obersten Krisenbewältigers charakterlich und intellektuell gewachsen zu sein. Wie es bei Barack Obama und nach 9/11 auch bei George W. Bush der Fall war.

Wer die Realität so lange verkennt, wie es Trump, López Obrador und Bolsonaro getan haben und teilweise immer noch tun, der wirkt selbst dann nicht überzeugend, wenn er einen Kurswechsel vollzieht. Bolsonaro, wie er nach all seinen verharmlosenden Sprüchen mit schief sitzender Gesichtsmaske doch noch von Notstand spricht, hat nur eines verdeutlicht: Wer sich einmal als Hofnarr gebärdet, den nimmt niemand ernst, wenn er plötzlich den Heerführer zu spielen versucht.

US-Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Center for Disease Control in Atlanta, Georgia.
US-Präsident Donald Trump besucht am 6. März das Center for Disease Control in Atlanta, Georgia.
Foto: Tom Brenner (Reuters)

Eine erbärmliche Figur haben in der Corona-Krise auch Politiker diesseits des Atlantiks abgegeben: Boris Johnson, Wladimir Putin, Matteo Salvini. Es ist offensichtlich, dass die internationale Liga der Populisten dieser Krise ungleich weniger gewachsen ist als «traditionelle» Politiker wie Angela Merkel, Emmanuel Macron, Pedro Sánchez oder Giuseppe Conte.

Neben individuellen Schwächen hat dies auch strukturelle Gründe. Ein wesentlicher Zug populistischer Politik besteht darin, sich im Namen des vermeintlich wahren Volkswillens gegen die Elite zu stellen, gegen den angeblichen Mainstream, gegen die «Systemmedien». Die populistische Leugnung des menschengemachten Klimawandels beweist, dass diese «Ihr könnt mich mal»-Attitüde auch gegen wissenschaftliche Erkenntnisse in Stellung gebracht wird, schliesslich gehören auch Wissenschaftler und Universitätsprofessoren zur Elite. Und Virologen genauso.

Spätpubertärer Profilierungszwang

Populisten hängen der Illusion an, allein dank ihrer einsamen Willenskraft ein Übel beseitigen zu können. Sie neigen dazu, sich gerade auch durch den physischen Kontakt mit ihren Anhängern der Kraft zu versichern, der sie ihren Erfolg verdankendie Unermüdlichkeit, mit der Trump oder López Obrador im ganzen Land von Veranstaltung zu Veranstaltung reisen, beweist es. Dass ihnen das Virus diese Möglichkeit nimmt, verleitet sie dazu, dessen Gefährlichkeit zu leugnen.

Bloss funktioniert die Leugnung der Realität nicht mehr, wenn sie der unmittelbaren Alltagserfahrung der Öffentlichkeit widerspricht, und dies täglich deutlicher und schmerzhafter. Das frivole Verbreiten von Lügen, um unter dem schenkelklopfenden Gefeixe der eigenen Gefolgsleute Wohlmeinende, Experten und angeblich Elitäre zu provozieren, wirkt weder lustig noch souverän, wenn sich die Menschen unvermittelt mit den desaströsen Folgen dieser Hanswurstiaden konfrontiert sehen. Der selbst geschaffene Mythos vom tatkräftigen Macher, der mit radikalen Schocktherapien einen schnellen Umschwung erzwingtkein Flüchtling kommt mehr an Land, ab morgen setzt es Strafzölle, Polizisten richten jetzt Kriminelle hin –, ist lächerlich angesichts einer Krise, in der Entschlossenheit nur dann wirkt, wenn sie mit Umsicht, Geduld und dem Respekt vor wissenschaftlichen Erkenntnissen einhergeht.

Das frivole Verbreiten von Lügen wirkt plötzlich nicht mehr lustig.

Wenn das Coronavirus etwas Gutes hat, dann liegt es darin, die grossen Lügner, Vereinfacher und Wissenschaftsverächter noch deutlicher blosszustellen. Und in der Diskreditierung ihrer publizistischen Claqueure, seien es die Höflinge von Fox News oder die paar versprengten Seelen, die in ihrem spätpubertären Anti-Mainstream-Profilierungszwang auch hierzulande glauben, irrlichternden Figuren wie Trump oder Bolsonaro ihre Reverenz erweisen zu müssen.

Dass die Populisten für ihr Versagen abgewählt werden, ist wünschenswert, aber nicht sicher. Die Ursachen, die ihren Aufschwung ermöglicht haben, die von bestimmten Auswirkungen der Globalisierung provozierte Enttäuschung und Verunsicherung, werden die Corona-Krise überleben: Ungleichheit und Arbeit auf Abruf, Druck auf die traditionelle Mittelschicht und auf ländliche Regionen, Aufstieg einer internationalen, teilweise hochnäsigen Bildungselite, Angst vor dem Verlust kultureller Identität und lokaler Traditionen. Die zu erwartende weltweite Rezession wird vieles noch verschlimmern.

Populismus ist im Kern eine Revolte wider Globalisierung und Internationalisierung. Schon jetzt lässt sich sagen, dass uns die Corona-Krise dazu zwingen wird, genau diese Entwicklungen zu überdenken und deren Nachteile zu korrigieren, statt sie schönzureden. Sollten bei diesem Prozess Leute, die ein Virus für eine Wahlkampflüge ihrer politischen Gegner halten, nicht mehr an der Macht sein – dann umso besser.

22 Kommentare
    Marcel Stierli

    Wenn Lopez-Obrador, Trump und Bolsonaro hier in einem Artikel genannt werden, dann bin ich mir genau eines sicher: Es ist ein sehr populistischer Artikel. Zumindest Ersterer passt nicht zu 1% zu den beiden anderen Irrlichtern. Bei allen Fehlern die Lopez-Obrador in den letzten Tagen 2 Wochen gemacht hat, gibt es absolut keine Parallelen mit Trump/Bolsonaro. Wenn ich dann noch Worte wie 'Hanswurstiaden, klugscheisserische Polemik' lese, was soll ich denn von diesem Artikel halten? Nur weil dem Verfasser das Gegenüber nicht in den Kram passt? Gleich danach wird dann auch noch Bush als wahrer Leader präsentiert. Also jener Leader, der als Antwort auf eine Krise nur einen Krieg basierend auf Lügen vorweisen konnte. Die Folgen davon sehen wir noch heute. Das Thema ist zu vielfältig um es in einem Artikel mit dem Zweihänder im Rundumschlag zu erledigen. Zumal Länder, wie in diesem Falle USA/Brasilien/Mexiko weder politisch, sozial noch wirtschaftlich einfach so unter einen Hut gebracht werden können.