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Nachhaltiges Smartphone Das neue Fairphone gibts am Stück oder in Teilen

Fairphone stellt ein neues Modell seines nachhaltigen, modularen Smartphones vor. Das alte lässt sich aufrüsten.

Hat viele Ähnlichkeiten mit dem Vorgängermodell: Das Fairphone 3 Plus.
Hat viele Ähnlichkeiten mit dem Vorgängermodell: Das Fairphone 3 Plus.
Foto: Fairphone 

Wer ein halbwegs ökologisches und unter halbwegs ethisch vertretbaren Bedingungen produziertes Handy kaufen will, der kommt am Fairphone kaum vorbei. Seit 2014 versucht die niederländische Firma den Smartphone-Markt zu verändern, als nachhaltiger David gegen viele Goliaths: Pro Jahr werden weltweit etwa 1,5 Milliarden Smartphones verkauft, von Apple, Samsung, Huaweium nur die grossen Hersteller zu nennen. Das Fairphone 3, das vor einem Jahr auf den Markt kam und nur in Europa erhältlich ist, fand bislang 90’000 Käufer.

Jetzt hat die Firma ihr neuestes Modell vorgestellt und bricht mit der bislang geltenden Regel, dass ein neues Smartphone irgendwie anders aussehen muss als der Vorgänger. Es soll ja schliesslich jeder sehen, dass man sich das neueste Gerät leisten kann. Beim neuen Fairphone ist das anders: Das Modell 3 Plus hat genau dieselben Masse wie das ältere 3er-Modell. Und auch einige Bauteile und Komponenten sind gleich geblieben. Dazu gehören der Akku, der Bildschirm mit 5,7 Zoll und der Snapdragon-632-Prozessor von Qualcomm.

Natürlich gibt es aber auch technische Verbesserungen. Einerseits bei der Software, das Handy kommt mit der aktuellen Version des Betriebssystems Android 10. Und andererseits bei der Hardware: Es gibt ein neues Soundmodul, das für bessere Anrufqualität sorgen soll, und zwei neue Kameras. Die Hauptkamera hat nun eine Auflösung von 48 Megapixel statt bislang
12, bei der Selfiekamera sind es nun 16 Megapixel statt 8. Bei Spitzenklasse-Smartphones, aber inzwischen auch in der Mittelklasse hat es in den vergangenen Jahren wenig wirkliche Innovationen gegeben. Viele Hersteller setzen deshalb auf die Kamera als Verkaufsargument für ihre neuen Modelle: noch mehr Megapixel, noch mehr Linsen, noch mehr Zoom.
Das Problem dabei: Wer die neueste Kameratechnik für die Hosentasche will, muss gleich ein komplett neues Smartphone kaufen, auch wenn sein altes Gerät ansonsten eigentlich noch in sehr gutem Zustand ist. Und wenn sich Käufer im Schnitt alle zweieinhalb Jahre ein neues Gerät zulegen, entsteht eine Menge vermeidbarer Elektroschrott. «Wir möchten die Elektronikindustrie verändern», sagt Eva Gouwens, Chefin von Fairphone. «Unser Ziel ist es, dass unsere Käuferinnen und Käufer ihr Smartphone fünf Jahre behalten.» So lange biete man auch Support für die Geräte an.

Langlebige Smartphones

Laut Angaben des Unternehmens geht die Strategie erstaunlich gut auf. Von allen 120’000 bisher verkauften Geräten der vergangenen fünf Jahre würden noch immer 40 Prozent aktiv genutzt, teilt eine Sprecherin mit. «Erfreulich ist, dass 55,12 Prozent der verkauften Fairphone-2- und -3-Geräte 2019 noch immer im Gebrauch waren.» Sogenannte «aktive Geräte» werden von Fairphone anhand von vorgenommen Software-Updates definiert.

Neben der fünfjährigen Garantie soll noch etwas die Smartphones langlebiger machen: Fairphone setzt auf ein modulares Design. Alle wichtigen Komponenten des Handys können mit wenigen Handgriffen ausgetauscht werden. Kunden müssen ihr Smartphone dafür nicht in die Werkstatt schicken, sondern können die Teile online nachbestellen und mit einem mitgelieferten Schraubendreher selbst austauschen, auch ohne grosse Vorkenntnisse.

Beim neuen Modell ist der Anteil an recyceltem Kunststoff im Vergleich zum Vorgänger mehr als viermal so hoch wie bisher. Das ist auch der Grund, warum die Rückseite des Fairphones nun wieder schwarz ist. Zuletzt war sie stets transparent, um das modulare Design sichtbar zu machen. Doch das ist mit mehr wiederverwerteten Kunststoffen nicht mehr so einfach möglich. Darüber hinaus verbaut das Unternehmen weiterhin grossteils fair gehandelte Rohstoffe. Denn bei der Handyproduktion werden viele Mineralien und Metalle benötigt, die üblicherweise mit starker Umweltverschmutzung und gefährlichen Arbeitsbedingungen gefördert werden.

Käufer bekommen ein ordentliches Handy und ein gutes Gewissen

Zeitgleich mit der Präsentation des Modells 3 Plus verkündete Fairphone die Gründung der «Fair Cobalt Alliance». Kobalt ist einer der Hauptrohstoffe für Batterien. Die Allianz, zu der auch der weltweit grösste Rohstoff-Händler und Minenbetreiber Glencore gehört, will künftig den Kobaltabbau «sozial verantwortlicher, klimaschonender und konfliktfreier gestalten».

Wer das neue Fairphone-Modell mit besserer Kamera haben will, kann es
ab dem 14. September online für rund 500 Franken kaufen. Er bekommt dafür ein gutes Mittelklasse-Handy, dessen Preis für seine Ausstattung vergleichsweise hoch ist, dafür aber mit gutem ökologischem und sozialem Gewissen. Und wer bereits das Vorgängermodell besitzt, aber ein Upgrade will, braucht kein neues Gerät zu kaufen. Er kann die verbesserten Module einfach nachbestellen und sie selbst einsetzenund hält dann ein Gerät in den Händen, das identisch mit dem Modell 3 Plus ist. Die neuen Kameras gibt es als Set zum Preis von rund 105 Franken, können aber auch einzeln bestellt werden.

Die alten Module können in Deutschland und Frankreich an den Hersteller zurückgesendet werden, welcher sie dann entweder aufbereitet oder recycelt. In der Schweiz wird dies vorerst nicht möglich sein, wie das niederländische Unternehmen mitteilt. Man arbeite jedoch daran, dieses Rücksendeprogramm auf weitere Länder auszuweiten. Gewisse Händler in der Schweiz wie etwa Digitec Galaxus nehmen alte Teile jedoch in ihren Shops zur Entsorgung entgegen.

Bleibt die Frage, ob sich das Upgrade lohnt, die technischen Daten der Kameras sind schliesslich vielversprechend. Doch der Praxistest zeigt, dass man schon genau hinschauen muss, um Unterschiede zu erkennen. Die neuere Hauptkamera scheint etwas schneller zu fokussieren, mit schwierigen Lichtverhältnissen und Aufnahmen aus geringer Distanz kommt sie etwas besser klar. Die Bilder sind trotz der grösseren Megapixelzahl nicht wesentlich detailreicher, zumindest lassen sich am Computer mit blossem Auge kaum Unterschiede erkennen. Der ältere, eher mittelmässige Prozessor des Smartphones macht sich nicht bemerkbar, die Verarbeitung der Bilder läuft nicht spürbar langsamer.

Steigende Nachfrage

Die Selfie-Kamera bietet etwas grössere Verbesserungen, die Bilder sind knackiger als beim Vorgängermodell, insbesondere bei wenig oder Gegenlicht. Wem diese Feinheiten bei den Smartphone-Kameras wichtig sind, für den kann sich das Upgrade also lohnen. Wer allerdings mit einer guten Mittelklasse-Kamera zufrieden ist, wie sie bisher im Fairphone verbaut ist, für den gibt es auch eine Lösung: Das 3er-Modell, welches inzwischen einjährig ist, gibt es weiterhin zu kaufen. Es ist bereits ab 400 Franken erhältlich statt früher 520 Franken.

In der Schweiz erfreut sich das Fairphone laut dem Hersteller steigender Beliebtheit. Das deckt sich mit den Angaben von Digitec Galaxus. Die Vorverkaufszahlen für das Fairphone 3 Plus bewegten sich zwar leicht unter denjenigen des Vorgängermodells. Insgesamt sei die Nachfrage nach nachhaltig und fair produzierten Smartphones jedoch stark gestiegen, meint ein Mediensprecher
des Onlinehändlers. «Das Fairphone 3 stösst nach wie vor auf konstant grosses Kundeninteresse. Es gehört noch immer zu den bestverkauften Smartphones bei Digitec Galaxus.»

5 Kommentare
    C. F. Abel

    Offensichtlich, dass ein nachhaltiges Fon mit der Zeit grundsätzlich auf immer weniger Interesse stösst, da immer mehr schon eines haben. Ich habe wenig Interesse an weiteren Trottinettes, da ich schon 5 diverser Grösse und Machart habe. Beim Abbau der dafür benötigten Rohstoffe werden Umwelt und Native geschädigt, Kinder zu Arbeit gezwungen: es braucht eine Trottinett-Konzern - Verantwortlichkeit! Und erst die armen Fussgänger in der Schweiz!