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Start-up VisitlocalsDas Portal für Erlebnisse vor der Haustür

Ein Luzerner Start-up hat sich auf Touren und Erlebnisse abseits der grossen Touristenströme spezialisiert. Ein Ansatz, der sich gerade in der Corona-Krise als Vorteil erweist – und der weltweit boomt.

Einen geselligen Abend verbringen und noch etwas lernen: Auch Kochkurse gehören zum Programm von Visitlocals.
Einen geselligen Abend verbringen und noch etwas lernen: Auch Kochkurse gehören zum Programm von Visitlocals.
Foto: Getty Images

Auch ein negatives Reiseerlebnis kann sein Gutes haben. Bei Silvan Kaeser war es Anstoss für eine Geschäftsgründung. Der Inhaber einer Luzerner Werbeagentur flog zusammen mit ein paar Freunden für ein verlängertes Wochenende nach Porto. Mit auf dem Programm: eine Stadtführung. Dazu hatten sie eine Tour mit einem Einheimischen gebucht, der ihnen die Stadt abseits der Touristenströme zeigen sollte. Das Ganze wurde zum Reinfall. Kaeser schwor sich: «Das kann ich besser.»

Den Tatbeweis liefert er mit Visitlocals, einem Onlineportal für Ausflüge und Freizeiterlebnisse in der Schweiz. «Bei uns geht es ums lokale Erlebnis und die Begegnung. Deshalb finden unsere Touren in kleinen Gruppen statt», sagt Andreas Gassmann, Geschäftsführer des Portals. Das Angebot reicht von der Choco-Tour in Bern über den Schnupperflug in einem von fünf Flugsimulatoren in Niederbuchsiten im Kanton Solothurn oder die Vinyl- und Vintage-Tour in Zürich bis hin zum Bergwaldbaden im luzernischen Entlebuch.

Zweideutiger Name sorgt für Gesprächsstoff

Das Programm findet ein Publikum, das selbst zweideutige Namen verzeiht. Denn das Onlineportal ist am 1. Oktober 2019 unter dem Namen Visitlovers an den Start gegangen. Das sorgte für Gesprächsstoff und einige Nachfragen, ob sich hinter dem Namen nichts Anrüchiges verbirgt.

Kaeser und Gassmann war dies nur recht: «Wir wollten einen Namen, der zu reden gibt. Dies ist uns gelungen», sagt Gassmann. Und trotzdem kam es bereits nach einem Jahr zum Namenswechsel. «Visitlocals drückt unsere Philosophie noch viel besser aus. Und letztlich sind es nur ein paar wenige Buchstaben, die wir änderten», betont Gassmann.

Geschäftsführer Andreas Gassmann will mit Visitlocals lokale Erlebnisse und Begegnungen fördern.
Geschäftsführer Andreas Gassmann will mit Visitlocals lokale Erlebnisse und Begegnungen fördern.
Foto: PD

Gestartet war Visitlocals ganz bescheiden mit 15 Angeboten in der Innerschweiz. Heute nach gut einem Jahr und trotz Corona-Krise ist das Unternehmen praktisch in der gesamten Deutschschweiz präsent, die Website zählt über 100 Angebote. «Inzwischen melden sich die Anbieter von selbst bei uns», sagt Gassmann.

Besonders der Vorstoss nach Zürich und Bern ist lukrativ. Ballungszentren versprechen nicht nur neue Angebote, sondern auch eine grössere Kundschaft. Doch um die ist ein heftiger Kampf entbrannt.

Weltweit ein Milliardenmarkt

Das Geschäft mit Ausflügen und Ferienerlebnissen zählt derzeit zu den attraktivsten Feldern im Tourismus. Experten schätzen das Potenzial global auf 150 Milliarden Euro. Das jährliche Wachstum beträgt 7 Prozent—das ist mehr als beim Kreuzfahrtgeschäft. Von diesem Kuchen wollen sich auch die grossen Reiseanbieter ein Stück sichern – beispielsweise die deutsche TUI Group. Sie übernahm 2018 Musement, ein italienisches Start-up, das zu den führenden Onlineplattformen für Aktivitäten, Touren und Ausflüge zählt.

Daneben diktieren vor allem Viator, eine Tochterfirma von Tripadvisor, und Get Your Guide den Markt. Vor allem Get Your Guide sorgte in der Vergangenheit regelmässig für Schlagzeilen. So im Frühjahr 2019, als das ehemalige ETH-Spin-off den Einhorn-Status erreichte: Investoren stufen den Wert des Portals auf über eine Milliarde ein.

Von solchen Zahlen wagt man bei Visitlocals nicht einmal zu träumen. Man bäckt lieber kleinere Brötchen. Das Büro im Luzerner Trendquartier Bruchmatt teilt sich Visitlocals mit der Werbeagentur von Silvan Kaeser, ausser Geschäftsführer Andreas Gassmann gibt es keine weiteren Angestellten. Nur noch einen sechsköpfigen Verwaltungsrat, dem auch Mitinitiant Kaeser angehört.

Warten auf die Amerikaner

Visitlocals sieht sich als Nischenprodukt und will hauptsächlich Einheimische und Schweizer Gäste ansprechen. Ausländische Touristen sind zwar willkommen, wegen der Corona-Krise hielt sich deren Nachfrage aber in Grenzen. Viel versprechen sich die Initianten vom US-Markt; «Amerikaner sind in der Regel sehr empfänglich für solche Geschichten», sagt Gassmann. Ob das zutrifft, wird sich frühestens 2021 zeigen. Gassmann und Kaeser hoffen, dass dann auch die Berg-und-Tal-Fahrt bei den Buchungen ein Ende nimmt.

Der Start im Herbst 2019 war gut und entsprach den Erwartungen. Der Frühling war wegen des Lockdown miserabel, dafür zog das Geschäft im Sommer wieder an. Der August war toll. Im September erzielte das Portal sein bislang bestes Monatsergebnis: Der Umsatz konnte gegenüber dem Vormonat verdoppelt werden.

Bis Anfang Oktober sah es so aus, als könne Visitlocals bereits im kommenden Jahr die Gewinnschwelle erreichen. Doch der erneute Anstieg der Corona-Fallzahlen sorgte für viel Verunsicherung, die Nachfrage brach ein. Mittlerweile nehmen die Buchungen wieder zu. Nach Plan verlief bei Kaeser und Gassmann 2020 wenig. «Wir waren ständig am Improvisieren», sagen sie. Schlecht gefahren sind sie damit bislang nicht.