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Gastkommentar zur Hilfe von FreiwilligenDas Potenzial der Freiwilligen effizient nutzen

Derzeit entstehen überall in der Schweiz neue Hilfsinitiativen, um die Folgen der Corona-Krise zu mildern. Erfahrungen aus früheren Krisen zeigen, wie das staatliche Krisenmanagement effektiv entlastet werden kann.

Das Engagement von Freiwilligen hat sich schon in der Flüchtlingskrise bewährt. Asylsuchende in Serbien 2015.
Das Engagement von Freiwilligen hat sich schon in der Flüchtlingskrise bewährt. Asylsuchende in Serbien 2015.
Foto: Armend Nimani (AFP)

Im Moment erleben wir in der ganzen Schweiz eine enorme Welle an Hilfsbereitschaft. Dies entspricht Erkenntnissen aus der Katastrophenforschung. Sie zeigen, dass in Ausnahmesituationen unsoziales Verhalten die absolute Ausnahme ist, jedoch in der Medienberichterstattung gerne überrepräsentiert wird.

Soziales Engagement verleiht dem menschlichen Urbedürfnis Ausdruck, in Gefahrensituationen das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Hinzu kommt, dass in den nächsten Wochen immer mehr vormals an Covid-19 Erkrankte genesen werden. Sie verfügen über eine Immunität gegenüber einer erneuten Infektion und könnten als Freiwillige einen wichtigen Beitrag leisten.

In Ausnahmesituationen ist unsoziales Verhalten die absolute Ausnahme, wird jedoch in der Medienberichterstattung gerne überrepräsentiert.

Erfahrungsgemäss tun sich die zuständigen Behörden jedoch schwer, Freiwillige ausserhalb feststehender Organisationsstrukturen wie beispielsweise jenen des Roten Kreuzes sinnvoll einzubinden. Nicht selten führt dies zu Frustration bei Bürgern, die eine gewisse Wertschätzung ihres Engagements erwarten. Ausserdem bleiben wichtige Ressourcen für die Krisenbewältigung ungenutzt.

Erfahrungen aus früheren Krisensituationen zeigen, dass Freiwillige gerade in lang anhaltenden, überregionalen Krisen eine wertvolle Ressource darstellen. Insbesondere die europäische Flüchtlingskrise von 2015 bietet wichtige Lektionen, die angesichts der Herausforderungen im Umgang mit der Corona-Krise brandaktuell erscheinen. Eine aktuelle Untersuchung unter Beteiligung der ETH Zürich lässt diesbezüglich drei Hauptbefunde erkennen.

Erstens, «den» Freiwilligen gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich bei der Freiwilligenbewegung um eine diverse Gruppe, die einzelne hilfsbereite Bürger ebenso umfasst wie etablierte Hilfsorganisationen. In Krisensituationen ist es dabei für die verantwortlichen Behörden zentral, schnell zu erfassen, welche Fähigkeiten und Ressourcen unterschiedliche Helfertypen haben.

Behörden sollten offen gegenüber allen Formen von Freiwilligenengagement sein.

Zweitens sollten Behörden offen gegenüber allen Formen von Freiwilligenengagement sein. Selbst einzelne Bürger ohne institutionelle Anbindung, sogenannte Spontanhelfer, können die Behörden wirksam entlasten. Lediglich bestimmte risikobehaftete Tätigkeiten sollten geschulten Kräften vorbehalten werden. Selbst Hilfsangebote, die zunächst einen gewissen Mehraufwand erfordern, sollten nicht kategorisch abgelehnt werden.

Drittens: Behörden brauchen zivilgesellschaftliche Partnerorganisationen. Die Vielzahl und Diversität der Hilfsangebote kann schnell zu einer Überlastung der professionellen Krisenmanager führen. Entscheidend ist daher, dass die Behördenvertreter kompetente Partner zur Seite haben, die sie bei der Rekrutierung, Qualifizierung und Einsatzeinteilung von Freiwilligen unterstützen. So versucht etwa das Schweizerische Rote Kreuz, über ein Online-Tool Hilfsangebote für Personen in Quarantäne, Transportdienste sowie Kinderbetreuung zu koordinieren.

Eine effektive Einbindung von Freiwilligen in das staatliche Krisenmanagement kann ein Schlüsselfaktor sein.

In einer Situation, in der physischer Kontakt möglichst minimiert werden sollte, fällt Freiwilligen, die per Telefon oder Internet Hilfe leisten, eine umso prominentere Rolle zu. Ein aktuelles Beispiel ist Loswerde.ch, eine Plattform über die ausgebildete Psychologen und Psychologiestudierende Hilfe für überlastetes Medizinpersonal anbieten. Die kostenlosen Beratungen erfolgen via Telefon, Skype, E-Mail und Instagram.

Die Corona-Krise ist die grösste gesamtgesellschaftliche Herausforderung der letzten Jahrzehnte. Eine effektive Einbindung von Freiwilligen in das staatliche Krisenmanagement kann ein Schlüsselfaktor sein, um die Auswirkungen auf die Bevölkerung abzumildern. Um das enorme Potenzial der vielen ehrenamtlichen Helfer optimal zu nutzen, sollte jetzt auf den Erfahrungen aus früheren Krisen aufbaut werden, um hierbei möglichst wenig Zeit und Ressourcen zu verlieren.