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Prognosen zur PräsidentenwahlDas Rätsel um die versteckten Trump-Wähler

2016 lagen die Wahlumfragen in den USA blamabel daneben, dieses Jahr sollen sie besser sein. Doch selbst Umfrage-Guru Nate Silver – sein Modell sieht Joe Biden klar im Vorteil – will sich nicht festlegen.

In den Umfragen deutlich im Rückstand, doch zumindest er glaubt diesen Prognosen nicht: Donald Trump bei einer Medienkonferenz vor dem Weissen Haus.
In den Umfragen deutlich im Rückstand, doch zumindest er glaubt diesen Prognosen nicht: Donald Trump bei einer Medienkonferenz vor dem Weissen Haus.
Foto: Keystone/AP/Patrick Semansky

Joe Biden mag zwar in fast allen Umfragen vor US-Präsident Donald Trump liegen. Aber Hillary Clinton lag zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren auch vor Trump. Noch in der Wahlnacht 2016 wurde Clinton ein überragender Sieg vorausgesagt. Dann verlor sie Wisconsin, Michigan und Pennsylvania, die als sicher demokratisch galten. Der Traum von der ersten Frau im Weissen Haus war aus, obwohl Clinton gut drei Millionen Stimmen mehr erhielt als Trump.

Dass Trump dennoch siegte, liegt am Wahlsystem der USA. Den Präsidenten wählt das «Electoral College». In dieses Gremium entsenden die Bundesstaaten entsprechend ihrer Bevölkerungszahl Wahlmänner und -frauen. In den meisten Bundesstaaten gilt die Devise «The winner takes it all»: Wer die meisten Stimmen hat, bekommt alle Wahlleute-Stimmen zugesprochen.

Zwei Monate vor der Wahl gelten nur fünf Prozent der Wähler als unentschieden. Und bei ihnen gibt es eine Tendenz für Biden.

Genau darauf hatte Trump seinen Wahlkampf ausgerichtet. Clinton fuhr zwar in bevölkerungsreichen Staaten wie Kalifornien und New York grosse Siege ein. Aber Trump gewann knapp in vormals demokratischen Staaten. Ihm reichte in drei Staaten ein Vorsprung von insgesamt 80’000 Stimmen für die Mehrheit im «Electoral College».

Auch dieses Mal hat Trump einen Vorteil bei den Wahlmännern und -frauen. Der Umfrage-Guru Nate Silver, Gründer der Analyse-Website «Five Thirty Eight», geht davon aus, dass Biden im Mittel der Umfragen mindestens 4 Prozent vor Trump liegen müsse, um seine Siegchance auf mehr als 50 Prozent zu hieven. Gewinnt Biden mit nur zwei bis drei Prozentpunkten, heisst am Ende der Sieger wahrscheinlich Trump.

Umfrage-Guru Nate Silver sieht Joe Biden vorne, eine Überraschung wie 2016 will er aber auch nicht ausschliessen.
Umfrage-Guru Nate Silver sieht Joe Biden vorne, eine Überraschung wie 2016 will er aber auch nicht ausschliessen.
Foto: Keystone

Silvers Prognosemodell berechnet seit einigen Wochen die Siegchancen der beiden Konkurrenten. Für Biden liegt sie stabil bei etwa 70 Prozent, für Trump bei 30 Prozent. Silver ist ziemlich sicher, dass diese Zahlen die Lage ganz gut wiedergeben.

In das Modell fliessen jede Menge äussere Faktoren ein wie zum Beispiel Börsenschwankungen oder mögliche Enthüllungen über einen der Kandidaten. Würde sich das Modell nur auf bisherige Umfragedaten beziehen, sagt Silver in seinem Podcast, läge Bidens Siegchance bei über 90 Prozent.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Trump nicht noch gewinnen kann. Die meisten Prognosen sagen Biden einen Sieg in Florida voraus. Sollte er dort verlieren, sieht vieles anders aus. Dennoch hinken die Vergleiche zwischen Clinton 2016 und Biden 2020 an mehreren Stellen.

Konstante Umfragewerte für Biden

Biden lag, schon bevor er seine Kandidatur bekannt gab, im Mittel der Umfragen vor Trump. Er führt seit Anfang 2019 kontinuierlich mit sechs bis neun Prozentpunkten Vorsprung – derzeit sind es knapp mehr als sieben. Clinton führte zwar auch durchgängig, aber es ging in Umfragen rauf und runter für sie. Das ist Biden nicht passiert.

Joe Biden wird als wählbarer eingeschätzt als 2016 Hillary Clinton. Ob es dann auch wirklich reicht, erfahren wir erst am 3. November.
Joe Biden wird als wählbarer eingeschätzt als 2016 Hillary Clinton. Ob es dann auch wirklich reicht, erfahren wir erst am 3. November.
Foto: Keystone/AP/Carolyn Kaster

Mit Clinton wussten deutlich mehr Menschen nichts anzufangen als nun mit Biden. Aus allen Wählergruppen gaben 43 Prozent der Befragten im August 2016 an, Clinton nicht zu mögen. Dasselbe Umfrageinstitut sieht diesen Wert für Biden im August 2020 bei 35 Prozent. In der wichtigen Gruppe der unabhängigen Wähler liegt der Unterschied sogar bei 20 Prozentpunkten zugunsten von Biden – ein Grund, weshalb sein Zustimmungswert gut acht Punkte vor Trump liegt. Clinton war zeitweise mindestens so unbeliebt wie Trump.

2016 waren zwei Wochen vor dem Votum 15 Prozent der Wähler unentschieden. Nachwahlerhebungen zeigten, dass viele von ihnen im letzten Moment zu Trump schwenkten. Jetzt, knapp zwei Monate vor der Wahl, gelten nur etwa 5 Prozent der Wähler als unentschieden. Und bei ihnen gibt es eine Tendenz für Biden.

Aber ist diesen Umfragen zu trauen? Wer zweifelt, gibt meist zwei Gründe an: Angeblich verschweigen Trump-Wähler in Umfragen ihre Präferenz lieber. Und die Prognosen lagen 2016 eklatant daneben. Tatsächlich gab es 2016 ein grosses Versäumnis: Umfragedaten wurden nicht nach Bildungsstand gewichtet.

Alle Umfrageinstitute haben ein Problem: Es ist praktisch unmöglich, ein repräsentatives Ergebnis nur aus den Antworten der Befragten zu destillieren. Denn vereinfacht gesagt, sind mittelalte weisse Frauen eher bereit, sich befragen zu lassen als junge afroamerikanische Männer. Darum gewichtet man die Rohdaten nach bestimmten Formeln, um die Ungenauigkeiten auszubügeln, die sich aus der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, einer ethnischen Gruppe oder einer Alterskohorte ergeben. Das heisst zum Beispiel, dass die Antwort eines jungen Afroamerikaners «doppelt gezählt wird», wie Silver erklärt.

Systemfehler bei Umfragen behoben

Diese Methodik funktionierte immer gut. Weniger gebildete Schichten waren bis 2008 eine Bank für die Demokraten. Und bis zu den Zwischenwahlen 2014 war das Wahlverhalten statistisch nahezu identisch – mit oder ohne College-Abschluss. Vor vier Jahren aber stimmten Wählerinnen und Wähler ohne College-Abschluss plötzlich deutlich häufiger republikanisch als jene mit abgeschlossenem Studium.

Umfragen spiegelten diese Veränderung aber nicht wider. So zeichneten sie Clintons Lage etwas besser, als sie war. Diesen Systemfehler haben die meisten Umfrageinstitute in der Zwischenzeit behoben.

«Es ist absolut möglich, dass wir am Tag nach der Wahl aufwachen, und Trump hat gegen alle Prognosen gewonnen.»

Nate Silver

Eine andere Frage ist, ob Trump-Unterstützer sich womöglich nicht trauen, ihre politische Haltung am Telefon kundzutun. Trump und sein Team erklären damit gerne seine schlechten Umfragewerte. Er habe eine «stille Mehrheit» hinter sich, sagt der US-Präsident regelmässig. Und sein Umfragespezialist John McLaughlin erklärt, dass «die versteckten Trump-Wähler am Wahltag beweisen werden, wie falsch die Institute liegen».

Nate Silver hält das für ausgeschlossen. Wenn er die zahlreichen Trump-Unterstützer auf dem Land mit ihren wehenden Fahnen sehe, könne er nicht erkennen, was an der Theorie des schüchternen Trump-Wählers dran sein soll. Auch unterstützten etwa zwei Drittel seiner Anhänger Trump mit grossem Enthusiasmus. «Die Leute sind bereit, darüber zu reden, wen sie wählen wollen», sagt Silver.

Verstecken sich die Trump-Wähler? Im Gegenteil, viele seiner Anhänger unterstützen den Präsidenten mit grossem Enthusiasmus, wie zahlreiche Auto-Korsos mit US- und Trump-Flaggen in diesen Tagen zeigen.
Verstecken sich die Trump-Wähler? Im Gegenteil, viele seiner Anhänger unterstützen den Präsidenten mit grossem Enthusiasmus, wie zahlreiche Auto-Korsos mit US- und Trump-Flaggen in diesen Tagen zeigen.
Foto: Keystone/AP/Michael Arellano

Ganz klären lässt sich das aber vorab wohl nicht. Meinungsforscher David Winston, der meist für Republikaner im US-Kongress arbeitet, sagt, die Idee, dass Befragte nicht die Wahrheit sagen, sei nicht völlig aus der Luft gegriffen – aber schwer zu beweisen: «Was wollen Sie machen? Sie fragen, ob sie lügen?»

Obwohl also auch im Vergleich zur Wahl von 2016 mehr dafür spricht, dass der Demokrat Biden am 3. November siegt – festlegen lassen will sich Nate Silver nicht. «Es ist absolut möglich, dass wir am Tag nach der Wahl aufwachen, und Trump hat gegen alle Prognosen gewonnen. Aber genauso ist möglich, dass wir aufwachen, und Biden hat mit zwölf Prozentpunkten Vorsprung gewonnen statt mit sieben oder acht.»