Zum Hauptinhalt springen

«Switzerländers» im HeimkinoDas sind die besten Momente aus «Switzerländers»

Michael Steiners neuer Film entstand aus 1400 Stunden Material, das Schweizer und Schweizerinnen eingeschickt haben. Das Resultat kann jetzt gestreamt werden.

War das ein Leben: Der Sommer 2019 in «Switzerländers».
War das ein Leben: Der Sommer 2019 in «Switzerländers».
PD

Sommer 2019. Viel zu warm sei er gewesen, sagen die Meteorologen. Und sonst? Es gab vor allem keinen Lockdown, das fällt als Erstes auf, wenn man sich «Switzerländers» anschaut. Dicht an dicht drängen sich die Leute an der Klimademonstration im September, es wird im Chor gesungen und vor DJ-Pulten getanzt. Was war denn das für ein unbeschwertes Leben?

1400 Stunden Filmmaterial haben «Wolkenbruch»-Regisseur Michael Steiner und sein Team gesichtet und zu einer Kompilation von rund 80 Minuten montiert. Ursprünglich stammt die Idee von Ridley Scott («Alien»), der 2010 das Projekt «Life in a Day» lancierte, für das mehr als 80’000 Videos aus aller Welt eingeschickt wurden.

Scotts Produktionsfirma verkauft seither die Lizenz, in der Schweiz hat sie der Verlag Tamedia erworben, der auch diese Zeitung herausgibt. Weil ein Kinostart derzeit schlecht möglich ist, kann man «Switzerländers» nun auf Plattformen wie Apple TV, Sky, UPC oder Swisscom für rund 7 Franken mieten.

Falls ein Vertreter der visuellen Anthropologie die Zeitkapsel «Switzerländers» in 50 Jahren ausgräbt, was wird er da sehen? Das Selbstbild einer vorwiegend ländlichen Bevölkerung, die das Gleitschirmfliegen ebenso gern mag wie das Autofahren, die an Bartresen über «Öko-Fuzzis» und verschwindende Parkplätze schimpft. Und die stolz ist auf die Arbeit, das Handwerk und das eigene Land, das vor allem dazu da ist, dass man es besichtigt – zum Beispiel mit der Gopro-Kamera, aber auch mit Weitwinkel und Drohne.

«Switzerländers» ist auch das Zeugnis einer Zeit, in der es für die Schweizer selbstverständlich geworden ist, sich selbst zu inszenieren. Aber natürlich ist nicht alles Performance in diesem Film. Das sind die eindrücklichsten Szenen:

Die Hebamme

So sympathisch ist die Schweiz: Hebamme Jeannine im Triemli.
So sympathisch ist die Schweiz: Hebamme Jeannine im Triemli.
PD

Eine Arbeitskollegin hat die Hebamme Jeannine einen Tag lang gefilmt, vom frühen Aufstehen mit der kalten Schoggi bis zum Lavendelwickel, den sie für eine Schwangere im Triemli-Spital vorbereitet. Der spektakuläre Moment der Geburt wird da zum eher unspektakulären Arbeitsalltag voll kleiner menschlicher Gesten, aber gerade in der Corona-Zeit gefällt einem dieses Dokument aus dem Inneren des Gesundheitswesen.

Rollstuhlfahren im Coop

«Ein bisschen wie Curling»: Roger Seger in einer Coop-Filiale.
«Ein bisschen wie Curling»: Roger Seger in einer Coop-Filiale.
Foto: PD

Roger Seger wohnt in Schlieren, wegen der chronischen Krankheit Colitis ulcerosa musste er sich den Dickdarm entfernen lassen. Man könnte meinen, so einer habe allen Grund zum Klagen, aber Roger Seger hat weder seinen Humor noch seine positive Sicht auf die Welt verloren. Er nimmt uns mit im Rollstuhl durch den Coop und zeigt uns, wie er sich strecken muss, um ein paar Primagusto-Pfirsiche zu greifen. Das grösste Hindernis auf dem Rückweg steht dann mitten auf dem Trottoir: Es ist ein E-Scooter.

Die junge Schwingerin

Carmen Laimbacher an einer Schwinget.
Carmen Laimbacher an einer Schwinget.
Foto: PD

Die 12-jährige Carmen Laimbacher aus Siebnen SZ schwingt, seit sie acht Jahre alt ist. Damals ging sie zu den Buben in den Schwingkeller und hielt gut mit, bis sie sich den Arm ausrenkte und in den Spital musste. Das hat sie aber nicht vom Schwingen abgehalten. Wenn sie heute an Wettkämpfen teilnimmt, kommt es vor, dass sie auf «kritische» Gegnerinnen trifft. Wenn das passiert, geht sie vorher mit ihrem «Daddy» hinter die Tribüne und schaut sich ein paar Schwünge an.

Die eritreische Hochzeit

Eine lockere Feier: Hochzeit von Eritreern.
Eine lockere Feier: Hochzeit von Eritreern.
Foto: PD

Die Befürchtung, dass die Migration sehr weit in den Hintergrund rückt in «Switzerländers», bewahrheitet sich zum Glück nicht. Ein vorläufig aufgenommener Somalier erzählt, was es bedeutet, frei zu haben, aber nicht reisen zu können. Und eine Community von Eritreern feiert eine traditionelle Hochzeit irgendwo in einer Mehrzweckhalle und erklärt den Schweizern, was ihnen fehlt: die Lockerheit.

In einer ersten Version dieses Artikels war zu lesen, Roger Seger habe sich mit HIV infiziert. Das ist falsch. Wir entschuldigen uns in aller Form für den Fehler.

«Switzerländers» gibts ab 21.5. auf Apple TV, Teleclub, Sky, UPC und Myfilm sowie als DVD.