Das Spiel mit den Kryptokätzchen

Die Plattform Cryptokitties folgt dem Boom von Bitcoin und Co. Kommende Woche ziehen die Märkte von Chicago mit der Eröffnung von Börsen nach.

Eine Auswahl von 12 Kryptokatzen, Stand der Preise vom 8. Dezember 2017, 19 Uhr. Bilder: cryptokitties.co

Eine Auswahl von 12 Kryptokatzen, Stand der Preise vom 8. Dezember 2017, 19 Uhr. Bilder: cryptokitties.co

113'674 Dollar: So viel zahlte am Donnerstag ein Nutzer für das digitale Kätzchen namens «Founder Cat #18». Es ist der bisher höchste bezahlte Preis für ein Kryptokätzchen. Cryptokitties ist ein Sammelspiel, das auf der Blockchain-Technik basiert. Es erinnert ein wenig an das japanische Elektronikspielzeug Tamagotchi aus den 1990er-Jahren. Die Spieler können Kätzchen kaufen, verkaufen oder miteinander paaren und so weitere Kätzchen «ausbrüten». Jedes ist einmalig, hat es doch ein kryptografisch gesichertes Genom. Das Spiel läuft auf der Blockchain von Ethereum, die von der gleichnamigen Stiftung in Zug entwickelt wurde. Bezahlt wird in der Kryptowährung Ether. Deren Wert hat sich von 7.98 Dollar Anfang Jahr auf 483 Dollar bis vergangenen Samstag versechzigfacht.

Die Währung für Geldwäsche und Drogenhandel

Cryptokitties sind der letzte Schrei im Wahn um Bitcoin und andere Kryptowährungen. Am 23. November wurde das Spiel an 200 Erstnutzer verteilt und am 28. für das Publikum freigegeben. Seither wurden bereits gut 72'500 Kätzchen im Wert von 11,56 Millionen Dollar gehandelt.

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Die Kätzchenmanie illustriert vortrefflich, was derzeit in der Kryptowelt abgeht. Der Kurs der wichtigsten Währung Bitcoin hat sich seit Anfang Jahr auf über 15'000 Dollar verzwanzigfacht. Das animiert immer mehr Glücksuchende, auf den fahrenden Zug aufzuspringen – trotz Warnungen, Bitcoin sei eine riesige Blase.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz forderte gar ein ­Verbot. Die Regierungen der EU und Grossbritanniens arbeiten an Plänen zur Regulierung von Kryptowährungen, weil sie für kriminelle Aktivitäten, Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Terrorfinanzierung benutzt werden. In den USA liegt ein entsprechender Gesetzesentwurf vor. Handelsplattformen und Anbieter von ­digitalen Geldbörsen sollen verpflichtet werden, die Identität der Kunden zu prüfen und verdächtige Transaktionen zu melden.

Was Bitcoin wirklich wert ist, lässt sich nicht beantworten

Die Schweizer Finanzmarkt­aufsicht (Finma) liquidierte im September die Kryptowährung E-Coins. Diese Woche ging die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC gegen die Betreiber der Kryptowährung Plexcoin vor. NiceHash, eine Firma, die Bitcoins schürft, meldete den Diebstahl von 4700 Bitcoins im Wert von rund 70 Millionen Dollar durch Hacker. Trotz alldem stieg der Bitcoin-Kurs vergangene Woche um 40 Prozent.

Diesen Sonntag will die Chicagoer Derivatebörse CBOE einen Bitcoin-Future lancieren, kommende Woche folgt die Lokal-­Rivalin CME. Futures ermöglichen es Anlegern, auf die Kursentwicklung von Rohstoffen, Währungen und nun auch Bitcoin zu wetten, ohne diese selbst zu besitzen. Experten sind sich uneins, ob das die Manie weiter anheizen oder die Blase zum Platzen bringen wird.

Bilder: Die Bitcoin-Spekulationsblase

Die Frage, was Bitcoin wirklich wert ist, lässt sich nicht beantworten. Normalerweise steigt der Wert einer Währung, je breiter und ­intensiver sie benutzt wird. Bei ­Bitcoin ist es umgekehrt. Je höher der Preis, desto weniger wird mit Bitcoin bezahlt. Der Handel auf den diversen Plattformen ist seit Anfang Jahr stark zurückgegangen. Offenbar verkauft nur Bit­coins, wer darauf angewiesen ist: Drogenhändler, Geldwäscher und Leute, die Kapitalkontrollen umgehen. Alle anderen horten sie – und spekulieren auf steigende ­Preise.

Der harte Kern der Bitcoin-­Gemeinde ist überzeugt, dass die gängigen staatlichen Währungen untergehen werden, weil die Zentralbanken zu viel Geld drucken. Bitcoin dagegen bleiben knapp, weil es maximal 21 Millionen davon geben kann. Der Erfinder, der geheimnisumwitterte Satoshi ­Nakamoto, wollte mit Bitcoin einen Freiraum gegen Regierungswillkür schaffen: «Wir können eine wichtige Schlacht im Wettrüsten gewinnen und für einige Jahre einen neuen Raum der Freiheit gewinnen», schrieb er 2008. Zentral kontrollierte Plattformen seien durch den Staat leicht zu enthaupten. Aber gegen die dezentrale Struktur von Bitcoin seien Regierungen machtlos.

Sicherheit für Grundbuchämter oder Personenregister

Sicher ist das nicht, denn die Nutzer sind dank der Transparenz der Blockchain nicht völlig anonym. Unter Verweis auf Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Terrorfinanzierung könnten Staaten das Netzwerk beeinträchtigen. Auch andere Risiken könnten die Blase zum Platzen bringen. Hacker stehlen regelmässig Bitcoin, Quantencomputer könnten die Verschlüsselung knacken, und neue, bessere Kryptowährungen könnten Bit­coin den Rang ablaufen. Bei Stromausfall wird Bitcoin nutzlos, dauernd lauern Passwortverlust oder -diebstahl, Transaktionen sind langsam: Als Währung taugt Bitcoin nicht viel.

Aber die Technologie der Blockchain hat enorm viel Potenzial. Mit ihr können Informationen in verschlüsselten Datenpaketen abgespeichert und gesichert werden. Blockchains eröffnen die Möglichkeit, Geschäftsbeziehungen zum Kunden ohne Zwischenhändler zu pflegen. So könnten Grundbuchämter und Personenregister besser, effizienter und sicherer organisiert, Eigentumsrechte gesichert, Lieferketten verbessert oder Produktfälschungen bei Medikamenten verunmöglicht werden. Der Schweizer Energieversorger Axpo hat kürzlich angekündigt, in Deutschland eine Plattform auf Blockchain-Technologie einzuführen, mit der Konsumenten erneuerbaren Strom bei lokalen Produzenten direkt einkaufen können.

Dagegen sind Bitcoin und Cryptokitties nur Spielerei und Spekulation. «Diese digitalen Kätzchen sind einzigartig wie Menschen und können nicht kopiert, gestohlen oder zerstört werden», preisen die Promotoren ihr Spiel für Sammler an. Aber es bietet auch Raum für Manipulationen. Gut möglich, dass die hohen Preise der Kryptokätzchen nur dank Absprachen zwischen Früheinsteigern zustande ­kamen, um damit zahlende Spieler anzulocken.

Erstellt: 10.12.2017, 16:46 Uhr

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