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Lauren Oylers Debüt «Fake Accounts»Die gefürchtetste Literaturkritikerin

Lauren Oyler hat den Ruf, hart und erbarmungslos zu sein. Jetzt hat die Amerikanerin ihren ersten Roman über einen Verschwörungstheoretiker geschrieben.

 «Fake Accounts», der erste Roman von Lauren Oyler, könnte aktueller nicht sein.
«Fake Accounts», der erste Roman von Lauren Oyler, könnte aktueller nicht sein.
Foto: Pete Voelker

Vielleicht hatte Lauren Oyler am 23. Januar 2020 einfach schlechte Laune. Die 30-jährige Essayistin und Kritikerin schrieb für die «London Review of Books» einen Verriss über die Essaysammlung «Trick Mirror» der 32-jährigen Jia Tolentino. Oyler titelte ihren Text mit «Ha ha! Ha ha!» und zerpflückte dann, was ihr alles an Tolentinos Buch nicht passte. Im ständigen Wechsel zwischen Zitaten aus Tolentinos Essay und kommentierenden Einschüben.

Jia Tolentinos Texte sind nach Oyler «übermütige Verzerrungen», hysterisch und gefühlsgetrieben, ohne gesellschaftliche Relevanz. Nur darüber zu schreiben, wie viel Plastik Tolentino schon produziert habe, reiche nicht aus, das Thema Nachhaltigkeit abzuhandeln.

Oyler bezeichnete sie als bequeme Frau, die gerne feministischer wäre und zu oft über ihr Aussehen nachdenke: «Ich habe das Gefühl, dass sie überwältigendes Mitleid mit hässlichen Frauen haben muss, wenn sie jemals eine getroffen hat

Eine Frau kritisiert eine andere Frau

Tolentino habe einzig die persönliche Erfahrung und Befindlichkeit benutzt, um ihre Thesen zu untermauern. Und was tut Oyler? Sie verliess nach zwei Abschnitten den literarischen Text und breitete Tolentinos Leben aus. Sie sei Cheerleaderin gewesen, zweimal an Tuberkulose erkrankt und Ecstasy gegenüber nicht abgeneigt. Der Text löste die Vermutung des Titels «Ha ha! Ha ha!» ein, dass ein Streit zwischen zwei gleichaltrigen Essayistinnen eröffnet werden wollte.

Seit diesem Tag hat Lauren Oyler im angelsächsischen Raum den Ruf, hart und erbarmungslos zu sein, und das «WSJ Magazine» nannte sie «The Literary World’s Provocateur». Jia Tolentino schrieb auf Twitter, dass es «eine reinigende, aufschlussreiche Erfahrung gewesen sei, mit solch offenem Ekel gelesen zu werden». Die Redaktorin der «London Review of Books» verteidigte Oyler: «Sie hat diese gesunde Skepsis.» Das darf von einer seriösen Kritikerin erwartet werden: ein gesundes Misstrauen, gepaart mit Offenheit dem literarischen Text gegenüber.

Wie liebt man einen Verschwörungstheoretiker?

Jetzt ist der erste Roman von Lauren Oyler erschienen. «Fake Accounts» könnte nicht aktueller sein. Die Protagonistin scrollt am Abend vor Donald Trumps Amtseinführung durch das Handy ihres Freunds. Auf Instagram ist er ein populärer Verschwörungstheoretiker. Was passiert in Liebesbeziehungen, wenn jemand abdriftet? «Ich wollte einen dieser Junge-Frauen-in-einer-schlechten-Beziehung-Romane schreiben, aber eben auf eine schräge und aufregende Weise.»

Ein gesundes Misstrauen, gepaart mit Offenheit dem literarischen Text gegenüber.

In einem Interview mit der «Berliner Zeitung» sagte sie: «Verschwörungstheorien sind schlechte Geschichten, obendrein ziemlich schnulzig, wenn auch nicht unbedingt simpel, weil meistens mit viel Kreativität und Liebe fürs Detail entworfen.» Sie hat sich vorgenommen, einen glaubwürdigen Roman über unglaubwürdige Dinge zu schreiben und sich dafür in einschlägigen Foren aufgehalten.

Neben Liebe und Verschwörungstheorie stellt Lauren Oyler gängige Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit infrage. Die Amerikanerin findet, Feminismus werde heute sehr breit gefasst, umstritten bleibe er aber zweifellos. Ihr Roman müsse feministisch gelesen werden. Dabei ginge sie von ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen aus. Und wer könnte den Roman jetzt besprechen?

7 Kommentare
    Ralph Geh

    Ich hätte gerne erfahren, ob Lauren Oyler die von ihr selber in sie hochgeschraubten Erwartungen auch erfüllen kann.