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Anfang der Corona-KriseDas Virus reiste schon im Januar durch die Schweiz

Chinesische Touristen sorgten für die ersten Covid-Fälle in Europa. Unsere Recherche zeigt: Sie waren auch in der Schweiz. Die Gesundheitsbehörden wussten davon, hielten den Vorfall aber geheim.

Die Zentralbahn kurz vor dem Brünig: In einem solchen Zug fuhr die chinesische Gruppe – und mit ihr das Coronavirus – nach Interlaken.
Die Zentralbahn kurz vor dem Brünig: In einem solchen Zug fuhr die chinesische Gruppe – und mit ihr das Coronavirus – nach Interlaken.
Foto: Christian Perret

Knapp zwei Stunden braucht der kleine Zug der Zentralbahn von Luzern über den Brünigpass bis Interlaken. Für Touristen wird er als «Golden Pass Line» vermarktet. Beliebt sind die Panoramawagen besonders bei chinesischen Reisegruppen. So etwa bei der Gruppe aus der Millionenstadt Wuhan, die im Januar 2020 durch Italien, die Schweiz und Frankreich reist – und dabei ein neuartiges Virus mitbringt, das bald viele Staaten weltweit in den Lockdown zwingen und fast eine Million Tote fordern wird.

In der Schweiz wird der erste Fall einer Corona-Infektion offiziell erst am 25. Februar bestätigt, bei einem älteren Tessiner, der sich zuvor in Mailand aufgehalten hat. Dass das Virus bereits Mitte Januar im Car und mit dem Zug durch das Land reiste, halten die Behörden vor der Öffentlichkeit geheim.

Luzern wird nur durch einen glücklichen Zufall nicht zum Corona-Hotspot Europas

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) informiert nicht einmal Bundesrat Alain Berset. Der Gesundheitsminister erhalte nur «relevante Informationen», rechtfertigt sich das Amt. Dabei ist es nur ein Zufall, dass die Pandemie in Europa nicht in der Innerschweiz, sondern in der Lombardei Ihren Ausgang nahm.

Bereits bei der Ankunft der 30-köpfigen Touristengruppe aus Wuhan am 16. Januar 2020 in Rom hat eine 53-jährige Teilnehmerin die typischen Covid-Symptome gezeigt: Sie hustete, fühlte sich matt. Dennoch trug sie keine Maske und nahm an der gesamten Reise teil. Mit einem gecharterten Car ging es von Rom nach Norditalien, weiter ins Tessin und über Zug nach Luzern.

Vom 19. auf den 20. Januar übernachteten die Touristen aus Wuhan in einem Hotel in Sursee, das nur chinesische Reisegruppen beherbergt. Dann fuhr die Reisegruppe mit dem Zug der Golden Pass Line nach Interlaken und von dort mit dem Car weiter nach Frankreich.

Vier Reisende und ein französischer Arzt werden positiv getestet

Erst in Paris fühlt sich die erkrankte Frau so schlecht, dass sie die chinesische Botschaft informiert. Diese rät, sie solle eine französische Notfallnummer anrufen. Tatsächlich kommt wenig später ein Arzt ins Hotel, der aber nicht über die Gefahr einer Virusinfektion informiert wird. Er untersucht die Frau, steckt sich an und wird so zu einem der ersten bekannten Covid-19-Fälle in Europa. Nach der Rückkehr der Reisegruppe nach China werden die Frau und vier weitere Teilnehmende positiv getestet.

Ein Monat später studiert die Weltgesundheitsorganisation WHO die Spuren der Reisegruppe in Europa und schaltet dabei auch das BAG ein, das wiederum die kantonalen Gesundheitsämter von Luzern, Zug und Bern informiert. Sie untersuchen das Hotel in Sursee und fahnden explizit nach Personen, die mit den Chinesen in Kontakt waren. Erkrankte finden sie aber keine. Selbst der slowakische Carchauffeur, der tagelang mit der Gruppe unterwegs ist, zeigt danach keine Covid-19-Symptome.

Hätte sich die infizierte Chinesin jedoch nicht erst in Paris, sondern schon in Luzern oder Interlaken untersuchen lassen, hätte sich das Coronavirus womöglich vorerst unerkannt in der Schweiz verbreiten können, noch vor Frankreich und Italien. So aber wähnte sich die Schweiz noch in Sicherheit.

Lesen Sie hier mehr aus dem neuen Buch des Tamedia-Recherchedesks über die Corona-Krise in der Schweiz: Alain Berset entschied in zehn Minuten, die Schulen zu schliessen. Daniel Koch bremste und beschwichtigte zu Beginn der Corona-Krise – bis der Gesundheitsminister die Initiative ergriff.

113 Kommentare
    Mara

    Ich bin froh um diesen Bericht, froh um Transparenz in dieser Sache. Dass das BAG das Ganze geheimgehalten hat, finde ich äusserst fragwürdig und deren Argumentation nicht sonderlich nachvollziehbar. Die Demokratie hat in diesem Land nachweislich gelitten, und das kann nicht China angekreidet werden. Schade, dass wir Bürger der Regierung nicht mehr wert sind.