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Am Nordpol unterwegsWie die grösste Arktis-Expedition aller Zeiten im Eis stecken blieb

Es ist ein kühnes Unterfangen: Ein Jahr lang für die Wissenschaft in einer Eisscholle festzusitzen. Die Expedition trotzte vielen Widrigkeiten – bis Corona die Mission fast zu Fall brachte.

Es war ein kühnes Unterfangen von Anfang an: Mitglieder des internationalen Mosaic-Teams.
Es war ein kühnes Unterfangen von Anfang an: Mitglieder des internationalen Mosaic-Teams.
Foto: Esther Horvath/Keystone

Ein Telefonat mit der Polarstern vor einer Woche. Standort des Schiffes: eingeschlossen im arktischen Eis irgendwo oberhalb von Grönland und Spitzbergen. Die Leitung geht über Satellit, die Worte kommen mit Verzögerung an, mehrfach bricht das Gespräch ab. Am anderen Ende ist Torsten Kanzow, Physikalischer Ozeanograf und amtierender Leiter der Expedition. Die Stimmung sei passabel, sagt er. Obwohl sie nun schon viel länger festsitzen würden im Polareis als geplant. Anfang April, nach zwei Monaten, hätte man sie eigentlich rausholen sollen. Das war der Plan, vor Corona. Cola sei aus, sagt Kanzow, Kartoffeln aber gebe es wohl genug. «Der Koch bereitet noch immer erstaunlich schmackhafte Dinge zu.»

Immerhin: Sie haben sich auf den Weg gemacht. Endlich. «Nun ist es vollbracht», hatten sie in den Expeditionsblog geschrieben: die Eisscholle sauber aufgeräumt, der letzte Mann an Bord. «Wir nehmen Abschied und brechen uns nun unseren Weg gen Süden.» Obwohl: «Man kann nicht wirklich behaupten, dass wir unterwegs sind», sagt Torsten Kanzow. Das Schiff ist schon kurz nach der Abfahrt in dichtes Eis gestossen. Quälend langsam nur geht es voran.

Und während die Polarstern sich aus der Zentralarktis in den Süden quält, legen am selben Tag in Bremerhaven zwei Schiffe ab, an Bord 100 Mann, Proviant und Treibstoff, die ihr entgegenkommen. Ein Notfallplan, von dem lange keiner wusste, ob er so klappen würde.

127 Jahre später

Es war ein kühnes Unterfangen von Anfang an. Sich einfrieren lassen im Eis, ein Jahr lang. Sich huckepack nehmen lassen von einer Eisscholle und dann mit Schiff und Scholle am Nordpol vorübertreiben. Wie das vor mehr als 120 Jahren einmal Fridtjof Nansen getan hatte, die Reise damals machte Nansen zum norwegischen Nationalhelden. Und nun, 127 Jahre später: die grösste Arktis-Expedition aller Zeiten. 300 Wissenschaftler aus 20 Nationen, die sich abwechseln sollten auf einer Reise ins Eis, das die Menschen einmal ewig nannten. «Wir wissen nicht, was passieren wird», hatte der Kapitän der Polarstern gesagt, kurz bevor es dann losging im September vergangenen Jahres: «Planbar ist das nicht wirklich.»

Versucht hatten sie es, hatten sich in mehr als einem Jahrzehnt penibelster Vorbereitung Strategien erarbeitet für alle erdenklichen Herausforderungen: für die Kälte, für die Eisbären und für das aufreissende Eis, unter dem sich zu jeder Sekunde ein 4000 Meter tiefer Ozean auftun konnte. Sie hatten auf See dann mit neuen Herausforderungen zu kämpfen: Stürme, die wilder und häufiger auftraten als erwartet, Eisschollen, die nach dem wärmsten arktischen Sommer seit Beginn der Messungen zunächst weit dünner waren als vorhergesagt, überhaupt ein Eis, das sich unberechenbarer verhielt, das überraschend oft aufreissen und sich zu Eistürmen aufbauen konnte.

Ein Jahr im Eis, ein Jahr auf dem Eis, mit einem gewaltigen Forschungscamp, das war der Plan.

Mit einem aber hatten sie nicht gerechnet. Dass mit einem Mal «die Welt nicht mehr existiert, wie wir sie kennen», sagt Markus Rex. Eine Welt, die mittlerweile vom Coronavirus aus den Angeln gehoben wurde. Markus Rex ist Atmosphärenforscher am Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Potsdam, vor allem aber ist er der Projektleiter, er ist der Mann, der 11 Jahre seines Lebens investiert hat in dieses Abenteuer, das sie Mosaic getauft haben, das steht für «Multidisciplinary Drifting Observatory for the Study of Arctic Climate». Um ein Haar hätte ihm die Pandemie nun einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ein Jahr im Eis, ein Jahr auf dem Eis, mit einem gewaltigen Forschungscamp, das war der Plan. Meereisforscher, Meteorologen, Ozeanologen, Geochemiker, Biologen, Atmosphärenforscher – Wissenschaftler aus aller Welt, vereint in einem Ziel: den letzten grossen weissen Fleck in den Modellen der Klimaforschung zu vermessen. Den Energieaustausch zu messen vor allem, den Wärmefluss vom Ozean durch das Eis in die Atmosphäre etwa, und zwar in allen Jahreszeiten. Und so die Lücken zu schliessen in den Klimamodellen, die an die Stelle beobachteter Arktis-Daten bislang Ad-hoc-Annahmen setzen, «was in der Wissenschaft oft der freundliche Ausdruck für raten ist», wie Markus Rex sagt.

Das Eis schwindet

Die Arktis spielt eine zentrale Rolle in unserem Klimasystem. Und es steigen die Temperaturen hier zwei- bis dreimal so schnell wie im Rest der Erde. Das Eis schwindet. Das Meereis der Arktis bedeckt heute fast ein Drittel weniger Fläche als noch vor drei Jahrzehnten. Dort, wo es noch existiert, ist es dünner als früher, und jünger. Unsere Generation ist vielleicht die letzte, die noch Zeuge sein darf einer ganzjährig vom Eis bedeckten Arktis. Eine eisarme, wärmere Arktis aber kann die Gletscher in Grönland weiter zum Schmelzen bringen, ebenso den Permafrost in Sibirien und Alaska. Sie bringt schon jetzt den früher steten Luftstrom der Westwinde durcheinander, die um die Arktis herumwehen und die die arktischen Luftmassen trennen von denen, die das Wetter bei uns bestimmen. Wenn aber Luftstrom ins Schlingern kommt, dann sind immer extremere, jahreszeitlich untypische Frosteinbrüche, Hitzewellen, Stürme und Hochwasser bei uns die Folgen.

Raten ist nicht genug, wenn wir erfahren möchten, was mit uns geschieht. Der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern und die Frauen und Männer von Mosaic haben sich genau deshalb im Eis einfrieren lassen: um uns zu helfen, den Blick in die Zukunft zu tun. Einen Rekord haben sie nebenbei auf ihrer Drift schon gebrochen: Die Polarstern war dem Nordpol bis auf 156 Kilometer nahe gekommen, so nah wie noch nie ein Schiff im arktischen Winter.

Spitzbergen machte dicht

Und dann, gerade zur Halbzeit der Expedition, schien alles auf dem Spiel zu stehen. Wegen des Virus. Die Leute auf der Polarstern werden turnusmässig ausgetauscht, die Teams bestehen aus jeweils 60 Wissenschaftlern und Schiffscrew, die meisten bleiben für zwei Monate auf dem Eis. Der letzte Austausch hätte angestanden Anfang April. Geplant waren Flüge von der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen aus hin zur Polarstern und ihrer Eisscholle, auf der das Team eine Landebahn freigeschaufelt hatte. Aber Spitzbergen, auf der eine Gemeinde von nur 2500 Menschen lebt mit einem kleinen Spital, machte dicht aus Angst vor Covid-19. Und die Wissenschaftler, die anreisen sollten aus aller Welt, sahen sich mit einem Mal strengen Reisebeschränkungen ihrer Länder unterworfen.

Als klar war, dass die Flüge nicht mehr möglich waren, suchten die Verantwortlichen fieberhaft nach Alternativen. «Wir entwickelten mindestens ein Dutzend verschiedener Szenarien», erzählt Rex. «Aber wieder und wieder stiessen wir auf ein Stoppschild.» China und Russland boten Hilfe an, aber ihre Eisbrecher waren in der Antarktis unterwegs, am anderen Ende der Welt. «Es hing am seidenen Faden.»

Die Expeditionsteilnehmer müssen in der Arktis mit allen Eventualitäten rechnen – auch mit Eisbären, die sich dem Camp nähern.
Die Expeditionsteilnehmer müssen in der Arktis mit allen Eventualitäten rechnen – auch mit Eisbären, die sich dem Camp nähern.
Foto: Esther Horvath/Keystone

Am Ende kam Hilfe aus Deutschland, schnell und unbürokratisch. Forschungsschiffe, deren Nutzung man normalerweise 2 Jahre im Voraus beantragen muss, wurden innerhalb weniger Wochen startklar gemacht. Ausnahmegenehmigungen wurden in fast 20 Staaten eingeholt für jeden der 100 Mann, die schliesslich in Bremerhaven eintrafen und dort im Hotel für zwei Wochen in Quarantäne gingen. Vergangenen Montag schliesslich stachen die Schiffe Sonne und Maria S. Merian in See, mit Kurs auf Spitzbergen, um dort in einem Fjord die Polarstern zu treffen. Dann werden auf dem Wasser Mannschaften, Proviant und Treibstoff ausgetauscht.

Die starken Winde und Stürme

Team drei, das doppelt so lang unterwegs war wie geplant, darf nach Hause fahren. Team vier steigt auf die Polarstern und nimmt erneut Kurs gen Norden. Zurück zu jener Eisscholle, die sich das Schiff vor sieben Monaten als Heimat für die Drift vorbei am Nordpol ausgeguckt hatte. Eine Scholle, die schon jetzt «besser erforscht und beprobt wurde als jemals eine Scholle zuvor», wie sie im Blog schrieben. Und die nun, gegen die ursprüngliche Absicht, für ein paar Wochen allein gelassen wird, damit die Polarstern ihre Eingeschlossenen der Welt zurückgeben kann.

Möglicherweise ist die Rückkehr der Polarstern zur alten Scholle nun nur ein Zwischenstopp, und das Team sucht sich einen neuen Ort weiter nördlich im Eis. Die starken Winde und Stürme der letzten Monate sorgten dafür, dass die Drift Scholle und Schiff noch schneller durch die Arktis nach Süden trieb als berechnet, sodass sie zuletzt nicht mehr weit von der Eiskante lagen. Die Scholle sei kurz vor der Abfahrt noch stark in Bewegung gewesen, berichtet Torsten Kanzow. «Sie ist entlang vieler kleiner Spalten auseinandergebrochen.»

Meereisphysiker arbeiten auch bei auffrischendem Wind und zunehmender Schneedrift auf dem Meereis.
Meereisphysiker arbeiten auch bei auffrischendem Wind und zunehmender Schneedrift auf dem Meereis.
Foto: Esther Horvath/Keystone

Das Eis zu vermessen und zu beschreiben, die Risse, den Schnee, den Ozean, die Wolken und den Wind, und wie das alles zusammenspielt, dazu sind sie nun wieder unterwegs. Damit man das Klimasystem der Arktis in den Modellen korrekt abbilden kann, damit die Politik robuste Vorhersagen bekommt.

Markus Rex war erleichtert und glücklich beim letzten Telefonat kurz vor der Abfahrt von Bremerhaven. Die Expedition ist gerettet, sein Team wurde beim Corona-Test bis auf den letzten Mann negativ getestet. Die Ungeduld war ihm anzuhören: «Jetzt wollen wir aber auch alle hin, ins Eis!»