«Das Züri-Fäscht ist etwas beliebig»

In Zürich gebe es zu viele Events und zu wenig innovative Anlässe, sagen Stadtforscher. Und das Züri-Fäscht? Ein überdimensioniertes Dorffest.

«Eine Art überdimensioniertes Dorffest»: Das Züri-Fäscht 2016. (Keystone/Walter Bieri)

«Eine Art überdimensioniertes Dorffest»: Das Züri-Fäscht 2016. (Keystone/Walter Bieri) Bild: Walter Bieri/Keystone

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Das Züri-Fäscht wird dieses Jahr wieder zwei Millionen Menschen anziehen. Warum eigentlich?
Daniel Späti: Es bietet sehr viel auf engstem Raum. Dahinter steht das Versprechen, Aussergewöhnliches zu erleben, von dem man am Montag erzählen kann.

Sie haben ein Buch geschrieben über die «Eventisierung» von Zürich. Ist das Züri-Fäscht ein Event? Oder ein klassisches Volksfest?
Philipp Klaus: Events sind durchdesignte Veranstaltungen. Sie folgen einer festgelegten Dramaturgie, wollen neuartige Publikums-Erlebnisse erschaffen und haben den Zweck, Produkte zu verkaufen.

Späti: Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung des Kinos am See. Am Anfang stand die einfache Idee, eine Leinwand auf einer Wiese am See aufzustellen. Heute gibt es VIP-Logen, ein Foodkonzept, wechselnde Grosssponsoren. So wird eine Veranstaltung zum Event.

Dagegen wirkt das Züri-Fäscht recht altmodisch.
Klaus: Es ist eine Art überdimensioniertes Dorffest und richtet sich nicht an eine bestimmte Szene. Alle sind willkommen, niemand wird ausgeschlossen.

Späti: Diese Offenheit macht den Anlass etwas beliebig. Für was steht das Züri-Fäscht? Geht es darum, die Leute aus der Stadt zusammen zu bringen oder die Menschen aus der Region nach Zürich zu holen? Was macht das Züri-Fest besonders? Feuerwerk sieht man ja auch am Silvester. Es hat vor allem sehr viele Leute.

Dann ist das Züri-Fäscht der letzte grosse Zürcher Nicht-Event?
Klaus: Es gibt Schritte Richtung Eventisierung. Dieses Jahr zeigt man die «erste Drohnenshow der Schweiz». Mit solchen Superlativen pflegen sich auch Events zu bewerben. Aber im Grossen bleibt das Züri-Fäscht ein Volksfest, bei dem die wesentlichen Erlebnisse zählen: essen, trinken, Leute kennen lernen, ausflippen, Unerwartetes antreffen.

Späti: Das Züri-Fäscht dient jedenfalls nicht dazu, die Stadt im internationalen Städtewettbewerb zu positionieren. Da sind andere Events wichtiger, die Streetparade etwa oder das Food-Festival.

Würde das Züri-Fäscht auch in Stettbach funktionieren?
Klaus: Kaum. Alle grösseren Veranstalter drängen ins Zentrum. Das liegt an der Erreichbarkeit. Man ist schnell dort und schnell wieder weg. Wenn man genug hat, kann man noch woanders hingehen, wo ebenfalls etwas läuft. Im Zentrum hat es auch immer schon Menschen. Ausserdem bietet das Seeufer eine sehenswerte Kulisse.

«Die Innenstadt ist im Sommer praktisch ausgebucht.»Philipp Klaus

Manche Anwohner und Politiker meinen: Es ist genug. Es läuft zu viel. Vor allem am See.
Klaus: In keiner anderen Schweizer Stadt finden nur annähernd so viele Events statt wie in Zürich. Aber vor ein paar Jahren haben wir eine gewisse Sättigung erreicht. Das zeigen die Beschäftigungszahlen in Branchen wie Party, Kultur und Caterer. Diese Geschäftsbereiche wachsen seit 2015 kaum mehr. Das liegt auch daran, dass die Innenstadt im Sommer praktisch ausgebucht ist.

Späti: Das macht es wiederum schwierig, neue Veranstaltungen zu lancieren. Der öffentliche Raum ist stark ausgelastet. Und das städtische Bewilligungsverfahren bevorzugt Events, die es bereits gibt. Ein ungeschriebenes Gesetz sagt: Was einmal bewilligt wurde, kann auch nächstes Jahr wieder stattfinden. So finden tendenziell immer wieder die gleichen Anlässe statt. Etwas Frisches wie einst die Streetparade könnte heute im Zentrum kaum mehr entstehen. Die Stadt muss aufpassen, dass das Angebot nicht langweilig wird, und darauf achten, dass möglichst viele Menschen auf ihre Kosten kommen.

Warum ist Zürich zur Eventstadt geworden?
Klaus: Das ist eine Folge der 80er-Bewegung. Damals sagten die Jungen: Wenn nichts läuft, machen wir es halt selber. Die vielen Industriebrachen haben diesen Ansatz gefördert. Heute fehlen die leeren Industriehallen, was die Vertreter der Eventbranche beklagen. Das Selber-Anpacken hingegen ist zur Tradition geworden.

Späti: Die Leute, welche die Eventindustrie in den 90er-Jahren aufgebaut haben, dominieren den Markt in Zürich durch ihr Wissen und ihr Kapital. Hinter vielen Veranstaltungen stehen ähnliche Akteure in wechselnden Konstellationen. Das birgt die Gefahr des Einheitsbreis.

Was wäre die Alternative?
Späti: Mich hat beispielsweise der Frauenstreik gerade sehr überzeugt. Da herrschte eine frische, ansteckende Stimmung.

Das war aber kein Event, sondern eine politische Demo.
Späti: Die Unterscheidung ist nicht eindeutig, gewisse Elemente hatten Eventcharakter: Manche Frauen haben sich verkleidet, es gab Konzerte und Aktionen. Auch beim CSD verwischen die Grenzen zwischen Politik und Party. Der grosse Unterschied zu vielen Events liegt darin, dass der Frauenstreik aus einer politischen Bewegung heraus entstanden ist. Es ging nicht ums Geld, sondern um ein gemeinsames Anliegen. Sehr viele Leute haben sich lange darauf vorbereitet, was ein starkes Gemeinschaftsgefühl geschaffen hat. Zahlreiche Events werden heute von Agenturen erfunden. Dadurch haben sie einen völlig anderen Charakter als Anlässe, die aus einer Szene oder einem Anliegen herauswachsen.

«Der Gipfel bei den Events ist erreicht»Philipp Klaus

Dann braucht Zürich mehr basisdemokratische Feste?
Späti: Szenen aus allen Schichten und Generationen sollten die Möglichkeit bekommen, sich auszutauschen. Die Events sollten zudem in eine ökologischere Richtung gehen. Momentan verursachen sie sehr viel Abfall. Das wird die Leute immer stärker stören.

Klaus: Weitere Veranstaltungen erträgt Zürich kaum mehr, der Gipfel ist erreicht. Gleichzeitig gibt es den Konsens, dass Zürich lebendig bleiben muss. Die Stadt sollte sich stärker überlegen, was passt.

Gehen Sie selber ans Züri-Fäscht?
Späti: Nein. Ich bin in den Bergen, das war aber keine bewusste Entscheidung gegen das Züri-Fäscht.

Klaus: Ich geh auch nicht hin. Das Züri-Fäscht schliesst zwar niemanden aus. Aber wie wohl viele Stadtzürcherinnen und Zürcher habe ich mich für den Selbstausschluss entschieden.

Daniel Späti und Philipp Klaus sind Mit-Autoren des Buches «Eventisierung der Stadt», das kürzlich im Jovis-Verlag erschienen ist. Späti ist Dozent und Projektleiter an der ZHdK, Klaus ist Stadtforscher im INURA Zürich Institut und Dozent an der ETH.

Erstellt: 05.07.2019, 10:59 Uhr

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