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Staatsbetrieb spürt Corona-EffektDem gelben Postbüchlein gehts ans Lebendige

110 Jahre alt ist es in diesem Jahr geworden, das sogenannte Empfangsscheinbuch. Immer weniger Leute nutzen es. Und Corona ist für viele nun ein Grund für einen Abschied.

Die gelben Büchlein der Post waren jahrzehntelang die Grundlage des Zahlungsverkehrs in der Schweiz.
Die gelben Büchlein der Post waren jahrzehntelang die Grundlage des Zahlungsverkehrs in der Schweiz.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Mitte Mai ploppt eine Nachricht auf dem Handy auf. Der Inhalt der Nachricht: «Wollte nur mitteilen, dass Corona mein gelbes Büchlein gekillt hat.» Das Smiley dazu: traurig. Der Absender machte seit Jahren Einzahlungen mit dem Empfangsscheinbuch der Post. Liess sich seine Einzahlungen mit einem Stempel am Postschalter quittieren. Online-Banking? Lieber nicht, obwohl der Mittdreissiger eigentlich genügend Affinität zur digitalen Welt hat. Das Postbüchlein aber, das sollte nicht weg.

So wie ihm geht es vielen. Jahrelang war das praktische gelbe Büchlein für viele unverzichtbar. Das erste gelbe Büchlein im Leben war so etwas wie ein Einstieg in die Erwachsenenwelt. Alle getätigten Einzahlungen sind praktischerweise an einem Ort zusammengefasst. Das Büchlein, es brachte Ordnung in das Leben von Generationen. Doch Corona hat ihm weiter zugesetzt.

«Seien wir ehrlich, wer einmal umgestellt hat, wird künftig das gelbe Büchlein kaum mehr nutzen.»

Thomas Baur, Leiter Postnetz

Denn der traurige Umsteiger ist nicht der Einzige, der während Corona seine Gewohnheit geändert hat. Bei der Post hat man dies registriert. Thomas Baur ist Leiter Post-Netz, Mitglied der Geschäftsleitung und damit verantwortlich für die Poststellen im Land. Er geht davon aus, dass viele während Corona umgestiegen seien auf E-Banking. Dies zeige sich auch an den tieferen Frequenzen an den Schaltern der Post. «Und seien wir ehrlich, wer einmal umgestellt hat, wird künftig das gelbe Büchlein kaum mehr nutzen», sagt Baur. Abgerechnet wird erst Ende Jahr. Noch ist nicht erhoben worden, was Corona auf die Verkäufe des gelben Büchleins für eine Auswirkung hat.

Ein Stempel zur Bestätigung: Einzahlungen lassen sich mit dem gelben Büchlein genau dokumentieren.
Ein Stempel zur Bestätigung: Einzahlungen lassen sich mit dem gelben Büchlein genau dokumentieren.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Noch im Februar feierte die Post den 110. Geburtstag des Empfangsscheinbuchs. Einen Liebesbrief an das Ding verschickte die Post über ihre Kanäle. Damals liess man verlauten: Immerhin 164’760 der gelben Büchlein seien 2019 verkauft worden. Vergleicht man diese Zahl mit 2006, sieht man den schleichenden Niedergang der analogen Einzahlhilfe. 385’150 waren es damals, 2010 waren es noch 341’297. Und nun beschleunigt Corona diesen Rückgang noch.

Gebühren erhöht

Laut Postfinance sind Einzahlungen am Postschalter ein Defizitgeschäft. «Aufgrund der voranschreitenden Digitalisierung des Zahlungsverkehrs bezahlen immer mehr Menschen ihre Rechnungen via Onlinebanking. Dadurch hat sich die Anzahl Transaktionen an den physischen Zugangspunkten der Post in den vergangenen zwölf Jahren um mehr als ein Drittel reduziert», schrieb die Postfinance Ende des letzten Jahres. Gleichzeitig führten die steigenden regulatorischen Anforderungen zu höheren Verarbeitungskosten. «Aus diesen Gründen ist der Schalterzahlungsverkehr heute stark defizitär.»

Die Konsequenz: Die Gebühren für den Empfänger der Zahlung wurde auf diesen Juli hin erhöht. Die sogenannte Schalterzahlungstaxe stieg beispielsweise für eine Einzahlung bis 50 Franken von 1.50 auf 2 Franken: ein happiger Aufschlag von einem Drittel. Wer online einzahlt, muss keine Gebühr berappen.

Das gelbe Postbüchlein ist dem Untergang geweiht. Es wird ihm ergehen wie vor kurzem der letzten Telefonkabine der Swisscom. Was die beiden gemeinsam haben: Sie beide sind Relikte aus einer analogen Zeit, die Schritt für Schritt abgelöst wird. Und beide haben Generationen von Schweizerinnen und Schweizern geprägt. Das gelbe Büchlein wird noch ein paar Jahre länger überleben als die Telefonzelle. Ehe es – und das ist ihm zu wünschen - endgültig zum Archivstück wird, in dem Nichten und Neffen in 50 Jahren nachschauen können, wofür ihre Grosseltern einst ihr Geld ausgegeben haben.