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Schätzung von Avenir SuisseDenkfabrik: Schweizer Quarantäneregime taugt wenig

92 Prozent der Isolierten sollen negativ sein: Der wirtschaftsnahe Thinktank fordert Anpassungen bei den Corona-Massnahmen.

Die Denkfabrik Avenir Suisse schätzt, dass 92 von 100 unter Quarantäne gesetzten Personen negativ getestet wurden.
Die Denkfabrik Avenir Suisse schätzt, dass 92 von 100 unter Quarantäne gesetzten Personen negativ getestet wurden.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Wer wegen Verdachts auf Covid-19 unter Quarantäne gestellt wird, darf für bis zu 10 Tage die eigenen Wände nicht mehr verlassen. Das ist ein einschneidender Eingriff in die persönliche Freiheit. Die wirtschaftsnahe Denkfabrik Avenir Suisse wollte deshalb wissen, wie gut das aktuelle Quarantäneregime überhaupt wirkt.

Die heute veröffentlichten Schätzungen deuten darauf hin, dass weniger als 8 Prozent der unter Quarantäne gesetzten Personen auch positiv getestet wurden. Im Umkehrschluss heisst das: Bei 92 von 100 getesteten Personen konnte das Coronavirus nicht nachgewiesen werden.

In den Sommermonaten lag die entsprechende Grösse unter vier Prozent. Dieser Prozentsatz gilt für das Total an Quarantäne-Massnahmen, also sowohl ärztlich verordnete als auch jene wegen Rückreise aus einem Risikogebiet.

Avenir Suisse stützt die Schätzungen auf Angaben von 16 Kantonen, die auf eine entsprechende Anfrage mit Verweis auf das Öffentlichkeitsgesetz geantwortet haben. Demnach dürften die Kantone seit Beginn der Pandemie 265’000 bis 270’000 Quarantäne-Massnahmen verfügt haben.

Genaue Zahlen zur Anzahl in Quarantäne positiv getesteter Personen liegen auf nationaler Ebene nicht vor. Kantonal haben einzig Aargau und Glarus Angaben zu dieser Schlüsselkennzahl öffentlich gemacht – allerdings ausschliesslich für die ärztlich angeordnete Quarantäne in Zusammenhang mit Contact-Tracing.

Schaden für die Volkswirtschaft

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Aus volkswirtschaftlicher Sicht zeichnet sich ab, dass vor allem in den produzierenden Branchen Wertschöpfung verloren geht. Wenn hochqualifizierte Mitarbeiter ihrer Tätigkeit fernbleiben müssen, weil sie umsonst zu Hause bleiben müssen, schadet das der Wirtschaft.

Doch auch ein gewisser Wohlstandsverlust ist nicht auszuschliessen. So kritisiert Avenir Suisse, dass die Dokumentation und Legitimation des Schweizer Quarantäne-Regimes «nur ungenügend» sei. Die Denkfabrik empfiehlt deshalb der Eidgenossenschaft und den Kantonen, die relevanten Daten zur Quarantäne künftig zu erheben und zu veröffentlichen.

«Das strikte Verbot, die eigenen vier Wände bis zu zehn Tage zu verlassen, ist weder angemessen noch erforderlich.»

Avenir Suisse

Weiter sei die Rückreise-Quarantäne grundsätzlich zu überprüfen und die Verhältnismässigkeit der Massnahmen seien zu überdenken. «So könnten beispielsweise Spaziergänge an der frischen Luft erlaubt werden. Das strikte Verbot, die eigenen vier Wände bis zu zehn Tage zu verlassen, ist weder angemessen noch erforderlich», schreiben die Autoren Jürg Müller und Basil Ammann.

«Nur so wird das Schweizer Quarantäne-Regime auch langfristig von der Bevölkerung breit akzeptiert werden», hält Avenir Suisse fest. Das Prinzip von Testen und Rückverfolgbarkeit werde damit indes nicht infrage gestellt. «Im Gegenteil: Für eine effektive Test-and-Trace-Strategie ist es essenziell, dass der damit verbundene Eingriff in die persönliche Freiheit möglichst gut dokumentiert, zielgenau und verhältnismässig ist», so das Fazit der Denkfabrik.

88 Kommentare
    Andreas R. Maier

    Wenn 8% der Personen in Qurantäne positiv getestet wurden, dann ist diese Rate heute noch etwa 100 mal höher, als im Rest der Bevölkerung. Im Sommer war die Rate mit 4% sogar etwa Zehntausend mal höher als die damalige Infektionsrate. Damt hat Avenir Suisse eigentlich bewiesen, dass die Gruppe der Personen in Quarantäne bereits sehr gut gewählt war und man vom grundliegenden Prinzip der Quarantäne nicht abweichen sollte. Man sollte eher versuchen, mit den gewonnenen Daten die Auswahl noch weiter zu verbessern, anstatt jede Massnahme bis zur Untauglichkeit zu verwässern.