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Nach Turn-Skandal«Denkt daran, welche Signale wir aussenden»

Am Dienstag hat der Ständerat Ja gesagt zur Schaffung einer unabhängigen nationalen Meldestelle für Opfer von Missständen im Sport. Nun ist der Nationalrat gefordert.

Der Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann setzte sich für die Schaffung einer unabhängigen, nationalen Meldestelle ein.
Der Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann setzte sich für die Schaffung einer unabhängigen, nationalen Meldestelle ein.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Die Frage, ob der Schweizer Sport eine unabhängige nationale Meldestelle für Opfer von Missständen braucht, ist längst beantwortet. Weil Swiss Olympic im Verlauf dieses Jahres drei Gutachten erstellen liess, die genau zu diesem Schluss kamen. Deshalb hat die Dachorganisation des Schweizer Sports bereits Abklärungen für den Aufbau einer Meldestelle vorgenommen, die im Idealfall Anfang 2022 ihre Arbeit aufnehmen kann.

Die Frage ist vielmehr, welche Rolle der Bund dabei spielen soll. Und diesbezüglich hat am Dienstag der Ständerat ein wichtiges Signal ausgesandt. Er hat eine Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) mit 26:17 Stimmen bei einer Enthaltung angenommen. Wie sehr das Thema Missbrauch im Sport die Politik umtreibt, zeigt der Umstand, dass von der Einreichung des Vorstosses bis zur Abstimmung nur knapp ein Monat verging. Die «Magglingen»-Protokolle, welche im «Magazin» der Tamedia-Zeitungen erschienen sind, hätten die Mitglieder des Ständerats aufgerüttelt, sagte WBK-Präsident Hannes Germann (SVP, SH). Und doch entstand in der kleinen Kammer eine lebhafte Debatte. Weil sich zwar alle einig waren, dass etwas gegen Missstände getan werden muss. Nur wollen nicht alle den gleichen Weg gehen.

Noser möchte lieber Eltern in Pflicht nehmen

Dass der Bund die Zügel bei der Schaffung einer Meldestelle in der Hand halten soll, ist für die Befürworter ein zentrales Anliegen. «Die Unabhängigkeit einer solchen Organisation ist unverzichtbar», hielt etwa Elisabeth Baume-Schneider (SP, JU) fest. Derweil stellte Eva Herzog (SP, BS) klar, dass eine solche Meldestelle das Problem von Übergriffen und Missständen im Sport nicht allein lösen werde. «Aber es ist ein Beitrag. Und wir dürfen die Athletinnen nicht hängen lassen, die es viel Mut gekostet hat, an die Öffentlichkeit zu treten.»

Mit Verweis auf die Abklärungen von Swiss Olympic meinte dagegen Jakob Stark (SVP, TG): «Nehmen wir die Motion an, müssen zuerst Zuständigkeiten geklärt werden, es ginge Zeit verlorenÄhnlich argumentierte der Zürcher Ständerat Ruedi Noser (FDP). Er teile viele Anliegen seiner Vorrednerinnen, «aber wir können nicht für jedes Spezialgebiet eine Ombudsstelle schaffen». Seine Vorschlag: Die Eltern stärker in die Pflicht nehmen. Letztlich aber fand Nosers Votum kein Gehör bei der Mehrheit. Vielleicht auch, weil den Mitgliedern des Ständerats die abschliessenden Worte von Germann noch in den Ohren hallten: «Denken Sie daran, welche Signale wir aussenden, wenn wir die Motion ablehnen.»

Amherd will Untersuchung bald in Auftrag geben

Bundesrätin Viola Amherd verfolgte die Debatte mit grossem Interesse. Denn die VBS-Vorsteherin hatte sich nach der Veröffentlichung der «Magglingen-Protokolle» eingeschaltet und gesagt, es führe kein Weg an einer unabhängigen Meldestelle vorbei. «Und das Bundesamt für Sport muss beim Aufbau und der Gestaltung dieser Meldestelle mithelfen», stellte sie am Dienstag klar. Ab 1. Januar 2022 soll diese gemäss Amherd die Arbeit aufnehmen. Zudem wird die Bundesrätin bald die angekündigte unabhängige Untersuchung in Auftrag geben, welche die Vorfälle im Turnverband aufarbeiten soll.

Nach einem Bericht über fragwürdige Methoden werden zwei Trainerinnen der Schweizer Gymnastinnen entlassen.
Nach einem Bericht über fragwürdige Methoden werden zwei Trainerinnen der Schweizer Gymnastinnen entlassen.
Foto: Vincent Damourette (Keystone)

Die politische Debatte um eine Meldestelle ist noch nicht abgeschlossen. Am Donnerstag entscheidet der Nationalrat über die gleichlautende Kommissionsmotion seiner WBK. Wenn auch die grosse Kammer Ja sagt, ist der Auftrag für die Meldestelle an den Bundesrat überwiesen. Bei einer Ablehnung ist das Anliegen zumindest politisch gescheitert.

2 Kommentare
    R. Blatter

    Schon etwas eigenartig zwischen Männer und Frauen (oder Fräuleins) beim Turnen am gleichen Ort. Bei den Männer keine Reklamationen. Auf der anderen Seite Einzelbeschwerden. Und nun mischt sich sogar die Politik ein. Muss sich die Vorgesetzte Bundesrätin wegen Nichtigkeiten beliebt machen?