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Ceneri – Vollendung der NeatDer Berg, der alles erklärt

Mit der Eröffnung des Ceneritunnels beginnt für das Tessin eine neue Zeitrechnung. Es geht aber um viel mehr als nur um den SBB-Fahrplan – sagt Marco Solari, Locarnos Festivalpräsident. Psychogramm des Kantons in sieben Punkten.

Der Monte Ceneri bringt Zürich und Lugano ab kommender Woche noch näher zusammen: Eisenbahn-Viadukt zum Tunnelportal bei Camorino TI.
Der Monte Ceneri bringt Zürich und Lugano ab kommender Woche noch näher zusammen: Eisenbahn-Viadukt zum Tunnelportal bei Camorino TI.
Foto: Stefano Schröter

Dieser Berg. Ceneri. Alles lasse sich damit erklären, sagt Marco Solari. Das Tessin. Der Norden, der Süden. Der 76-Jährige sitzt in der Lobby eines Hotels in Lugano. Draussen der Lago, das sommerliche Sottoceneri. Auf Deutsch: unter dem Ceneri. Hier sind Solaris Wurzeln. Auf der anderen Seite aber, im Sopraceneri, ist er zu dem geworden, der er heute ist: Präsident des Internationalen Filmfestivals von Locarno. In Bellinzona wurde er einst zum jüngsten kantonalen Tourismusdirektor der Schweiz.

Solari kennt beide Seiten des Tessins. Und er kennt beide Seiten der Alpen. Die Matur hatte er noch in Bern gemacht, die Mutter ist Emmentalerin. Studiert hat er in Genf. Marco Solari ist ein Weltenwanderer. Norden und Süden. Und dazwischen der Ceneri. Wer diesen Berg versteht, versteht laut Solari nicht nur das Sotto- und das Sopraceneri, sondern auch Europas Norden und Süden.

«Sopra- und Sottoceneri bilden im Kleinen Nord- und Südeuropa ab»: Marco Solari, Präsident des Locarno Film Festival, im August 2019 auf der Piazza Grande.
«Sopra- und Sottoceneri bilden im Kleinen Nord- und Südeuropa ab»: Marco Solari, Präsident des Locarno Film Festival, im August 2019 auf der Piazza Grande.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Zweckgemeinschaft

«Manchmal nenne ich das Tessin auch eine Gemeinschaft aus 100 unabhängigen Republiken. So viele Gemeinden, so viele verschiedene Haltungen. Es war Napoleon, der uns den Namen, die Grenzen und ein Hauch von Staatsverständnis gab. Ticino. Wie der Fluss. Aus nur losen Verbindungen sollte plötzlich eine Gemeinschaft werden. Dabei war dieses Gebiet schon immer sehr unterschiedlich ausgerichtet. Drei Richtungen: Lombardei, Piemont und Alpen. Heute: Mailand, Turin und Zürich.»

Reibungspunkt Nord - Süd

«Sopra- und Sottoceneri bilden im Kleinen Nord- und Südeuropa ab. Im Norden Europas die Menschen mit der Sehnsucht nach der Wärme und der Leichtigkeit des Südens. Im Süden des Kontinents die Menschen mit der Nostalgie nach Ordnung und Struktur des Nordens. Der Ceneri ist auch tektonisch eine Grenze. Mitten im Tessin taucht die afrikanische Platte unter die eurasische, Kalk und Granit reiben sich seit Ewigkeitengenau wie die Denkweisen der Menschen. Ein Beispiel: Noch in Ascona bestellt man im Ristorante streng nach Menükarte. In Lugano oder Mendrisio aber besprechen die Gäste mit dem Kellner das Essen, die Sonderwünsche. All’italiana.»

Grillen und Ameisen

«Im Süden leben die Grillen, nördlich die Ameisen. Musizieren oder arbeiten. Klar, es sind Stereotype, banale Floskeln, Schlagworte, die in Europa immer noch unterschwellig vorherrschen. Doch die Mode und die Oper spielen im Sottoceneri eine grosse Rolle, die Mailänder Scala ist nahe. Es war aber in Locarno, wo die strenge Riforma stark war, und viele behaupten noch heute: kein Zufall.»

Berg und Meer

«Das Sopraceneri ist geprägt vom Berg. Das gilt auch für Locarno. Im Mittelalter wütete in dieser Gegend die Malaria. Das Leben war hart. Viele Bewohner kamen aus den umliegenden Tälern, Centovalli, Onsernone, Maggia, Verzasca. Diese Bergler waren geprägt vom Denken, dass der Natur jeder Quadratmeter abgerungen werden muss; dass diese brutal sein kann, Steinschläge, Lawinen. Man muss auf sich oder seine Gemeinschaft im Tal schauen. Dies ist sicher mit ein Grund, dass bis heute Gemeindefusionen viel schwieriger zu bewerkstelligen sind. Das Denken Luganos, der nördlichsten Stadt des Mittelmeerraumes, ist stark auf Mailand und Genua ausgerichtet. Gemeindefusionen in Chiasso, Mendrisio oder Lugano? Irgendwie problemloser.»

«Es braucht noch ein, zwei Generationen, bis dieser Ceneri endlich überwunden ist.»

Marco Solari, Festivaldirektor

Zwei Arten der Emigration

«Sopra und Sotto haben die Emigration unterschiedlich erlebt. In den Tälern des Sopraceneri und im Misox herrschten im 19. Jahrhundert fast schon irische Verhältnisse. Armut und Hunger trieben viele Tessiner bis nach Nordamerika und Australien. Die Emigration im Sottoceneri hingegen nach Südamerika oder Nordafrika war meist weniger dramatisch. Ein Kapitel für sich auch die künstlerische Emigration. Maler, Stukkateure, Marmorierer vornehmlich aus dem Sottocenerisind ausgezogen und haben Weltstädte mit aufgebaut: Rom, Buenos Aires, Moskau, St. Petersburg oder Konstantinopel.»

Der Calimerokomplex

«Haben die Tessiner einen Calimerokomplex? Einen Minderwertigkeitskomplex wie diese italienische Zeichentrickfigur? Gegenüber oben: Zürich. Gegenüber unten: Mailand. Meine Antwort: Früher vielleicht, heute nicht mehr. Der Ceneritunnel ist darum ein ungetrübtes, freudiges Ereignis für uns Tessiner. Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass dieser Tunnel Teil der Neat ist und nun genau diese zwei Metropolen näher zusammenbringen wird. Tessiner müssen nun schauen, dass sie nicht übergangen werden. Dafür braucht es einen selbstbewussten Südkanton, der sich dynamisch zeigt in dieser Zwischenposition. Das liegt auch im Interesse der Schweiz. Niemand will belgische Verhältnisse mit zwei Polen und einer marginalisierten Region

Città Ticino

«Der Tunnel wird Locarno, Bellinzona und Lugano näher zusammenbringen. Nicht nur zeitlich. Bereits ist das in Bellinzona zu spüren, wo der Immobilienmarkt angezogen hat. Pendeln auf die andere Seite des Ceneri wird einfacher. Dieser Tunnel ist eine Voraussetzung für die Città Ticino, diese Idee eines einzigen Wirtschafts- und Wohnraums. Die Università Svizzera Italiana wird dabei eine eminent wichtige Rolle spielen. Wie auch die Kultur. Das Kulturzentrum in Lugano, das Filmfestival in Locarno, der wiederentdeckte Monte Verità in Ascona. Noch ist diese Città nicht Realität. Es braucht meiner Meinung nach noch ein, zwei Generationen, bis dieser Ceneri endlich überwunden ist.»

Fahrt durch der 15,4 km langen Ceneri-Basistunnel. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Fahrt durch der 15,4 km langen Ceneri-Basistunnel. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

In einer früheren Version dieses Artikels wurde eine fehlerhafte Grafik zum Verlauf der neuen Bahnlinie gezeigt. Dies wurde nun angepasst.