Zum Hauptinhalt springen

Gedanken über den AusgangDer beste Keller

Noch immer müssen wir zuhause feiern. Einst tat dies der Autor freiwillig. Den unter seinem Zimmer fanden die besten Partys statt.

Das Gegenteil war im Trinkstudio der Fall: Keine Fenster, keine schicken Gläser, dafür gefüllte Aschenbecher.
Das Gegenteil war im Trinkstudio der Fall: Keine Fenster, keine schicken Gläser, dafür gefüllte Aschenbecher.
Bild: Christian Lue / unsplash

Als Ursi mit den rot gefärbten Haaren noch im Kon-Tiki ihre «Gchlöpften» auf den Tresen hämmerte: Das war die Zeit, als ich so richtig ausging, und das ist dreissig Jahre her. Diese Zeitspanne und auch die Mischung des erwähnten Satansgetränks trüben meine Erinnerungen an sonstiges Erlebtes in diesem Etablissement.

Weiter besuchten wir das Restaurant Schlauch, tranken dort Bier und himmelten das weibliche Personal an. Auch im Königsstuhl tranken wir, aber noch lieber assen wir dort Znacht: Auf dem Menü standen Gratis-Oliven – und Nüssli. Ab und an verlief ich mich allein in die Bodega, und bestellte Rotwein um klug und interessant zu wirken.

Mit dem Auszug von zu Hause und dem Einzug in meine erste WG sollte der Begriff Ausgang eine neue Bedeutung bekommen. Denn um Partys zu feiern, Konzerte zu besuchen oder Filme zu schauen, musste ich keinen Fuss mehr vor die Tür setzen.

Ich wohnte im Epizentrum des damaligen Nachtlebens. Mag sein, dass es noch andere angesagte Orte gab, nur interessierten mich diese wenig. Mein erstes WG-Zimmer hatte ich an der Seestrasse 109, und in meinem Haus befand sich das legendäre Trinkstudio.

Dort wurden Partys jenseits von Gut und Böse gefeiert.

Jean-Marc Nia

Für die armen Seelen, welche die Lokalität nicht kennen: Der Ort schlug Wellen bis nach Hamburg, sodass ihn der damals überhippe Golden Pudelclub mitsamt Schorsch Kamerun und Kamerateam besuchte.

Im Trinkstudio sah man, dank dem leider verstorbenen Martin Ain Stricker, Filme wie «Killing Zoe» zum ersten Mal. Okay, auf Japanisch und mit Untertiteln in Mandarin, aber das machte den Event nur exklusiver. Dort spielte und wohnte die Punkband Fleisch, deren Sänger Grau mittlerweile aus dem Zürcher Nachtleben nicht mehr wegzudenken ist. Dort wurden Partys jenseits von Gut und Böse gefeiert, Unmengen an Alkohol zu blödsinnig billigen Preisen abgesetzt, und dort tanzte man, bis es hell wurde, und rauchte Zigaretten, als gäbe es kein Morgen danach.

Nur gab es das. Und wie gesagt, ich wohnte dort und hatte mein kleines Zimmer direkt darüber. Heisst, der Gestank, eine Mixtur aus Schweiss, ausgeleerten Bieren und kaltem Rauch, fand in meinen vier Wänden sein Zuhause und blieb für immer in meinem Sofa. Aber das war okay für mich.