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GastkommentarDer Corona-Fallschirm ist löchrig

Alle Selbstständigen erhalten nun Hilfe vom Bund. Das ist erfreulich. Dennoch gefährdet die Krise die Existenz von Selbstständigen und Menschen mit tiefen Einkommen.

Sie gehören zu jenen, die von den Massnahmen gegen die Pandemie wirtschaftlich am meisten getroffen sind: Taxifahrer.
Sie gehören zu jenen, die von den Massnahmen gegen die Pandemie wirtschaftlich am meisten getroffen sind: Taxifahrer.
Foto: Matt Rourke (Keystone)

Auch in der Corona-Krise gilt: Alle sind gleich, aber manche sind gleicher als andere. Wohlhabende, Gutvernetzte und Bestverdienende haben gewöhnlich ein pralles Bankkonto. Das Vermögen der reichsten 300 Schweizer beträgt 702 Milliarden Franken. Und es gibt rund 500'000 Vermögensmillionäre. Sie leiden unter der Corona-Krise nicht existenziell. Wenn die Börsenkurse fallen, sinken oft nur die Buchwerte. Bund, Kantone und Banken kümmern sich im Corona-Notstand um fast alle Akteure in der Wirtschaft. Sie sprechen und garantieren grosszügig Kredite.

Seit dem 16. April profitieren nun auch Eltern, die wegen behördlichen Massnahmen nicht arbeiten können, von Erwerbsersatz. Und jene Selbstständigen, die bisher durch die Maschen gefallen sind – etwa Taxifahrerinnen, Fotografen und Spielgruppenleiterinnen. Zu meinen, dass damit alle finanziellen Probleme vom Tisch sind, wäre naiv.

Selbstständige mit weniger als 10'000 oder mehr als 90'000 Franken Einkommen pro Jahr sind von der Corona-Hilfe nach wie vor ausgeschlossen.

Selbstständige mit weniger als 10'000 oder mehr als 90'000 Franken Einkommen pro Jahr sind von der Corona-Hilfe nach wie vor ausgeschlossen. Auf das volle Taggeld von maximal 196 Franken dürfen nur wenige Selbstständigerwerbende zählen. Viele müssen Kürzungen hinnehmen. Dazu zählen Schauspieler, die keine regelmässigen Monatsgagen haben, also die meisten Freischaffenden. Dies erstaunt, denn die Chefinnen und Chefs von GmbH und Aktiengesellschaften erhalten während der Corona-Krise 80 Prozent ihres letzten Lohnes und können so bis zu 11'000 Franken Erwerbsersatz pro Monat erhalten.

Zwar gibt es Kredite für Selbstständige, aber viele von ihnen fürchten sich vor einer Verschuldung, die sie jahrelang belasten würde. Verständlich, denn ihre Gewinne sind so gering, dass eine Abzahlung kaum oder gar nicht infrage kommt. Wer zu wenig Erwerbsersatz erhält und sich nicht verschulden möchte, dem droht womöglich ein Konkurs und der Gang zum Sozialamt.

Viele Selbstständigerwerbende und Kurzarbeitende rasen mit löchrigen Fallschirmen auf den harten Boden einer Rezession zu.

Als eines der reichsten Länder der Welt steht die Schweiz im internationalen Vergleich privilegiert da. Dennoch rasen viele Selbstständigerwerbende und Kurzarbeiter mit löchrigen Fallschirmen auf den harten Boden einer Rezession zu. Viele von ihnen konnten wegen ihres geringen Einkommens vor Corona keine Rücklagen bilden. In der Not gibt es noch die Glückskette und diverse karitative Organisationen. Sie leisten seit jeher unermüdlich Hilfe, um die Armut in der Schweiz abzufedern.

Die Jahrhundert-Krise bietet uns allen die Möglichkeit zur Solidarität. Nicht zuletzt auch den 500'000 Millionären in der Schweiz, insbesondere den 300 Reichsten, deren Vermögen zwischen 2018 und 2019 stolze 27 Milliarden Franken Kapitalgewinn abgeworfen hat. Wenn sie davon nur ein Viertel – also 6,75 Milliarden Franken – spenden würden, könnten einerseits Härtefälle aufgefangen und andererseits ökologische, soziale, digitale, innovative Start-ups sowie Bildungs-, Forschungs- und Konjunkturprojekte finanziert werden, welche die Schweiz als Ganzes langfristig resilienter machen.

Denn eine resiliente Gesellschaft meistert künftige Krisen besser.

Ausserdem stärkt es uns Menschen, wenn wir in einer Krise Solidarität erfahren. Es kittet, vermindert Ungleichheit, fördert das Zugehörigkeitsgefühl und das Vertrauen in die Mitbürgerinnen und Mitbürger. Vermutlich ist das ein wichtiger Erfolgsfaktor der Schweiz. Corona bietet uns die einmalige Chance, die Schweiz als Gemeinschaft weiter zu stärken.

Das ist auch eine wirkungsvolle Form von Prävention. Denn eine resiliente, also widerstandsfähige, Gesellschaft meistert künftige Krisen besser. Genauso wie andere Herausforderungen. Und deren gibt es neben der Überalterung, dem Klimawandel und der Digitalisierung viele, von denen wir noch nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.