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Skandalarzt Eufemiano FuentesDas letzte Interview des Superdopers

Einer der berühmtesten Dopingärzte der Sportgeschichte geht in Rente – und gibt beim Abschied noch einmal ein faszinierend-verstörendes Interview.

2013 musste sich Eufemiano Fuentes wegen des Doping-Skandals rund um ihn vor einem Madrider Gericht verantworten.
2013 musste sich Eufemiano Fuentes wegen des Doping-Skandals rund um ihn vor einem Madrider Gericht verantworten.
Foto: Javier Lizon (Keystone)

Der Name des Arztes Eufemiano Fuentes, der im Jahr 2006 als Dopingdruide bekannt wurde, steht auf Gran Canaria auch für Geschichten, die einem schlaflose Nächte bereiten können. Eine davon erzählte der nunmehrige Rentner Fuentes selbst, in einem faszinierend morbiden, einstündigen TV-Interview mit dem spanischen Journalisten Jordi Évole, das jetzt in Spanien im Sender La Sexta ausgestrahlt wurde.

Eine Geschichte handelt von Fuentes' Onkel, einem begüterten kanarischen Tabakindustriellen, der Mitte der Siebzigerjahre entführt und dann tot aufgefunden wurde, bis an den Rand der Unidentifizierbarkeit verstümmelt – just am Tag, da Fuentes sein Examen als Arzt ablegte.

Eine andere Geschichte handelt von seinem Cousin Eufemiano Fuentes, sie wurde vor dem Obersten Gericht Spaniens verhandelt, just als der gleichnamige Mediziner gerade als Hochdoper aufgeflogen war. Vetter Eufemiano hatte nach einer Party eine 24-jährige Dirne im Drogenrausch gevierteilt und in einen Müllcontainer geworfen. Fuentes selbst, der Arzt: Er hatte jahrelang Sportler vollgepumpt. Mal mit Medikamenten, mal mit Eigenblut, mit Methoden also, die bei Verabreichung oder Anwendung noch nicht als Doping eingestuft waren, wie Fuentes behauptet.

Wobei das nicht stimmt: Gleich zwei Mal liest ihm der Interviewer aus einem Urteil vor, in dem Fuentes zwar von Verstössen gegen die öffentliche Gesundheit freigesprochen wurde, gleichwohl aber festgehalten ist: Fuentes habe Sportler zur Leistungssteigerung behandelt und dafür gesorgt, dass sie bei Kontrollen nicht aufflogen. Unter seinen Kunden: der deutsche Tour-Sieger Jan Ullrich. Was all diese Geschichten zu bedeuten haben? Vielleicht zumindest dies: dass es wohl Leute gibt, die eine grössere Notwendigkeit hätten, bei Geschichten aus ihrem Leben dick aufzutragen.

Die Regierung habe ihn aus dem System «herausgenommen»

Im Interview mit Évole – es werde das letzte seines Lebens sein, behauptet der 66-Jährige – stellt Fuentes viele Dinge in den Raum, und zündet unter anderem zwei sogenannte Bomben. Die eine: dass er Opfer eines politischen Komplotts der damals frisch installierten sozialistischen Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero wurde, auf Betreiben des vormaligen Sportstaatssekretärs Jaime Lissaveztky und unter Mithilfe von Fermín Cacho, dem Leichtathletik-Olympiasieger von 1992. Die andere: Fuentes suggeriert durch bedeutungsschwangeres Schweigen, dass er Real Madrid ... aber dazu gleich. «Ist das denn überhaupt so wichtig?», fragt Fuentes und schaut den Interviewer durch stahlblaue Augen an.

Ein Leben wie im Spionagefilm: Eufemiano Fuentes.
Ein Leben wie im Spionagefilm: Eufemiano Fuentes.
Foto: Emilio Naranjo (Keystone/EPA)

Fuentes, so viel zur Vorgeschichte, war mal selbst Leichtathlet, spezialisierte sich als Medizinstudent auf Gynäkologie, weil es in den Siebzigerjahren in Spanien keine Sportmedizin gab. Er reiste nach Osteuropa, will dortige Kollegen mit ein paar Hundert Dollar bestochen haben, um die Geheimnisse der Sporterfolge des real existierenden Sozialismus zu erfahren. Ein Leben wie im Spionagefilm. Fuentes wurde in den Achtzigerjahren Arzt spanischer Topsportler; ehe er als Radsport-Doktor viel Geld machte, betreute er nach eigenen Angaben etwa 15 spanische Athleten bei den Spielen von Barcelona 1992. Ob er auch Fermín Cacho anleitete, der damals die 1500 Meter gewann und zu einem der grössten spanischen Sporthelden aufstieg? «Wenn ich dir sage, dass ich mich daran nicht erinnern kann, wirst du es mir nicht glauben», sagt Fuentes im Interview – nach sekundenlangem, theatralischem Schweigen.

Es wird nur zitiert, was gerade passt

Jener Cacho soll Fuentes 2004 dann auf Betreiben des Staatssekretärs Lissavetzky vorgeschlagen haben, die spanischen Athleten auf die Spiele in Peking 2008 vorzubereiten. «Wie in den Achtzigern.» Er, Fuentes, will das umgehend abgelehnt haben. Dieses «Nein» habe Folgen gehabt. Obschon Doping in Spanien seinerzeit kein Delikt war, habe die Guardia Civil in der «Operación Puerto» eine Einheit auf ihn gehetzt, die gegen das organisierte Verbrechen vorgehen sollte, bemerkt Fuentes spitz. Weil er Spaniens Staat nicht dienen wollte, habe die Regierung «ihn halt aus dem System herausgenommen». Behauptet er, ohne Belege beizusteuern.

Absurd, sagte nun Cacho der Zeitung El País, die auch behauptete, Fuentes habe sich in Portugal niedergelassen – und biete weiter Dienste an. Lissavetzky äusserte sich ähnlich. Und erinnerte daran, dass Fuentes schon früh in aller Munde gewesen sei, spätestens durch das anklagende Interview des Radprofis Jesús Manzano. Dessen Name taucht in dem TV-Interview nun, wie viele andere prominente Namen, nicht auf. Auch von der «Operación Galgo» ist nicht die Rede, von der zweiten grossen Dopingaffäre Spaniens, bei der die Fuentes-Kundin Marta Domínguez aufflog, eine erfolgreiche Lang- und Mittelstrecklerin. Es wird zwar ausdauernd aus dem Buch des früheren Radprofis Tyler Hamilton zitiert, aber nicht jene Passage, als Hamilton nach einer Visite bei Fuentes im Taxi sass und plötzlich blutete: Fuentes hatte offenkundig eine Transfusion verpfuscht.

Was lief zwischen Fuentes und Real Madrid?

Spannend wird es auch, als die Rede auf den Fussball kommt. Der dramaturgische Aufbau fusst auf Fuentes' Eingeständnis, dass er gerne mit dem FC Barcelona gearbeitet hätte, es aber nicht tat; dass er zudem Real Sociedad San Sebastian beraten habe, nicht aber den FC Valencia. Dann folgt die Klimax: «Haben Sie die Ärzte von Real Madrid beraten?» Es macht sich eine fast zehnsekündige, knisternde Stille breit. «Ich werde dir diese Frage nicht beantworten», sagt Fuentes, aber: «Das bedeutet nicht: ‹Ja›. Ich musste in einem Prozess aussagen, und musste ‹Nein› sagen.»

Mit diesen Sätzen spielt er auf den Schadenersatzprozess an, den Real gegen die französische Zeitung Le Monde gewann, die berichtet hatte, der Club habe Fuentes' Dienste genutzt. Und noch ein kurioses Detail, das Fuentes jetzt loswird: Real habe ihm versprochen, seine Reisekosten im Rahmen des Prozesses zu decken. Das Geld habe er am Ende einklagen müssen.

«Was für eine Pirouette!»

Wen man bei Real Madrid fragen könne, ob er, Fuentes, für den spanischen Rekordmeister gearbeitet habe?, fragt der Journalist Évole. Es folgt wieder sekundenlange Stille, ehe der Journalist eine andere Frage stellt. Nämlich: Wieso denn Fuentes den Chef der medizinischen Abteilung von Real Madrid, Alfonso del Corral, so vertraut «Alfonsito» nenne. Da antwortet Fuentes mit einer seltsam vielsagenden Frage: «Ob es weitere Zeugen dafür gibt? Nein, es gibt keine weiteren.» – Zeugen wofür?, hakt der Interviewer nach. «Zeugen für das, von dem ich (im Prozess gegen Le Monde, Anm.) gesagt habe, dass es nicht geschah», sagt Fuentes – also offenkundig seine angebliche Zusammenarbeit mit Real Madrid.

«Was für eine Pirouette!», sagt der Interviewer schliesslich. Und beide lächeln. Als wüsste der eine, was der andere durch die Blume gesagt hat, und der andere, dass er verständlich genug war, obwohl er nichts ausdrücklich sagte. Und so steht so am Ende mancher enttäuscht da und sieht betroffen, wie der Vorhang fällt – und viele Fragen offenbleiben.

1 Kommentar
    Thomas Jobs

    Ich sage nur: "Blut und Spiele" der ARD-Zweiteiler.

    Zwar schon ein paar Jahre alt, aber immer noch brandaktuell.