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55-mal die Wand durchstiegenDie Eigernordwand ist sein zweites Zuhause

Der Oberländer Profibergsteiger Roger Schäli kennt den Eiger fast so gut wie seine Wohnung. Und empfindet ihn doch immer noch als Abenteuer.

Die Eigernordwand «ist und bleibt eine ernsthafte Sache»: Roger Schäli hangelt sich, am Seil gesichert, an den Fingerspitzen durch die Route «La vida es silbar» hoch, tief unter ihm Grindelwald.
Die Eigernordwand «ist und bleibt eine ernsthafte Sache»: Roger Schäli hangelt sich, am Seil gesichert, an den Fingerspitzen durch die Route «La vida es silbar» hoch, tief unter ihm Grindelwald.
 Foto: Nicolas Hojac

Es kommt vor, dass Roger Schäli zu Hause in Goldswil bei Interlaken beim Kaffee sitzt und sein Handy klingelt, der Anrufer am anderen Ende der Leitung befindet sich irgendwo oben in der Eigernordwand, 1800 Meter Luft unter den Füssen, und findet den Ausstieg ins Gipfeleisfeld nicht. Ziemlich ungemütlich dort, aber Schäli weiss Rat und weist den Weg. Kurze Zeit später steht die Seilschaft auf dem Gipfel und postet auf den sozialen Netzwerken den erfolgreichen Durchstieg einer super schwierigen Route: Das ist die Währung, die gilt, im Business des Profialpinismus. Vom hilfesuchenden Telefonat zu Schäli erfährt kein Mensch.

Roger Schäli lacht breit, als er im Café der Jugendherberge Interlaken bei einem Cappuccino diese Telefon-Episode erzählt. Und sie sagt viel aus über die Persönlichkeit des Eiger-Spezialisten, der auch im reifen Spitzenalpinisten-Alter von 42 Jahren noch immer mit der luftigen Frisur des jungen Wilden unterwegs ist. Aber eigentlich ist Schäli Eigernordwand-Professor, eine Schlüsselfigur für die internationale Gilde der Spitzenbergsteiger in allen Eiger-Angelegenheiten. Wenn sich ein Athlet oder eine Athletin mit einer Grosstat am Eiger verewigen will, ist Schäli, dessen austrainierter Oberkörper auf seinen Social-Media-Accounts gut zur Geltung kommt, die erste Anlaufstelle.

Wenn Schäli irgendwo postet, er sei in der Wand unterwegs, ist das ein international gültiges Signal, dass die Verhältnisse gut seien. Das löse oft einen Run aus, deshalb sei er zurückhaltend geworden. «Eigentlich könnte ich Geld verlangen für meine Tipps», sagt Schäli und grinst. Er würde als Routenberater wohl nicht einmal so schlecht verdienen. Aber er denkt nicht daran. Lieber hat er es, wenn die Eiger-Aspiranten bei ihm übernachten und man am Abend bei einem Bier zusammen grilliert.

55-mal kletterte er schon durch die Eigernordwand:  Roger Schäli in der Route «Merci la Vie», deren Name sagt, was ihm der Eiger bedeutet.
55-mal kletterte er schon durch die Eigernordwand: Roger Schäli in der Route «Merci la Vie», deren Name sagt, was ihm der Eiger bedeutet.
Foto: Severin Karrer

55-mal hat Roger Schäli, der keine Kinder hat, die Wand seit 1999 durchstiegen, auf 22 verschiedenen Routen. Neben der klassischen Heckmair-Route der Erstbesteiger von 1938 gibt es heute 30 weitere Wege durch die Wand. Zu ihnen gehört die Japaner-Direttissima, die in einer schnurgeraden Linie vom Wandfuss zum Gipfel führt und einst von einer japanischen Crew in wochenlanger Arbeit erschlossen wurde. An ihr entflammte Schälis Herz für den Eiger. Unendliche sechs Sommer investierte er, diese Route als Erster frei also angeseilt, aber ohne je ins Seil zu stürzen klettern zu können. 2009 hatte er es endlich geschafft, mit der Familie des japanischen Expeditionsleiters verbindet ihn bis heute eine Freundschaft.

Im Reinen mit dem Eiger

Er habe sich oft gefragt, ob ihn seine Obsession für die Eigernordwand eine spektakulärere Karriere an den Achttausendern des Himalaja gekostet habe, erzählt Schäli. Er brillierte zwar mit Begehungen in Patagonien, in Grönland oder in Indien. In Nepal indessen war er noch nie.

Heute, sagt Schäli, «bin ich absolut im Reinen mit meiner Fixierung auf den Eiger». Die Corona-Krise, findet er, weise uns auch darauf hin, wieder vermehrt die Dinge in der Nähe wertzuschätzen und nicht ständig exotische Abenteuer zu suchen. «Letztlich ist es genau das, was ich in den letzten 20 Jahren am Eiger gemacht habe», sagt er heiter, «Spitzenalpinismus mit Gütesiegel aus der Region.»

Abgesehen davon, bietet die Eigernordwand exotische Abenteuer à gogo. «Man darf sich nie im Gefühl wiegen, sie im Griff zu haben», sagt Experte Schäli, «sondern muss stets darauf gefasst sein, dass etwas Unvorhergesehenes passiert.» Legendär sind die rasch aufziehenden Gewitter, die Kletterer ans Limit bringen, während auf der Kleinen Scheidegg noch die Sonne scheint. Und ja, die Ausgesetztheit könne auch bei erfahrenen Cracks an den Nerven und am Selbstvertrauen nagen.

Die Eigernordwand sei für ihn eine Landschaft, durch die sich überraschend viele Wege ziehen: Roger Schäli in seinem Element.
Die Eigernordwand sei für ihn eine Landschaft, durch die sich überraschend viele Wege ziehen: Roger Schäli in seinem Element.
Foto: BOM

Er erinnert sich an eine frühe Kletterei in der Wand, im Jahr 2001 zusammen mit dem 2017 tödlich verunglückten Ueli Steck, Schäli verlor mit Pickeln und Steigeisen den Halt und stürzte ins Seil, Steck war aufmerksam und sicherte ihn. Doch als Schäli hinauspendelte ins Leere, unter ihm Hunderte Meter Luft und über ihm überhängender Fels, wurde auch ihm, dem jungen, unbeschwerten Draufgänger, ziemlich mulmig.

Zumal zusätzlich irritiere, dass die sichere Zivilisation zum Greifen nah scheint. Die Kuhglocken höre man fast bis auf den Gipfel, bestätigt Schäli. Man könne in der grauen, kalten Wand am Leistungslimit klettern oder gar in eine bedrohliche Situation geraten, während man sich in Hördistanz zur gemütlichen, sicheren Welt befinde. «Wenn man in ihr ist, strahlt die Eigernordwand eine Ernsthaftigkeit aus, die sich auch mit den Jahren nicht verliert», sagt Schäli. Er nehme sich nach jeder Eiger-Begehung Zeit, sie zu verdauen und setzen zu lassen und nicht in der Euphorie gleich fürs nächste Projekt einzusteigen.

Nächste Aufgabe: Eigersüdwand

In den letzten Jahren war Roger Schäli sehr oft im kompakten Fels des rechten Wandteils unterwegs, wo sich die technisch schwierigen Sportkletterrouten befinden. Es gibt dort auch flache Felsbänder, auf denen man bei mehrtägigen Projekten «ziemlich bequem übernachten kann», wie Schäli sagt, man rolle den Schlafsack aus oder stelle sogar ein Zelt auf.

Eiger-Profi Schäli, der von Sponsoren und Vorträgen lebt und auch als Bergführer arbeiten könnte, hat in seinen 55 Begehungen praktisch jeden Flecken der mächtigen Nordwand gesehen, und deshalb «ist sie für mich eigentlich gar keine Wand mehr. Sondern ich nehme sie wahr als ziemlich filigranes Relief mit Tälern und Rinnen, mit schroffen Überhängen, aber auch vielen flacheren Stellen. Als Landschaft, durch die sich überraschend viele Wege ziehen.»

Sieht Roger Schäli noch Routenmöglichkeiten, die bisher niemand erkannt hat? «Schwierig», sagt Schäli. Aber wie jeder findige Forscher hat auch der Eigernordwand-Professor neue Projekte im Kopf die Südwand auf der Hinterseite des Eigers etwa, steil, schwierig, kaum begangen. Ideales Gelände für einen kreativen Kopf, dem dieser Berg keine Ruhe lässt.