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Der Eishockey-TausendsassaDer ewige Willi ist Pokal-Papst, Kugel-Jongleur und Spielplan-General

Die «Corona-Saison» im Schweizer Eishockey hat begonnen. Noch nie war das Erstellen des Spielplans so kompliziert. Im Podcast «Eisbrecher» erklärte Willi Vögtlin sein Werk.

So kennt man ihn bei Auftritten im Playoff-Final: Willi Vögtlin und der Meisterpokal.
So kennt man ihn bei Auftritten im Playoff-Final: Willi Vögtlin und der Meisterpokal.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Willi Vögtlin ist in der Schweizer Eishockeyszene für vieles bekannt. Als Schiedsrichter war er einer der Besten seiner Zeit, und er war der Letzte überhaupt, der an einem internationalen Turnier ohne Helm ein Spiel leitete. Im Rampenlicht stand er danach bei einem zweieinhalbjährigen Intermezzo als General Manager des SC Bern. Und seit 1994 arbeitet er in diversen Funktionen beim Verband.

Man sieht Vögtlin, wie er als Chef Auslosung der Cuprunden die Zettelchen mit den Clubnamen in die Kamera hält – und wie er 2015 den Cup über die Eishockeyszene hinaus in die Schlagzeilen brachte, weil er ein Team aus dem Topf zog, das bereits ausgeschieden war. Über eine Fotomontage, die SCB-CEO Marc Lüthi daraufhin auf Twitter in Umlauf brachte, lachte die ganze Hockey-Schweiz: Sie zeigte, wie Vögtlin einen Zettel mit «Real Madrid» in die Kameras hält:

Die Ehrfurcht vor dem Pokal

Man kennt Vögtlin während des Playoffs als Hüter des Meisterpokals, er trägt während der Finalserien den «Kübel» jeweils vor Spielbeginn mit weissen Handschuhen für den Schweizerpsalm aufs Eisfeld – nicht weil sein Pendant in der NHL, Phil Pritchard, es seit 1994 genauso macht. Sondern weil er das bei Tambourmajoren und Fahnenschwingern abgeschaut hat. «Das tue ich aus Ehrfurcht vor dem Pokal», sagt Vögtlin.

Der Herr aller Schweizer Pokale: Willi Vögtlin mit der Trophäe des Schweizer Eishockey-Cups.
Der Herr aller Schweizer Pokale: Willi Vögtlin mit der Trophäe des Schweizer Eishockey-Cups.
Foto: Christian Pfander (freshfocus)

Und Vögtlin ist der Funktionär, über den landesweit Trainer, Manager, Spieler oder Fans fluchen, wenn ihnen etwas am Spielplan nicht passt: Zu viele (oder zu wenige) Spiele des eigenen Clubs in einer bestimmten Zeitspanne? Schuld ist Willi! Denn Vögtlin ist vor allem der Herr der Spielpläne.

Die Corona-Saison war eine besondere Herausforderung, lange war unklar, wann der Start in die Saison erfolgen würde: Es gab die Originalvariante für September, aber auch solche für Oktober, November, Dezember, ja gar Januar 2021.

Vögtlin muss sich oft den Spott der Fans anhören, wenn es dann so oder ähnlich heisst: «Eigentlich drückt der Willi im Computer bloss auf einen Knopf, und der Spielplan steht.» Dass dem nicht so ist, hat er nun im «Eisbrecher», dem Eishockey-Podcast von Tamedia, ausführlich erklärt.

75 von 300 Spielen werden verschoben

Seinen ersten Spielplan erstellte Vögtlin 1994, damals spielten bloss zehn Teams in der damaligen NLA, die Regular Season bestand aus nur 36 Runden, Sperrdaten der Clubs gab es kaum, man spielte grundsätzlich Vollrunden mit 5 Spielen. Mit den diversen Multifunkionalhallen hat sich das geändert: Nicht nur das Hallenstadion in Zürich bereitet Terminprobleme, auch in Zug, Lausanne oder Genf wird in den jeweiligen Hallen nicht nur Eishockey gespielt. Jeder vierte Match, rund 75 von 300, kann darum nicht am vorgesehenen Datum gespielt, sondern muss verschoben werden.

Vögtlins Arbeit beginnt darum bereits im August des Vorjahres, das heisst, dass er aktuell bereits den Spielplan von 2021/22 erstellt – und erst noch zweigleisig. Weil noch offen ist, ob in der National League nächste Saison 12 oder 13 Teams spielen werden, braucht es zwei komplett voneinander unterschiedliche Spielpläne. Sicher ist nur, dass es keinen Absteiger gibt, ein Aufsteiger kann aber eventuell dazukommen. So oder so werden, wie erstmals in dieser Saison, alle Teams der National League erneut 52 statt 50 Spiele bestreiten.

Vögtlin besucht jeden Club, um alle Details ihres Spielplans zu besprechen. Mit dem damaligen ZSC-Sportchef Simon Schenk, der gleichzeitig auch als Nationalrat tätig war, diskutierte er einst im Bundeshaus über Spielverschiebungen. Ebenfalls mit Schenk debattierte er über den Spielplan 2007/08, der für die ZSC Lions eine besondere Herausforderung darstellte. Das Resultat war eine einmalige Ansammlung von Spielen: Die Lions mussten im Dezember in sechs Tagen fünfmal ran.

Wenn ein Koch eine Auskunft will

Den Grobplan erstellt Vögtlin mittlerweile mithilfe eines Mathematikers: Rund 50 der 75 Probleme löst dieser, die restlichen 25 müssen in Handarbeit zusammen mit den Clubvertretern platziert werden. Das Beispiel der ZSC Lions von 2007 soll eine Ausnahme bleiben, ein gewisser Rhythmus sowie bestimmte Ruhezeiten sollen eingehalten werden können.

Bis der Spielplan 2021/22 steht, wird Vögtlin noch unzählige Diskussionen mit den Clubs führen – und er wird ihre Wünsche befolgen. Denn das betont er stets: «Die Leitplanke geben immer die Clubs vor.» So will kein Club in einer Doppelrunde zwei Heimspiele, aber genauso wenig zwei Auswärtsspiele, zum Beispiel beim selben Gegner, haben. Vögtlin wird aber auch wieder E-Mails von Fans erhalten wie jenes eines Kochs, der einst im Voraus wissen wollte, wann der HC Davos in der Wintersaison seine Heimspiele bestreiten wird. «Wir geben nie solche Auskünfte», betont Vögtlin.